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Von Ausdauer und Treue

Tun Deutsch wäre mit Sicherheit sehr stolz. Vor allem darauf wie seine Erben Germain Wagner, Marc Limpach und Lex Weyer das vor 50 Jahren gegründete Kasemattentheater Saison für Saison mit Leben füllen. (Foto: Jacques Bohler)

Dass eine Bühne nicht unbedingt aus Brettern bestehen muss, die die Welt bedeuten, sondern auch aus Fels oder Beton, beweist das Kasemattentheater seit nunmehr einem halben Jahrhundert. Grund genug, sich nach dem Befinden des von Tun Deutsch gegründeten „Centre Grand-Ducal d‘Art Dramatique“ zu erkundigen.

Wie fit ist das Kasemattentheater ins neue Jahr gestartet?
Germain Wagner: So fit wie möglich. Von den Strapazen, die Geburtstagsfeiern gemeinhin mit sich bringen, haben wir uns mittlerweile erholt. Jetzt freuen wir uns auf die kommenden Aufführungen.

Was würden Sie rückblickend als den größten Fortschritt bezeichnen, den das Kasemattentheater seit seiner Gründung im Jahr 1964 erfahren hat?
Marc Limpach: Die Gründung selbst war recht fortschrittlich. Tun Deutschs Traum, in dem eher verschlafenen und konservativen Luxemburg der frühen 1960er Jahre ein modernes und avantgardistisches Theater zu schaffen – mit neuen Autoren, die ein neues Publikum in neue Spielstätten locken sollten –, war damals etwas Außergewöhnliches. Dieser Tradition des zeitgenössischen literarischen Theaters sehen wir uns auch heute noch verpflichtet.

Germain Wagner: Im Nachhinein hat das Kasemattentheater etliche Höhen und Tiefen durchlebt. Für mich persönlich ist die Tatsache, dass wir heute nicht mehr von einer Inszenierung zur nächsten planen, sondern seit 2008 mit den sehr bescheidenen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen, ein komplettes Spielzeitprogramm mit mindestens drei bis vier neuen Produktionen und ebenso vielen Lesungen auf die Beine stellen, ein wichtiger Schritt in der Entwicklung unseres Theaters.

„Es geht darum, den Blick des Menschen auf die Welt zu verändern. Theater soll zum Nachdenken anregen und Perspektiven verschieben.“ Marc Limpach

Und was ist mit dem Umzug von den Bockkasematten nach Bonneweg?
Marc Limpach: Die fortschrittliche Presse und ein aufgeschlossenes Publikum waren von Anfang an begeistert von der „Experimentierbühne“, die mit ihrem Willen, aus dem klassischen Spielbetrieb auszubrechen, jeden Sommer neue Maßstäbe in den Kasematten setzte. Und es war durchaus spannend, über steile Treppen und durch dunkle Gänge in einen unterirdischen Theaterraum zu gelangen, aber wenn es regnete, konnte es mitunter auch ziemlich unangenehm werden. Natürlich hätte die Truppe um Tun Deutsch und später Pierre Capésius gerne eine feste Spielstätte gehabt, wo man das ganze Jahr über hätte spielen können, aber was damals schon genauso wichtig war wie heute, ist die Nähe zum Publikum. Tun Deutsch zufolge gab es keine passiven Zuschauer. Alle wirken irgendwie am Geschehen mit, jeder sieht sich als Teil der Aufführung.

Germain Wagner: Und gerade das ist der fundamentale Unterschied zwischen dem konventionellen „Guckkastentheater“, in dem Frau X und Herr Y in Reihe Z sitzen und das Geschehen auf der Bühne eher unbeteiligt miterleben, und dem Kasemattentheater, in dem der Zuschauer fast zum Partner oder Assistenten wird. Doch zurück zur eigentlichen Frage. Als die Bockkasematten Anfang der 1990er Jahre renoviert wurden, stellte die Stadtverwaltung dem Theater den „Tramsschapp“ zur Verfügung. In diesem vergleichsweise unromantischen Ort saßen die Besucher zwar trocken und relativ warm, aber nach wie vor auf unbequemen Stühlen. Allerdings war der damalige Raum verwandelbar und daher immer für Überraschungen gut.

„Die Tatsache, dass wir seit 2008 mit sehr bescheidenen Mitteln ein komplettes Spielzeitprogramm auf die Beine stellen, ist für mich ein wichtiger Schritt in der Entwicklung des Kasemattentheaters.“ Germain Wagner

Das ist die feste Spielstätte in Bonneweg nun auch…
Germain Wagner: … weil verschiedene Spielsituationen im Raum uns wichtig sind und weil die Begegnung von Darsteller und Zuschauer stets im Mittelpunkt der Arbeitsweise des Kasemattentheaters gestanden hat. Mit der finanziellen Hilfe der Stadt Luxemburg wurde die Bonneweger Spielstätte 2012 renoviert und zu einem multifunktionellen Spielort umgestaltet.

