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Eric’s Car Corner: Von Möpsen und Granaten

Die schöne bunte Welt der Automobile ist, genau wie jene von Walt Disney, rappelvoll mit farbenfrohen Mythen und schillernden Halbwahrheiten, die wir gerne glauben und auch munter weiter erzählen, weil sie lustig sind, uns erschaudern lassen oder einfach nur dem Mark-Twain-Postulat entsprechen, nachdem man die Wahrheit nie in die Quere einer guten Story kommen lassen soll.

Diese urbanen Legenden, von denen niemand mehr so richtig weiß, wo sie herkommen und wer sie zuerst in die Welt gesetzt hat, werden oft am Stimmtisch, manchmal sogar auf der so genannten „Expertentagung“ als geistreiche Anekdote zur Unterhaltung der staunenden Zuhörerschaft kolportiert, denn sie vereinen gekonnt ein anscheinend enzyklopädisches Fachwissen mit der weltmännischen Portion Esprit des viel gereisten Lebemannes, der es einfach nur besser weiß. Nur leider sind die populärsten und hartnäckigsten von ihnen meist nichts als Potemkinsche Dörfer.

Ein gutes Beispiel ist der Mythos nachdem der alte Henry Ford gesagt haben soll, dass man das erste am Fließband gefertigte Auto der Geschichte, die „Tin Lizzy“, die auch „Dick und Doof“ mit Vorliebe malträtierten, in jeder Farbe bekommen könne, sobald diese Farbe schwarz sei. Doch das stimmt gar nicht, denn von den 15 Millionen Ford-T-Modellen waren „nur“ etwa 12 Millionen schwarz lackiert, da schwarze Lackierungen als billig und resistent galten. Die restlichen 3 Millionen Ford T gab es in Braun, in Grün usw., nur waren diese Farben dank der dickflüssigen Lacke, mit denen man sie versiegelte, im Endeffekt so dunkel, dass es den Anschein hatte, es handele sich immer um monotones Schwarz.

Doch es gibt unzählige andere Mythen, wie der, der besagt, dass Hollywood-Busenwunder Jayne Mansfield von der Windschutzscheibe eines 66er Buick Electra 225 enthauptet wurde, als der Wagen mit Karacho auf einen Sattelschlepper auffuhr. Was die Regenbogenpresse damals zu dieser gruseligen Aussage bewegte, war lediglich eine künstliche Haarsträhne, die auf dem Armaturenbrett lag. Was auch nicht stimmt, ist dass die nachträglich zum Standard werdenden Querstreben an Sattelschlepperanhängern, die einen solchen „Unterfahrunfall“ verhindern sollen, in den USA im folgenden Jahr aufgrund dieses Unfalls und auf Druck der „National Highway Traffic Safety Administration“ (NHTSA) ganz offiziell als „Mansfield Bar“ per Gesetz eingeführt wurden. Die NHTSA schlug diese Maßnahme zwar wirklich 1967 vor, doch zum gesetzlichen Standard wurden sie erst 1998, also 31Jahre später, und offiziell heißen sie seitdem auch ganz banal „underride guards“ – Unterkantenschutz.

Und noch eine Enttäuschung, ehe ich sie verschone: Die Stoßfänger im chromierten Torpedo-Look, die der geniale Designer Harley Earl einigen General-Motors-Modellen in den 50er Jahren angedeihen ließ, trugen im Lastenheft natürlich nie den Namen „Dagmar Bumpers“, wie man sie heutzutage in Hommage an einer Wasserstoffblondine der 50er bezeichnet, denn Harley Earl hatte sich leider nicht an den trostspendenden Möpsen besagter Dame, sondern an den todspendenden Artilleriegranaten des Koreakrieges inspiriert.

Eric Netgen

Chefredakteur autorevue

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Author: Philippe Reuter

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