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Vroem-vroem… bling-bling

Der Jaguar F-Type wurde 2019 neu aufgelegt. Es war dies keine größere Schönheitsoperation, sondern beschränkte sich auf ein paar Schnitte mit dem Skalpell, ein paar Spritzer Botox und ein Hauch Mascara. Es ist an der Zeit, die Frage zu stellen: Ist der F-Type nicht nur vom Namen sondern auch vom Konzept her wirklich in die Fußstapfen des legendären E-Type getreten?

Text: Gil Nieles / Fotos: JLR

Der Jaguar E-Type ist eines von diesen Autos, das fast jeder Mensch kennt. Eine Ikone, geboren 1961,  von der sogar der stets grantige Enzo Ferrari einmal sagte, es sei „das schönste Auto, das je gebaut wurde“. Basierend auf dem hauseigenen Rennwagen, dem D-Type, gleicht seine Form einem vom Wind geformten Hochgeschwindigkeitsgeschoss, mit einer sehr lange Motorhaube mit geschwungenen Kotflügeln, einer niedrigen Hüftlinie und einem perfekten Heckteil – die Raquel Welch unter den damaligen Sportwagen.

Der 2016 vorgestellte F-Type hingegen erinnert eher an einen Crossfit-Athleten: durchtrainiert, kantig und sprungbereit. Weniger geschwungene Kurven, dafür breitere Schultern, das Prinzip ist das gleiche geblieben: ein sportlicher Zweisitzer, wahlweise als Coupé oder Cabrio, kein Hypercar, sondern eine Fahrmaschine, die dem Fahrer ein Grinsen aufs Gesicht zeichnen soll.

Also stellte sich die Frage, welche der beiden Raubkatzen dies besser kann. Weil nicht gerade jeder ein Exemplar von diesen beiden Schönheiten in der Garage stehen hat, schien es logisch, mit den Leuten von JLR (Jaguar-Land Rover) zu reden und prompt kam eine Einladung zum „Zoute Grand Prix“ ins Haus  geflattert.

Das Event feierte 2019 seinen zehnten Geburtstag. Geboren wurde es aus der Idee einiger Oldtimerbesitzer heraus, ein Treffen mit Orientierungsrallye im schicken Knocke-Heist an der belgischen Atlantikküste zu organisieren. Es entwickelte sich schnell zu einem High Society-Happening. Während vier Tagen herrscht Ausnahmezustand im Städtchen. An zwei Tagen findet eine Oldtimerrallye statt, für die Ehrgeizigen als Gleichmäßigkeitsfahrt, für die Genießer als lediglich ein Ausflug in die nicht sehr abwechslungsreiche Umgebung. Denn nicht nur Holland ist flach! Dann findet ein „Concours d’élégance“ statt sowie eine Versteigerung von seltenen und begehrten Autos unter der Regie des bekannten Auktionshauses Bonhams. 2019 kamen hier Autos für knapp elf Millionen Euro unter den Hammer. Den ersten Platz belegte ein 1965er Ferrari GTB für 2.875.000 Euro, gefolgt von einem Ferrari Enzo von 2004 für 1.506.500 Euro. Bronze ging an einen 1957er Mercedes-Benz 300 SL Roadster für 1.035.000 Euro. Nichts für den kleinen Geldbeutel.

Als Abschluss gibt es am Sonntag eine Ausfahrt reserviert für Supercars, vom Schlage eines Lamborghini Huracán, McLaren 720S, Noble M600, Ferrari 488 Pista, Bugatti Veyron. Alles was der Sohn in seinem Supercar-Quartett findet, war vertreten. Da wirkte ein Porsche 911 GT3 RS schon fast wie Hausmannskost, auch wenn sie im Viererpack aufgetreten sind. Zur Belustigung des Publikums gab es auf abgesperrten Teilen der Strecke zwei gestoppte Slaloms und einen Sprint. Grollende Motoren, qualmende Reifen, und die Menge johlt!

Aber zurück zum Vergleich E gegen F. Für den Samstag stellte man ein 1961er E-Type S1 Cabrio zur Verfügung, 3,8-Liter-Reihensechszylinder mit dreifachen SU-Vergaser, 1.265 kg, 265 PS, 325 Nm, in 6,4 Sekunden von null auf hundert km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 241 km/h. Mit diesem „Jag“ nahmen wir an der 250 km langen Genießer-Rallye teil. Am Sonntag stand der Nachfolger da, ganz bescheiden in der geschlossenen SVR-Ausgabe mit Fünfliter-V8-Kompressormotor, der bei einem Gewicht von 1.597 kg immerhin 575 PS und 700 Newtonmeter Drehmoment mobilisiert. In 3,5 Sekunden geht es aus dem Stand auf 100 km/h, das Top-Speed liegt bei 332 km/h. Hiermit ging es auf einen 150 km langen Ausflug, mit den oben genannten Spielchen. Eigentlich sollte man gar nicht erst versuchen Birnen mit Äpfeln zu vergleichen und doch: Der E-Type ist 58 Jahre alt und kein bisschen heiser, außer man profitiert vom gesamten Drehzahlband. Der 1948 entwickelte Sechszylinder kann von bis, im dritten Gang ist fast alles möglich, vom gemächlichen Dahingleiten und die Natur genießen oder dank Hinterradantrieb fauchend um die Ecken driften, was bei der gewählten Strecke im Nieselregen durch teils schlammbedeckte Feldwege ohne Servolenkung in körperliche Arbeit ausartete. Das Fahrwerk ist erstaunlich komfortabel und dennoch sportlich – 60er-Jahre sportlich.

