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Wenn Zahlen sprechen

Schulischer Erfolg lässt sich messen: anhand von guten Noten und späteren beruflichen Möglichkeiten. Doch in Luxemburg scheint vor allem die Herkunft der Schüler über Erfolg und Misserfolg zu entscheiden.

Fotos: nd3000, Isabella Finzi (editpress)

Brandy Young hatte einfach keine Lust mehr. Die junge Lehrerin aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Texas entschied sich während der Sommerferien dazu, zukünftig auf Hausaufgaben für ihre Erstklässler zu verzichten. Diese, so schrieb sie den Eltern in einem kurzen Brief, könnten die Leistungen der Kinder nicht verbessern. Sie zwängen die Schüler nur, zusätzlich zu langen Schultagen noch weitere Stunden am Schreibtisch zu verbringen.

Stattdessen forderte Young die Eltern auf, abends Dinge zu tun, die sich nachweislich positiv auf den Schulerfolg von Kindern auswirken: Abendessen am Tisch mit der Familie, gemeinsames Lesen, draußen spielen und frühes Zubettgehen, um für den kommenden Tag ausgeschlafen zu sein. Völlig simple Dinge, möchte man meinen. Doch scheinbar nicht selbstverständlich.

Das amerikanische Schulsystem lässt sich natürlich mit dem luxemburgischen nicht ohne weiteres vergleichen – allein deshalb, weil es sogar innerhalb der USA schon Unterschiede gibt, da dort jeder Bundesstaat seine eigenen Schulgesetze hat. Trotzdem gibt es auffällige Gemeinsamkeiten: Der schulische Erfolg für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus Familien mit wenig Einkommen bleibt hinter dem der anderen zurück. Hinzu kommt eine hohe Zahl an Schulabbrechern, die in Luxemburg bei etwa elf Prozent liegt.

Doch Alleingänge wie der von Brandy Young, die über soziale Netzwerke dermaßen hohe Wellen schlagen, wird es hierzulande von Lehrern und Lehrerinnen kaum geben. Dafür hat es sich das zuständige Ministerium zur Aufgabe gemacht, den Zu- und eventuellen Missständen in Luxemburgs Schulsystem genauer auf den Grund zu gehen. In Zusammenarbeit mit der Uni Luxemburg wurde deshalb das „Luxembourg Centre fo Educational Testing“ (LUCET) gegründet, das vor zwei Jahren seine Arbeit aufgenommen hat und als eigenständiges Zentrum innerhalb der humanwissenschaftlichen Fakultät der Uni funktioniert.

Ziel der Arbeit des LUCET ist es, eine empirische Datenbank zu liefern, die sowohl die Unterschiede zwischen Leistungen von Kindern verschiedener Herkunftsgruppen belegt als auch die Art und Weise, wie diese zustande kommen. „Aus den großen internationalen Bildungsstudien wissen wir, dass das luxemburgische Schulsystem extreme Unterschiede zwischen Schülern produziert“, sagt Antoine Fischbach, Direktor des LUCET. „Unterschiede zwischen Schülern mit und ohne Migrationshintergrund, Unterschiede zwischen Schülern aus sozioökonomisch eher gut oder eher schlecht gestelltem Elternhaus und Unterschiede zwischen Schülern, die zuhause eine der Systemsprachen, vorzugsweise Luxemburgisch oder Deutsch, sprechen.“

Der schulische Erfolg für Kinder mit Migrationshintergrund oder aus Familien mit wenig Einkommen bleibt hinter dem der anderen zurück.

Mit den eingeführten „Épreuves Standardisées“ soll jetzt regelmäßig und flächendeckend untersucht werden, wie groß diese Unterschiede wirklich sind. Spätestens bis zum Jahr 2018 werden dafür in allen ungeraden Schuljahren, also im ersten, dritten, fünften, siebten und neunten Schuljahr, die erworbenen Kompetenzen aus den vorangegangenen beiden Schuljahren überprüft. Diese Tests sollen laut Fischbach nicht dazu dienen, herauszufinden, was die Schüler nicht können, sondern sich auf ihre Fähigkeiten und Kenntnisse konzentrieren. „Es geht nicht darum, dass jeder alles können und beantworten muss“, erklärt Antoine Fischbach, „es geht um die Kompetenzen der Schüler.“

Neben Tests in den Hauptfächern Mathematik, Deutsch und Französisch werden auch Informationen über die Herkunft und den Bildungs- und Berufsstand der Eltern abgefragt. Außerdem Einschätzungen über die Lernmotivation, das Klima in Schule und Klasse sowie Schulangst. „Die Tests sind pseudonymisiert. Das bedeutet, dass wir keine Klarnamen haben, aber anhand von Nummern die schulische Entwicklung der einzelnen Schüler nachverfolgen können, ohne zu wissen, wer genau jeder Einzelne ist“, sagt Fischbach.

