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Von Baum zu Baum

Aus Deutschland häufen sich die Hiobsbotschaften: Der Wald sei am Ende, heißt es. Trockenheit, Schädlingsbefall und Misswirtschaft seien die Gründe. Aber wie sieht es in Luxemburg aus? Höchste Zeit, zwei Forstingenieurinnen über die Schulter zu schauen.

Es ist Mittwochmorgen, kurz vor zehn, zwischen Tüntingen und Saeul. Die ganze Nacht hat es geregnet. Nicht stark, eher sanft und tröpfelnd. Die Straßen sind feucht und die Luft riecht frisch. Doch es müsste viel mehr runterkommen, die Natur lechzt nach Wasser. Man sieht es ihr an. Felder und Wiesen sind braun, viele Bäume verfärben bereits ihre Blätter als wäre es Herbst. Dabei hat gerade erst der August begonnen.

Martine Neuberg und Elisabeth Freymann gehen in den Wald. Mit festem Schuhwerk und Fernglas um den Hals sind sie dabei, Daten für den alljährlichen Waldzustandsbericht der Naturverwaltung zusammenzutragen. Die Prozedur ist festgeschrieben. An 52 Punkten im Land werden Bäume begutachtet, genau 1.248 Exemplare der unterschiedlichsten Arten sind es insgesamt. Die Stichprobenpunkte und die Bäume sind immer dieselben, pro Ort werden 24 Bäume in allen vier Himmelsrichtungen untersucht. Einige Bäume sind von Anfang an dabei, andere kamen mit der Zeit hinzu.

Seit 1984 wird der Waldzustandsbericht erhoben, immer in den letzten zwei Juli- und den ersten beiden Augustwochen. Beurteilt werden die Fülle und Farbe des Laubes, die Beschaffenheit und der Zustand von Blättern, Ästen und Rinde sowie der Samenstand. Zudem wird geschaut, ob und welche Schädlinge den Baum befallen haben, und ob Spuren von Pilzen oder anderen äußeren Einflüssen zu finden sind. Das zu beurteilen, ist nicht einfach. Jede Baumart verhält sich anders und selbst Bäume derselben Art können unterschiedliche Mechanismen entwickeln, je nachdem, wo und in welchem Boden sie stehen oder wie alt sie sind.

„Wir arbeiten nach internationalem Standard“, erklärt Martine Neuberg. „Wir haben uns mit den Nachbarländern darauf geeinigt, um unsere Daten vergleichbar zu machen. Ansonsten hätte das wenig Sinn.“ Das wichtigste Kriterium sei der Belaubungszustand, fügt Elisabeth Freymann hinzu. „Der Baum braucht die Blätter, um Photosynthese zu machen. Die Blätter sind sozusagen der Motor eines Baumes. Ohne sie funktioniert der ganze Baum nicht.“ In einem Katalog zeigt sie Beispiele unterschiedlicher Belaubungszustände. Gemessen wird in Prozent, angefangen bei keinem, also null Prozent Blattverlust bis hin zu völligem, also 100 Prozent Blattverlust. Anhand des Blattverlustes und der Farbe der Blätter werden die Bäume unterschiedlichen Schadensklassen zugeteilt.

In der Forstwirtschaft müssen wir viel langfristiger planen als in der Landwirtschaft. Martine Neuberg, Forstwirtin

Nach ein paar Schritten über Farne und Unterholz stehen die beiden Diplom-Forstwirtinnen vor einer Buche. Die Bäume, die begutachtet werden, sind durchnummeriert, die Buche ist die Nummer fünf in östlicher Richtung. 130 Jahre sei sie alt, schätzt Freymann. „Viel ist das nicht, sie kann 300 bis 400 Jahre alt werden.“ Eigentlich sieht der Baum ganz gut aus, doch der geübte Blick der Fachfrauen bringt anderes hervor: „Der Blattverlust liegt bei 50 Prozent“, sagt Martine Neuberg und schlägt die entsprechende Seite im Katalog auf. Und richtig, die Krone auf dem Foto kommt der in der Natur sehr nahe. Insgesamt ist das Laub nicht besonders dicht und an den Spitzen ragen zahlreiche Astspitzen hervor, an denen die Blätter gänzlich fehlen. Ein paar Katalogseiten weiter vorne sieht man, wie sie eigentlich aussehen könnte, voller dichtem Grün.

Trockenheit und Borkenkäfer haben den Fichten im ganzen Land zugesetzt.

Doch zurück in die Natur, zu Baum Nummer vier, einer weiteren Buche. Ihre Krone sucht man vergeblich, stattdessen ragt lediglich ein kahler Stumpf empor. „In diesem Zustand war der Baum schon im letzten Jahr. Würde er an einem Weg oder einer Straße stehen, hätten wir ihn längst fällen lassen“, sagt Elisabeth Freymann. „Solange wir aber noch einzelne Äste mit Verzweigungen und Feinreisig sehen, lassen wir ihn stehen und nehmen ihn mit auf. Wir wollen ja die Resultate nicht beschönigen, dadurch, dass wir einen Baum nehmen, dessen Zustand ein besserer ist.“

Rund 34 Prozent der Landesfläche Luxemburgs ist mit Wald bewachsen, etwas mehr als die Hälfte davon befindet sich in Privatbesitz. Doch für die Bestandsaufnahme der Naturverwaltung gibt es keinen Unterschied zwischen privatem und kommunalem Wald, sie ermittelt flächendeckend den Zustand aller Wälder. Die Resultate der vergangenen Jahre sind besorgniserregend. Lediglich ein Drittel der Bäume gilt als gesund, ein weiteres Drittel zeigt erste Anzeichen von Schädigungen, das letzte Drittel ist mittel bis schwer geschädigt.