Der Jaguar E-Type hatte von Anfang an Scheibenbremsen rundum, die prinzipiell sehr gut funktionieren. Bei diesem Exemplar hatten die sehr netten Mechaniker von Jaguar Classic Cars aber leider Rennbremsbeläge verbaut, was bei Nässe, kühlen Temperaturen um die 15 Grad und Landstraßentempo, beim Fahrer zu Muffenausen führen kann. Schon damals verfügte der Jaguar über einen Startknopf, ein bisschen Rennflair, wäre die Elektrik nicht von Lucas, dem berüchtigten „Prince of Darkness“ gewesen, der feuchtes Wetter gar nicht mag. Bei Pausen gilt: Motor einfach laufen lassen. Neben dem Startknopf gibt es noch vier Kippschalter für Wischer, Fernlicht und Heizgebläse, schön überschaubar, es waren einfachere Zeiten. Am Ende des Tages steigt man aus den kopfstützlosen Zwergrennsitzen und fühlt sich erstaunlich wohl, 250 km oben ohne bei leichtem Regen. Der etwas über 2 Meter große Kopilot nickt dankend, wäre da nicht das Ziehen in den Wangen wegen dem Dauergrinsen.

Nach einem nicht ganz ungezwungenen „Black Tie  Dinner“, (also nicht nur schwarze Krawatte sondern gleich Smoking und somit Spesenexplosion!) bei dem eine Schar von 100 weiß behandschuhten Bediensteten die fast 1.000 Gäste umschwärmten und ein Sechs-Gänge-Menu von dem einzigen belgischen Drei-Sterne-Koch Peter Goossens servierten, ging es sonntags zum Test mit dem F-Type. Nachdem ein paar Mitarbeiter von Jaguar mehrmals darauf hingewiesen hatten, dass der F-Type einige Pferdestärken mehr hat als der E-Type, und man dementsprechend den Fahrstil anpassen sollte, ging es los. Im Vergleich zum E-Type fühlt man sich im F-Type wie im Space Shuttle: Knöpfe über Knöpfe. Bequeme Sitzposition, handliches, verstellbares Lenkrad, willkommen im 21. Jahrhundert. Kleiner Hinweis vom Haustechniker, man drücke den Knopf mit der Zielflagge („Race Mode“) und den mit dem Auspuff (selbsterklärend), lege den Leerlauf ein und gebe Vollgas. Es folgt Donnergrollen und MG-Geknatter, die Leute freut es. Auf der Straße fährt der F-Type SVR sich wie ein normales Auto, solange das Gehirn die Kontrolle über den Gasfuß behält. Dank Allradantrieb und elektronischen Helferlein könnte selbst ein blutiger Anfänger diesen Supersportler gefahrlos bewegen. Wenn jedoch die Hormonzentrale die Kontrolle übernimmt, wandelt die Miezekatze sich zum Raubtier, es gibt Vortrieb ohne Ende mit dementsprechender Geräuschkulisse und Gänsehaut pur. Genau das wollten die Entwickler bei Jaguar, wie beim Vorgänger: eine sportliche Fahrmaschine, die Gefühle hervorruft und doch alltagstauglich ist. Ziel erreicht! Unter Strich sind Äpfel und Birnen sich doch ähnlich, nicht genau dieselbe Form und nicht derselbe Geschmack, aber immer ein Genuss. Es geht bei beiden Autos nicht nur um die reine Leistung, sondern um den Genussfaktor. Man brauchte in den 60er Jahren den direkten Vergleich mit der Konkurrenz nicht zu scheuen und heute auch nicht, doch darum ging es nie, denn Jaguar fahren ist eine Einstellungssache, ein Auto für Leute, die die Länge der Motorhaube nicht interessiert, auch wenn sie verdammt lang ist. Wenn man sich für einen entscheiden müsste? Ich würde beide nehmen!

Für alle, die sich für Oldtimer interessieren und Autofahren mit Gerüchen, Geräuschen und Emotionen in Verbindung bringen, lohnt sich die Reise nach Knokke. Auch ohne Smoking!

Author: Eric Netgen

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