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Was wirklich zählt

In den Zuschauerreihen wischt sich Mutter Gaby die Tränen aus den Augenwinkeln, Teo klaut der Oma die Packung mit den Ta- schentüchern. Auf den knapp einjährigen, lustigen Knirps passt Jil auf, was sie ganz gut von den schweren Momenten da vorne am Konferenztisch ablenkt. Johny Schleck sitzt mit versteinertem Gesicht daneben.

Vorne muss sich Andy Schleck vor der Pressemeute verantworten. Oder besser, darf sich in Mondorf dieses eine letzte Mal erklä- ren. Die letzten Monate war der einstige Liebling tief gefallen. Die Pressestimmen wurden kritischer, der digitale Stammtisch frech bis weit über die Schmerzgrenze. Mit der Flasche Bier in der einen und den Chips in der anderen forderten sie, dass diese Niete sich für das viele Geld doch endlich mal an- strengen solle; richtig trainieren und so.

Mit welchem Recht eigentlich? Bloß weil der Radsportler ein außergewöhnliches Ta- lent bei der schönsten Nebensache der Welt hatte? Das er sich mit seinen körperlichen Voraussetzungen, in seiner Radsportfamilie und hartem Training erarbeitet hatte. Eigene Träume wurden auf die schmächtigen Schul- tern des Sportlers geladen. Mit jedem weite- ren Erfolg wuchsen die Ansprüche.

Wie viel mehr hätte er eigentlich errei- chen können? In Gelb wolle er auf den Champs Elysées stehen, hatte er beim Erhalt des „Maillot Jaune“ am gleichen Ort zwei Jahre vorher gesagt. Der Toursieg ist ihm nur am Grünen Tisch gelungen, aber seinen an- deren Traum bei Liège-Bastogne-Liège ver- wirklichte er bereits 2009. Wirklich leid tue ihm nur die verpasste Medaille in Peking. Sagt er. Das war allerdings kaum sein Fehler.

Ich muss Verantwortung übernehmen, für meine Familie, für mein Leben.

Für seine Fehler können jene Rechen- schaft fordern, die an seiner Seite für die Er- folge kämpften oder den hohen Lohn zahl- ten. Die kennen mit den Trainingswerten die nackte Wahrheit. Und schweigen meist.

Der 29-Jährige aber sagt: „Ich muss Ver- antwortung übernehmen, für meine Familie, für mein Leben.“ Sätze wie: „Radfahren ist mein Sport, meine Leidenschaft, mein Job. Aber es ist nicht mein Leben, da gibt es viel mehr. Ich habe das erkannt, als Teo zur Welt kam. Kein Podium in Paris kann das toppen, es kommt nicht einmal annähernd heran“ macht ihm wohl niemand falsch. Sie zeigen eine reflektierte Distanz, die den hit- zigen Stammtischen gut stehen würde. Was wirklich wichtig ist, hat eh Teo fett auf dem Shirt stehen: „My dad is my hero.“

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Georges Noesen

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