Im Vergleich zu früheren Messungen hat sich der Zustand stark verschlechtert. Galten im Jahr 1984 noch 80 Prozent der Bäume als gesund und lediglich knappe vier Prozent als ernsthaft geschädigt, ging es bis Mitte der 1990er rapide bergab. Damals waren die Werte ähnlich fatal wie heute. Doch dann erholte sich der Wald wieder ein wenig, bis Anfang der 2010er-Jahre. „Da hat es sich dann in einem schlechten Zustand eingependelt“, sagt Freymann.

Der Baum Nummer vier, eine Buche, ist in miserablem Zustand. Solange aber noch Feinreisig an den Ästen vorhanden ist, wird er nicht gefällt.

Das genaue Erforschen der Ursachen brauche Zeit und Fachleute, sagt Martine Neuberg. Natürlich liegt eine Ursache völlig auf der Hand: die durch den Klimawandel zunehmende Trockenheit. Die stresst alle Pflanzen. Und macht sie anfälliger für Schädlinge. Besonders den Fichten geht es schlecht, sie werden von Borkenkäfern regelrecht vernichtet, weil sie durch das fehlende Wasser nicht ausreichend Harz bilden können, um sich vor den Eindringlingen zu schützen. Monokulturen, in denen also nur Fichten stehen, sind ein wahrer Gaumenschmaus für Borkenkäfer. Da haben sie es nicht weit von einem Wirt zum nächsten. Doch auch die Eichen werden dieses Jahr gefordert. Mehrere Falterarten haben sich breitgemacht, deren Raupen sich von Eichenblättern ernähren und so den Motor der Bäume verlangsamen oder gleich ganz lahmlegen.

Die nicht ausreichende Bewirtschaftung der Wälder ist einer der Hauptkritikpunkte, die zurzeit in den deutschen Medien die Runde macht. Dort, so heißt es, sei verschlafen worden, die Wälder mit unterschiedlichen Baumarten zu durchmischen, damit sie widerstandsfähiger sind. „Natürlich sind Monokulturen viel anfälliger für Schadinsekten als Mischwälder“, bestätigt Elisabeth Freymann. Doch den Vorwurf, etwas versäumt zu haben, lassen die Forstwirtinnen für Luxemburg nicht gelten. „Wir sind dabei, unsere Wälder längerfristig in artenreiche Bestände umzuwandeln“, sagt Martine Neuberg. „Der Umschwung ist da, er dauert aber. In der Forstwirtschaft müssen wir viel langfristiger planen als in der Landwirtschaft.“

Nach dem Krieg wurden viele Fichten angepflanzt, weil sie schnell wachsen und wirtschaftlichen Gewinn bringen. Elisabeth Freymann, Forstwirtin

Dass es überhaupt Monokulturen mit Fichten gibt, hätte einen historischen Hintergrund, sagt Elisabeth Freymann. „Nach dem Krieg wurden viele Fichten angepflanzt, weil sie schnell wachsen und wirtschaftlichen Gewinn bringen. Nicht umsonst wurden sie ‚Brotbäume‘ genannt. Man konnte mit ihnen Geld verdienen und Häuser bauen.“ Mittlerweile gibt es in ganz Europa ein Überangebot an Fichtenholz, bedingt durch das massive Aufkommen von Borkenkäfern.

Klimaforscher haben prognostiziert, dass mit heißen und trockenen Sommern zunehmend zu rechnen sein wird. Könnte man nicht Bäume in die Wälder integrieren, die mit solchen Verhältnissen besser zurechtkommen? „Da sollte man sehr vorsichtig sein“, meint Neuberg. „Das muss genau untersucht werden. Bei fremdländischen Baumarten, die man nicht kennt, kann man Überraschungen erleben. Oder sich Schadorganismen einschleppen, die dann ganz andere Schäden verursachen.“

Bäume sind widerstandsfähig. Viele Laubbäume können sich wieder erholen, selbst wenn sie mal zwischendurch eine schlechte Phase erleben, sie bilden dann von unten heraus eine zweite Krone. Für die meisten Nadelbäume gilt das nicht. Sollten sich die Klimaprognosen bewahrheiten, wird sich der Wald verändern. Mit oder ohne Hilfe von Menschen.

Fotos: Philippe Reuter, Udo Schmidt (wikimedia)

Zum Umgang mit Borkenkäfern hat die Naturverwaltung kürzlich eine Broschüre herausgegeben. Abzurufen ist diese unter www.emwelt.lu

Der Baum Nummer vier, eine Buche, ist in miserablem Zustand. Solange aber noch Feinreisig an den Ästen vorhanden ist, wird er nicht gefällt.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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