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Weihnachtsstress

Entspannt euch!

Die Adventszeit ist zwar fast vorbei, doch der richtige Weihnachtsstress kommt für viele kurz vor den Feiertagen. Dann geht das Einpacken, Kochen und Aufräumen los! Und das Umherfahren zu den Familien. Dabei könnte es doch viel gelassener zugehen. Wenn man sich nur die eine richtige Frage stellen würde.

Fotos: Pixabay, mediawelt.de, cinema.de

Seien wir mal ehrlich: Das schönste an Weihnachten ist doch, dass es irgendwann vorbei ist, oder? Wenn endlich alle Geschenke ausgepackt und umgetauscht sind, das fette üppige Essen verdaut ist, sämtliche Spuren im Haus beseitigt sind und man zumindest für die nächsten paar Wochen erst einmal Ruhe vor der buckligen Verwandtschaft hat, dann ist die Welt wieder in Ordnung.

Diese Beschreibung gefällt Ihnen nicht? Mir auch nicht. Denn ganz ehrlich: Ich liebe Weihnachten. Schon immer. Jedes Jahr freue ich mich auf diese besinnliche Zeit. Auf die Lichterketten, die den dunklen Abenden warmes Licht spenden, auf die Weihnachtslieder, die man ungeniert von morgens bis abends mitträllern darf, und auf die Berge von Keksen, die ich in der Adventszeit mit meinen beiden Töchtern backe, um sie anschließend tütenweise zu verschenken. Die Kekse, versteht sich.

Mein Bild von Weihnachten gleicht dem aus einem Astrid-Lindgren-Buch. Da spielen sich die Kinder aus Bullerbü unter den dicksten Schneeflocken die Bäckchen rot, bevor sie von einer Tasse heißer Schokolade aufgewärmt werden, um später freudestrahlend und erwartungsvoll der Bescherung entgegenzufiebern. Da ziehen Madita und Lisabet mit leuchtenden Augen ihre schönsten Kleider an, um mit kindlicher Inbrunst die schönsten und schiefsten Gesangstöne anzuschlagen. Und alle freuen sich aufrichtig über die Kleinigkeiten, die sie geschenkt bekommen, auch wenn es nur eine Puppe, eine Flöte oder ein Schnitzmesser ist. Kein Konsum, kein Stress, nur große Kinderaugen und gemütliches Beisammensein.

Natürlich: Unter Lindgrens Helden gibt es auch Pippi Langstrumpf, die den Weihnachtsabend allein zu Hause mit ihren Tieren verbringt und sich dann doch ein wenig einsam fühlt. Oder Michel aus Lönneberga, der kleine Held mit großem Herzen, der ohne mit der Wimper zu zucken eine Weihnachtsparty für die Bewohner des Armenhauses schmeißt und dabei die tagelang vorbereiteten Festspeisen der Familie auftischt, wonach dann leider nur noch die Reste übrigbleiben.

Astrid Lindgren war eine Zauberin, und zum weltweit wichtigsten Feiertag und Familienfest hat sie immer die ganze Palette geliefert: Freude, Hoffnung, Liebe, Vertrauen, Mitmenschlichkeit, Ausgelassenheit, aber auch Trauer und Einsamkeit – das alles steckt in ihren Weihnachtsgeschichten, nichts hat sie ausgelassen. „It’s all about emotions“, sagen die Amerikaner. Recht haben sie.

Doch leider scheint der Gedanke an Weihnachten bei vielen vor allem die Angst vor schlechten Gefühlen zu verursachen. Weihnachten bedeutet Stress. Schon die Adventszeit steckt voller Vorbereitungen, man braucht Geschenke, muss das Essen planen und sich dazu noch auf unzähligen Weihnachtsfeiern blicken lassen. Wochenlang wird gearbeitet, geplant, gekauft und geputzt. Und plötzlich sind die Feiertage vorbei, doch von erholsamer Gemütlichkeit ist nichts geblieben. Besinnlichkeit sieht anders aus.

Zeitschriften und Internet geben Tipps und Ratschläge. „So vermeiden Sie unnötigen Weihnachtsstress!“ oder „Ein entspanntes Weihnachtsfest – so geht’s“ heißt es da. Und dann stehen sie da, die guten Ratschläge. Allen voran: Kaufen Sie ihre Geschenke frühzeitig, fangen Sie schon ein paar Wochen vorher an! Und: Teilen Sie die Arbeit auf, Sie müssen nicht alles alleine machen! Oder: Gönnen Sie sich eine Auszeit, die haben Sie sich verdient!