Die ersten Tests in den ersten, dritten, siebten und neunten Schuljahren werden bereits seit 2011 durchgeführt. Und sie belegen zwar wenig Erstaunliches, dafür aber erschreckend Eindeutiges: Am schlechtesten schneiden die Schüler und Schülerinnen ab, „die sowohl aus einer Familie stammen, die sozioökonomisch benachteiligt ist und die gleichzeitig einen Migrationshintergrund mit nicht-germanophoner Muttersprache aufweisen“, heißt es im Bericht des LUCET. Bis zu zweieinhalb Jahren Bildungsrückstand sind bei betreffenden Jugendlichen im Alter von 15 Jahren zu beobachten, die Anfänge sind meist schon in den ersten Klassenstufen erkennbar, wo bereits ein Fünftel aller Schüler den Anforderungen hinterherhinkt, zwei Drittel davon mit Migrationshintergrund.

„Das Luxemburger Schulsystem hat große Schwierigkeiten mit der Heterogenität der Bevölkerung umzugehen“, mahnt Antoine Fischbach. „Bildungserfolg hat stark damit zu tun, wer man ist und woher man kommt. Das kann weder die Schule noch das Kind beeinflussen.“ Wichtigstes Instrument dabei ist die Fokussierung auf die Dreisprachigkeit mitsamt der festgelegten Reihenfolge der Unterrichtssprachen. Was zunächst den Schülern zugute kommt, die zuhause Luxemburgisch oder Deutsch sprechen. Und später aber auch denen Schwierigkeiten bereiten kann, wenn sie im klassischen Lyzeum plötzlich Mathematik auf Französisch lernen sollen.

Neben der Herkunft der Schüler spielt aber auch das System selbst eine große Rolle. Vor allem bei der hohen Zahl an Schulabbrechern. Die Psychologin Pascale Esch, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Uni Luxemburg, hat für ihre Doktorarbeit, eine Zusammenarbeit der Uni Lüttich und des „Luxembourg Institute of Health“ 100 Schulabbrecher über ihre Beweggründe befragt. Herausgekommen ist dabei, dass sich die individuellen Gründe für den Schulabbruch zum größten Teil in einem einzigen zusammenfassen lassen: eine Kombination aus einer mit schlechten Leistungen verlaufenen Schullaufbahn inklusive mehrmaliger Wiederholungen einzelner Klassen, Niedergeschlagenheit und Angstgefühlen.

„Bildungserfolg hat stark damit zu tun, wer man ist und woher man kommt. Das kann weder die Schule noch das Kind beeinflussen.“ Antoine Fischbach

Erforschen schulischen Erfolg und Misserfolg: Pascale Esch und Antoine Fischbach.

„Nicht versetzt werden ist einer der Indikatoren für den Schulabbruch“, sagt auch Antoine Fischbach. „Und darin sind wir Luxemburger Weltmeister!“ Bereits in den ersten beiden Schuljahren hat fast jedes fünfte Kind im Luxemburger Schulsystem ein Jahr wiederholt. In der neunten Klasse ist es schon fast jedes zweite. Dabei zeigen sowohl die Ergebnisse der „Épreuves Standardisées“ als auch viele internationale Studien, dass Klassenwiederholungen keinen positiven Einfluss auf die Lerndefizite haben. Im Gegenteil, Schüler und Schülerinnen, die (mehrmals) sitzen geblieben sind, sind leistungsschwächer als ihre Mitschüler. „Da kommen viele Dinge zusammen: Nicht versetzt zu werden, hat mit Frustration zu tun. Und das kann zu schlechten Stimmungen bis hin zu Depression führen. Aber auch das Selbstwertgefühl leidet, genauso wie die Motivation. Es entsteht eine Unlust, und da kommt man schnell auf den Gedanken, alles hinzuschmeißen“, sagt Pascale Esch. Nicht wenige Schulabbrecher starten einen erneuten Versuch, bis sie irgendwann ganz aus dem System verschwinden.

„Nicht versetzt zu werden, hat mit Frustration zu tun. Und das kann zu Depression führen.“ Pascale Esch, Psychologin

Welche Schlüsse und Konsequenzen die Verantwortlichen im Ministerium aus den Ergebnissen des LUCET ziehen, darüber mögen weder Antoine Fischbach noch Pascale Esch spekulieren. „Wir sind keine Politiker, wir liefern Daten, die bestimmte Sachverhalte belegen“, erklärt der Direktor. „Vieles von dem, was wir hier zeigen, ist ja schon lange bekannt. Lehrer und das Ministerium sagen uns, dass sie das wissen. Trotzdem ist es wichtig, die Unterschiede mit Daten zu belegen. Wenn etwas Schwarz auf Weiß existiert, kann man es nicht mehr ignorieren. Die Daten schaffen einen Zugzwang.“

Dass ein Schulsystem jedoch allen dieselben Chancen bieten muss, sollte ein festes Ziel sein, gerade für ein Einwanderungsland wie Luxemburg mit einem hohen Anteil an Nicht-Luxemburgern. So könnte das kleine Land zum Vorreiter werden, in einer Welt, die dadurch geprägt ist, dass Millionen von Menschen ihre Heimat verlassen (müssen) und irgendwo anders neu anfangen.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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