Sind daher Lesungen zum festen Bestandteil des Programms geworden?
Marc Limpach: Lesungen sind fest in der Tradition des Kasemattentheaters verankert. Der erste öffentliche Auftritt des späteren Theaters war immerhin Tun Deutschs Rezital „Poésie à la Rampe“ im Escher Stadttheater. Die Texte, die ich heute für Lesungen auswähle, stehen gewöhnlich in Zusammenhang mit unserem Spielzeitmotto. In diesem Jahr bezieht sich die gesamte Saison auf das Thema „Migranten und Migration“. So haben wir für eine Jubiläumsproduktion mehrere bekannte Luxemburger Schriftsteller und Theaterschaffende gebeten, Szenen oder bühnenreife Miniaturen zu schreiben, die sich mit dem Thema, das sowohl die möglichen Ängste als auch den multikulturellen Reichtum des Großherzogtums widerspiegelt, auseinandersetzen.

Was die Behauptung bestätigt, dass Theater ein Spiegel der Zeit ist.
Marc Limpach: Genau. Oder zumindest sollte es das sein. Theater kann die Welt wohl nicht verändern. Trotzdem geht es darum, wenigstens den Blick des Menschen auf diese Welt zu verändern. Theater soll zum Nachdenken anregen und Perspektiven verschieben. Am liebsten durch innovative und qualitativ hochwertige Produktionen.

Germain Wagner: Gleichzeitig verfolgt das Kasemattentheater das Ziel, jungen Leuten eine kreative Plattform zu bieten. Die Liste von Schauspielern, die ihre Karriere auf unserer kleinen Bühne begannen und beginnen, ist lang. Die Generation von André Jung, Frank Feitler, Josiane Peiffer, Steve Karier und anderen hat im Kasemattentheater angefangen. Weitere Beispiele sind Fabienne Hollwege, Catherine Janke und Vicky Krieps, die ihr Können 2010 in „Woyzeck“ zeigte, oder Eugénie Anselin, die als 17-Jährige ihre erste große Rolle in deutscher Sprache in „Dantons Tod“ spielte, bevor sie ihr Studium an der Zürcher Hochschule der Künste begann. Dasselbe gilt für Regisseure. So haben u.a. Olivier Garofalo, Fabienne Biever, Anne Simon und Carole Lorang erste wichtige Erfahrungen bei uns gesammelt oder Projekte durchgeführt, die sie in ihren Stammhäusern vielleicht nicht in dieser Form hätten entwickeln können.

Dantons Tod (2009): mit Eugénie Anselin, Florian Panzer, Jules Werner. (Foto: Ricardo Vaz Palma)

Dantons Tod (2009): mit Eugénie Anselin, Florian Panzer, Jules Werner. (Foto: Ricardo Vaz Palma)

Und es ärgert Sie nicht, als fruchtbarer Nährboden zu dienen, nicht jedoch, eine dementsprechend reiche Ernte einfahren zu dürfen?
Germain Wagner: Nicht im Geringsten. In einem derart kleinen Land wie Luxemburg neidisch zu sein, ist einfach lächerlich. Stattdessen pflegt das Kasemattentheater Koproduktionen mit größeren Bühnen und Kulturhäusern und -institutionen. Nur so kann die Fülle unseres Programms gewährleistet sein. Theater ist immer Austausch.

Ausblick

26. Januar: Begegnung mit dem bekannten deutschen Schauspieler Devid Striesow, der aus Werken von Robert Walser vorlesen wird.
17. März: Premiere von „Furcht und Wohlstand des Luxemburger Landes“, ein Theaterprojekt über Migranten und Migration, das sich aus Textcollagen von u.a. Guy Helminger, Claudine Muno und Elise Schmit zusammensetzt.
2. April: „Ich suche Trost im Wort“, eine Lesung mit Nikolaus Haenel, Marc Limpach und Désirée Nosbusch, in deren Mittelpunkt deutschsprachige Gedichte aus und über das Exil stehen.
5. Mai: Premiere von „Lampedusa“ von Henning Mankell, mit Julia Malik in einer der drei Hauptrollen.
22. Mai: „Carte blanche“ für den Sänger Jean Bermes.
3. Juni: Minidramen II, mit neu gemixten, nicht jedoch verfeinerten Texten von u.a. Samuel Beckett, Harold Pinter und Kurt Schwitters.
Juni/Juli: „Die Torte“, ein Stück – nach Texten von Ionesco u.a. –, das von einem Ehepaar erzählt, das im Restaurant seine langjährige Beziehung feiert und feststellen muss, dass es sich kaum kennt.
3. Juli: Saison-Abschlussfest mit den Hardpolkarockern The Shanes.

www.kasemattentheater.lu

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Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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