Klingt super. Doch für die meisten Menschen, die ich kenne, völlig unrealistisch. Wieso sollte jemand, der normalerweise alles in letzter Minute erledigt, plötzlich schon wochenlang im Voraus planen und organisieren? Und warum sollte man ausgerechnet zu Weihnachten eine Auszeit verdienen? Warum nicht auch im Mai oder im September, warum nicht jeden Monat, jede Woche, jeden Tag?

Der Gedanke an Weihnachten verursacht bei vielen vor allem die Angst vor schlechten Gefühlen.

Auch wenn es wehtut: Der sogenannte Weihnachtsstress ist hausgemacht. Und wird durch gutmeinende Medien angefacht, eben der Medien, die gute Ratschläge veröffentlichen und zur Achtsamkeit mahnen und drei Seiten weiter alle Welt kirre machen mit den leckersten Weihnachtsrezepten der Sterneköche, den schönsten Dekorationen, die kein Innenarchitekt besser hinbekommt, dem elegantesten Outfit der angesagten Designer. Und natürlich den ausgefallensten Geschenkideen, bei denen für jeden etwas dabei ist. Denn Schenken muss sein!

Um ein entspanntes Weihnachtsfest zu erleben, muss man doch nur die einzige wichtige Frage beantworten: Wie möchte ich meine Weihnachtstage verbringen? Die Antwort kann einfach sein, vorausgesetzt, Sie lassen es zu, sich diese Frage überhaupt zu stellen. Wenn Sie keine Lust auf zig Termine mit mehreren Familien haben, dann verzichten Sie eben darauf. Man kann auch an anderen Tagen, in anderen Monaten eine schöne Familienfeier planen. Und Sie müssen auch nicht jedem etwas schenken oder den ganzen Tag essen, trinken und am Tisch sitzen. Warum auch? Weil es andere von einem erwarten? Weil es immer schon so war? Weil es eben so ist? Müssen Sie auch zu Weihnachten wirklich Ihre Pflicht erfüllen?

Nichts leichter als das, sagen Sie jetzt zynisch. Genau, sagt die Besserwisserin. Probieren Sie es aus! Am Anfang hilft es, mit den anderen zu reden. Vielleicht geht es denen ja genauso, nur hat sich bislang keiner getraut es anzusprechen. Vielleicht sind alle anderen froh, wenn es endlich einer mal raushaut. Vielleicht wollte einer schon immer mal in die Karibik fahren, ins Kloster gehen oder die Feiertage am Nordseestrand verbringen. Und vielleicht entdecken Sie ganz neue Seiten an sich. Oder Sie stellen fest, dass es doch das Beste ist so zu feiern, wie Sie es immer schon getan haben.

Die schönsten Weihnachtstage, die ich erlebt haben, waren immer die, wenn ich mit meiner Familie Skifahren war. Zu Weihnachten sind die Pisten leer und die Menschen, die man trifft, überwiegend gut gelaunt. Tagsüber also rauf auf die Piste, abends ein kleines Essen mit anschließender Bescherung. Mit Weihnachtsbaum, Gedichten, Liedern und Geschenken. Und dann am nächsten Tag wieder auf die Piste, frische Bergluft atmen und abends müde und glücklich in einen tiefen und entspannten Schlaf fallen. Keine Völlerei, kein Gelage, keine Streitereien. Nach ein paar Jahren hatten sich auch die Familien daran gewöhnt, uns zu Weihnachten nicht zu Gesicht bekommen. Was will man mehr?
Sicherlich wird es auch andere Zeiten geben. Wenn unsere Kinder eigene Pläne haben und ohne uns feiern wollen. Dann werden wir alleine bleiben, zu zweit, jeder für sich. Oder mit Freunden feiern und den Rest der Heiligen Nacht im Club verbringen, so wie wir es früher im Studium taten. Oder verreisen. Oder irgendetwas anderes tun? Hauptsache das, worauf wir Lust haben. Denn gerade zu Weihnachten sollte man es sich doch so schön machen wie möglich. Es ist schließlich die einzige Zeit im Jahr, in der alles andere irgendwie stillsteht.
Das Schlimmste an Weihnachten ist doch, dass es irgendwann vorbei ist, oder? Dass dann ausgerechnet aber gleich noch ins neue Jahr gefeiert werden muss, ist ein echter Haken. Aber auch ein anderes Thema. Frohe Weihnachten! Lassen Sie es sich gutgehen!

Heike Bucher

Journalistin

Ressorts: Wissen und Gesundheit

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Author: alommel

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