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Vom Schicksalsschlag ins neue Zuhause

„Vom Flüchtling zum Präsidenten“ titelt die Presse immer wieder gerne,
wenn sie von Amir Vesali berichtet. Nur knappe neun Jahre nach seiner Ankunft in Luxemburg schafft es der damals 19-Jährige 2016 bis an die Spitze des Jugendparlaments. Hinter dem Bild des ehrgeizigen Flüchtlingskindes steckt weit mehr als nur eine Erfolgsstory mit „Happy End“.


Fotos: Philippe Reuter, Privatarchiv

Ich bin Luxemburger“, kündigt der 20-jährige Amir Vesali stolz an. „Ich fühle mich, als sei ich hier geboren.“ Nichts lässt ahnen welch weiter Weg der junge Mann, der in Teheran geboren wurde, zurückgelegt hat, bis er endlich den so sehr erhofften Luxemburger Ausweis in seinen Händen hielt.

Wie hätte er einige Jahre vorher vermuten können, dass sein Leben und das seiner ganzen Familie sich in nur kurzer Zeit grundlegend verändern würde? Niemand hätte je gedacht, dass der Vater, der für die iranische Regierung arbeitete, plötzlich als Spion beschuldigt wird. Er muss flüchten. So schnell wie möglich den Iran verlassen. Richtung Türkei. Doch wo der Vater verblieb, war seiner Familie zuerst nicht bekannt. „Wie dachten, er sei für immer verschwunden. Wir hatten Angst, er sei verstorben oder sogar ermordet worden“, verrät Amir. Damals war er gerade mal acht Jahre alt.

Als der Vater sich zwei Wochen später meldet, fällt dem kleinen Jungen ein Stein vom Herz. Doch was soll nun aus dem Vater werden? Die iranischen Autoritäten nehmen die Familienmitglieder ins Verhör und sie werden abgehört. „Doch die haben sehr schnell festgestellt, dass wir über nichts Bescheid wussten“, erklärt Amir. Drei Jahre lang steckt der Vater in der Türkei fest. Währenddessen wird ein Teil der Familie enteignet. Das Einzige, was ihnen bleibt ist das Haus der Mutter, und um den Vater in der Türkei finanziell zu unterstützen, verkaufen sie alle Wertsachen und sogar die Möbel.

Der junge Mann gibt sich zwar gelassen und entspannt währenddem er über diese schmerzhafte Erinnerungen berichtet. Doch ganz schnell wird klar, dass ihn diese Lebenserfahrung geprägt hat. „Am Anfang war es ganz schwierig für mich darüber zu reden. Es war etwas sehr Emotionales. Für meinen Vater ist es ein Kapitel seines Lebens, mit dem er abgeschlossen hat“, verrät der 20-Jährige. Als Amir seinen Bericht fortsetzt, kommen Bilder hoch, die wir alle mittlerweile aus dem Fernsehen kennen: Tausende Flüchtlinge, die auf Schlauchbooten das Mittelmeer überqueren. Für diese Option entscheidet sich auch Amirs Vater. Er meldet sich ein letztes Mal per Telefon von seinem Schlauchboot aus. Dann ist Funkstille. „Was sich alles während seiner langen Reise abgespielt hat, das haben wir damals nie so richtig erfahren. Mein Vater hat mir erst vor zwei oder drei Jahren darüber berichtet“, betont Amir. Mit seinem Schlauchboot gelangt der Vater bis zur griechischen Insel Kos. Dann ging es weiter nach Italien, Frankreich und schlussendlich Trier. Dort raten ihm persische Landsleute nach Luxemburg weiter zu reisen. „Er hat sich bei der amerikanischen Botschaft gemeldet und wurde dann hier in Luxemburg als Flüchtling anerkannt“, berichtet Amir Vesali.

„Ich fühle mich, als sei ich hier geboren.“

Für den damals Zehnjährigen beginnt in diesem Augenblick ein neues Kapitel seines Lebens. Zusammen mit seiner Mutter und seiner kleinen Schwester verlassen sie Teheran. Über Luxemburg weiß er nur wenig. Der totale Umgebungswechsel macht dem jungen Amir zu schaffen, denn mit der Neun-Millionen-Einwohner-Hauptstadt des Irans hat die neue Heimat nichts gemeinsam. Die Ankunft erweist sich als schwierig. „Es war kalt und es schneite. Alles kam mir so grau vor. Der Flughafen war so klein – und im Auto, auf dem Weg nach Niederfeulen, wo mein Vater eine Wohnung gefunden hatte, fragte ich dauernd, wann denn endlich die Stadt komme. Es war einfach alles so anders“, erinnert sich Amir. Er fühlt sich hierzulande fremd. Spielkameraden hat er nicht viele und verschiedene Leute lassen es sich nicht nehmen, ihn spüren zu lassen, dass er „anders“ sei. Und das fängt in der Schule an.

„Ich wurde zum Moralunterricht geschickt, weil manche sicher glaubten, ich sei Araber und Moslem“, verrät Amir Vesali. „Obwohl ich mehrmals betont habe, dass ich aus einer christlichen Familie komme, wurde mir der Religionsunterricht verweigert.“ Aber der Zehnjährige ist ehrgeizig. Er will Französisch und Deutsch lernen. Mit großer Unterstützung des Lehrpersonals gelingt es ihm, sich einzuleben, sich zu integrieren. Integration ist auch heute noch ein wichtiges Thema für ihn. Als er im Mai 2016 die luxemburgische Nationalität erhält, ist er ganz besonders stolz. Es ist Amir wichtig, Vorurteilen ein Ende zu machen. Stattdessen solle man sich als Luxemburger fühlen können, auch wenn man anfangs nicht von hier ist.

„Mein Vater wollte, dass ich die Finger von der Politik lasse.
Ich verschwieg ihm am Anfang, dass ich im Jugendparlament bin – bis er in der Zeitung davon erfuhr.“

„Viele Leute haben eine schlechte Meinung über Flüchtlinge. Das ist ein Problem in den westlichen Ländern. Auch hierzulande. Ich habe als Kind sehr stark darunter gelitten. Wenn regelrecht mit dem Finger auf einen gezeigt wird, ist das kein angenehmes Gefühl“, erklärt Amir. Auch was die Sprachenpolitik angeht, ist er der Meinung, es müsse noch mehr unternommen werden. Die beste Gelegenheit sich in eine Gesellschaft zu integrieren und nicht ausgeschlossen zu sein, ist es die Möglichkeit zu haben, die Sprache zu lernen. Davon ist Amir Vesali überzeugt.

Seit vier Jahren ist er im Jugendparlament tätig, zuerst allerdings gegen den Willen seines Vaters. „Er wollte, dass ich die Finger von der Politik lasse. Als politischer Flüchtling kann man das verstehen. Ich habe ihm am Anfang verschwiegen, dass ich im Jugendparlament bin, doch eines Tages hat er einen Bericht über mich in der Zeitung gelesen“, berichtet er. Nach einer längeren Diskussion unterstützt der Vater schlussendlich seinen Sohn. 2016 wird Amir ein Jahr lang zum Präsidenten des Jugendparlaments gewählt. Der 20-Jährige hat sich dieses Jahr auch politisch bei der LSAP engagiert und möchte an der Universität Rechts- und Wirtschaftswissenschaften studieren.

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen & Gesundheit

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Author: Martine Decker

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