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VR-Brillen revolutionieren die Medizin

VR-Brillen sind nicht nur ein Zeitvertreib für Gamer, sondern bieten ein noch zu oft ungeahntes Potenzial im Bereich der Medizin. In der Kinderklinik des CHL soll, dank dieser neuen Technologie, eine ablenkende Immersion in virtuelle Welten, Schmerzen und Ängste lindern.

Es ist eine sensationelle Entdeckung, deren Entwicklung eigentlich nicht als therapeutisches Instrument gedacht war. VR-Brillen waren am Anfang nur ein Zeitvertreib für eingefleischte Videospielfans. Doch die virtuelle Realität bietet heute Möglichkeiten, die vor einigen Jahren noch ungeahnt waren. Im Bereich der Medizin erleichtert diese künstlich erzeugte Wirklichkeit das körperliche und psychologische Leiden vieler Patienten.

„Eine bessere Schmerzbehandlung steigert die Zufriedenheit des Patienten“, erklärt Mohamed Abderrahmane, Krankenpfleger für Anästhesie und Reanimation in der Kinderklinik des CHL. „Dies hat psychische und physische Auswirkungen auf den Patienten und damit auch auf dessen Versorgung und Verweildauer im Krankenhaus. Die VR-Brille kann ebenfalls eine alternative oder eine Ergänzung zur medikamentösen Behandlungen sein.“

Die Auswertung und die Bewältigung der Schmerzen sind ein wichtiger Hauptbestandteil in der heutigen Medizin. Und das sowohl bei Erwachsenen als auch bei Kindern. „Der Schmerz ist eine subjektive Erfahrung“, betont Mohamed Abderrahmane. Seit Oktober wird den Patienten der Kinderklinik (ab fünf Jahren) eine VR-Brille zur Schmerzlinderung angeboten. Das kann zum Beispiel der Fall bei einer Blutprobe sein oder bei einer Impfung. „Ab dem fünften Lebensjahr ist ein Kind im Stande zu verstehen, wie eine VR-Brille funktioniert und begreift, welche Behandlung die Pflegekräfte während seiner Immersion in die virtuelle Welt durchführen werden.“

Der Patient, der den Helm trägt, taucht regelrecht in die virtuelle Welt ein. Ziel ist es, ihn von der Realität zu trennen. Mohamed Abderrahmane, Krankenpfleger für Anästhesie und Reanimation in der Kinderklinik des CHL

Doch wie funktioniert diese neue Technologie, die weltweit nicht nur Forscher und Ärzte überzeugt hat, sondern auch viele Patienten begeistert? Um dies zu erklären, muss sich zuerst für verschiedene Elemente der Technik interessiert werden. Die virtuelle Realität, die diese Brillen erzeugen, ist nichts anderes als eine computergenerierte dreidimensionale Umgebung. Eine Art Illusion in Bild und Ton, ohne erkennbare Grenze. Denn ein anderer wichtiger Bestandteil ist das „Head Tracking“. Das sind Sensoren an der VR-Brille, die den Kopfbewegungen des Benutzers folgen und so die Illusion vermitteln, er bewege sich in der virtuellen Umgebung genauso wie in der realen Welt.

„Der Patient, der den Helm trägt, taucht regelrecht in die virtuelle Welt ein. Ziel ist es, ihn von der Realität zu trennen“, erklärt der Krankenpfleger für Anästhesie und Reanimation. „Kinder sind sehr empfänglich für die Welt der Fantasie.“

Das Ziel ist es also, das Kind von der eigentlichen Behandlung abzulenken. Der Schmerz verschwindet im Hintergrund.

„Die visuellen und akustischen Funktionen werden abgeschottet“, erklärt Mohamed. „Die VR-Brille kann sowohl als passive Ablenkung benutzt werden, indem wir dem Kind zum Beispiel ein Zeichentrickfilm anbieten oder als aktive Ablenkung mit einem Spiel, denn die VR-Brille ist mit einem Controller ausgestattet.“

Wir haben alle nur eine begrenzte Aufmerksamkeitskapazität. Es ist uns also unmöglich, alles hundertprozentig wahrzunehmen, was uns umgibt. Die VR-Brille dient als Ablenkungswaffe. Vorläufige Beobachtungen haben das schon vor Jahren bewiesen. „2006 in den Vereinigten Staaten hat der Schmerzexperte Hunter Hoffman VR-Brillen bei Patienten mit Verbrennungsverletzungen eingesetzt“, weiß Mohamed Abderrahmane.

In einer Studie beweist Hoffman, dass bei 54 Kindern aus der Verbrennungseinheit, die zwischen sechs und 19 Jahren alt waren, die Schmerzempfindlichkeit zwischen 27 und 44 Prozent abgenommen hat.

Der Schmerz ist eine subjektive Erfahrung. Mohamed Abderrahmane, Krankenpfleger für Anästhesie und Reanimation in der Kinderklinik des CHL

„Ein Magnetresonanztomogramm (MRT) wurde durchgeführt und dabei wurde festgestellt, dass die von der Außenwelt abgeschnittenen Kinder Endorphine im Körper freisetzen. Endorphin wirkt als Glückshormon und Schmerzstiller“, erklärt der Krankenpfleger für Anästhesie und Reanimation begeistert.

Die 17-jährige Nina hat keine Berührungsangst, wenn es um VR-Brillen geht. Bei ihrem Bruder hat sie die virtuelle Realität schon längst ausprobiert. Allerdings nicht im Zusammenhang mit einer Blutabnahme. „Sie hat sich eine Reise durch Amerika gewünscht“, verrät Mohamed. Das virtuelle Experiment gefällt dem Teenager allem Anschein nach. Sie lächelt und drückt hastig immer wieder auf die Fernbedienung, die sie in der Hand hält. Die Entdeckungsreise scheint mitreißend zu sein. „Ich fühle mich wohl“, antwortet sie Bob Kirfel, dem Stationsleiter der pädiatrischen Notaufnahme des CHL. Ganz von der Welt abgeschottet, ist sie nicht. Trotzdem bekommt sie nicht zu spüren, dass die Krankenpflegerin schon längst mit der Blutabnahme begonnen hat. Der Beweis, dass Stress und Schmerzen deutlich reduziert sind, wenn das Gehirn sich nicht darauf konzentriert. Nina ist abgelenkt und als sie plötzlich fragt, „dauert es noch lange“, ist ihr nicht bewusst, dass der medizinische Vorgang schon einen Augenblick vorbei ist.

„Die Zeit des Eintauchens in die virtuelle Welt dauert ungefähr zehn bis fünfzehn Minuten“, weiß Mohamed. „Wir bieten den Kindern Spiele an, die ihnen gefallen und ihren Interessen entsprechen. Der Hauptgrundsatz ist es, den Willen des Kindes zu respektieren. Niemand wird hier zu etwas gezwungen, was er nicht möchte. In einigen seltenen Fällen, wie zum Beispiel bei Epilepsie, sind VR-Brillen aber nicht unbedingt angebracht.“

Wir waren sofort von diesen VR-Brillen begeistert. Pia Krips, Pimpampel asbl

Die virtuelle Realität ist nicht nur ein Ablenkungsmanöver. Ausflüge in virtuelle Welten können auch eine Alternative zu verschiedenen Medikamenten sein. Denn ein anderer interessanter Vorteil ist, dass VR-Brillen keine Nebenwirkungen haben.

„Ein langfristiges Ziel ist es ebenfalls, die Pflegephobie, die bei Kindern manchmal sehr präsent ist, mit dieser Methode zu bewältigen“, verrät Mohamed Abderrahmane.

Diese neue Technik ist auch leicht für die Pflegekräfte zu handhaben. Es wird keine langwierige spezifische Ausbildung benötigt. Zurzeit verfügt die Kinderklinik im CHL über zehn VR-Brillen. Finanziell wurde das Projekt von der Pimpampel a.s.b.l. unterstützt. Ihr Ziel ist es vor allem, den jungen Patienten den Aufenthalt in der Kinderklinik so angenehm wie möglich zu gestalten. „Wir sind seit zwanzig Jahren in der Kinderklinik tätig und wir finanzieren uns ausschließlich von Spenden“, erklärt Pia Krips. „Wir waren sofort von diesen VR-Brillen begeistert. Ich habe sie selber ausprobiert und ich war mir sicher, sie würden gut bei den Kindern im Krankenhaus ankommen. Es ist eine komplett andere Welt.“

Doch die virtuelle Revolution hat auch einen Preis. Pro Brille hat die Organisation 265 Euro investiert.

Fotos: Philippe Reuter

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

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Author: Philippe Reuter

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