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Wider das Vergessen

Weil selbst Bauernhöfe, die unter Denkmalschutz stehen, irgendwann verfallen und weil die Geschichten von Menschen, werden sie nicht aufgeschrieben, bald vergessen sind, haben Marguy Conzémius und Andrés Lejona das Projekt „Mémoires en transitions“ entwickelt – ein lebendiges Archiv. Fotos: Andrés Lejona, Isabella Finzi/Editpress

Hedwig Schmitz muss eine außergewöhnlich starke Frau gewesen sein. Als ihr Mann Alderich 1917 stirbt, steht die junge Mutter plötzlich mit fünf Kindern allein da. Die jüngste Tochter ist gerade neun Monate, die Älteste neun Jahre alt. Von Landwirtschaft und Vieh- sowie Getreidehandel hat die Frau keine Ahnung, von ihrer Familie in Deutschland ist keine Hilfe zu erwarten. Zudem nutzen die Leute aus dem Dorf die Unkenntnis der Witwe hin und wieder aus, um günstig an Ackerland zu kommen.

Doch trotz aller Schwierigkeiten gelingt es Hedwig Schmitz, ihren Kindern nicht nur eine glückliche Kindheit auf dem Birelerhof zu schenken, sondern ebenfalls eine solide Ausbildung zu ermöglichen. Was ihr stets ungemein wichtig gewesen ist: der Zusammenhalt der Familie. Kein Geburtstag wird vergessen, Namenstage werden traditionell mit einem Gugelhupf gefeiert, bei Hochzeiten und Begräbnissen erweist sich die Hofbesitzerin als begnadete Gastgeberin. Wie sehr sie während der beiden Weltkriege gelitten hat, als die Lebensmittel knapp und Soldaten auf dem Hof einquartiert werden, hält Hedwig Schmitz in ihrem Tagebuch fest. Dazu kommt, dass sie als Deutsche gewissermaßen zwischen den Fronten steht.

Aus Bildern, Erzählungen, Objekten und Schriften ist ein multidisziplinäres Projekt entstanden, das die Vergangenheit des Birelerhofs wiederaufleben lässt.

Es sind genau diese Geschichten, die Marguy Conzémius und Andrés Lejona erhalten wollen. Immer mehr Bauernhäuser werden abgerissen, die Landwirtschaft wird industrialisiert, die Familiengeschichten – und mit ihnen alte Traditionen – geraten in Vergessenheit. Dem soll „Mémoires en transitions“ entgegenwirken. Im November 2011 besuchen sie den Birelerhof, einen der drei Höfe, die sie sich für ihr langfristiges Projekt ausgesucht haben und deren Geschichten sie erzählen möchten. Jeder auf seine Weise. Während Kunsthistorikerin Marguy Conzémius die Recherche über den Hof und seine Bewohner übernimmt und aus dem gefundenen Material ein Archiv zusammenstellt, interpretiert der Fotograf Andrés Lejona, auch er ein leidenschaftlicher Sammler, dieses Material auf eine von ihm neu angewandte Methode: In einem großformatigen Bild bringt er Fotografie und Malerei zusammen, um die Vergangenheit mit der Gegenwart in einen Dialog zu setzen. Darüber hinaus zeigt eine Reihe von Dokumentarfotografien den Ist-Zustand des Birelerhofes, der um 1378 gebaut und zuletzt von Familie Schmitz bewohnt wurde.

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Deren Geschichte beginnt in Deutschland, ihrem ursprünglichen Zuhause, von wo aus die drei Brüder Heinrich, Joseph und Alderich gegen 1880 nach Indonesien auswandern. Womit das Trio im fernen Inselstaat Geschäfte gemacht hat, darüber sind sich die Nachkommen nicht wirklich einig. Feststeht indes, dass die Brüder erfolgreich gewesen sind und bei ihrer Rückkehr im Jahr 1900 genug Geld haben, um den Birelerhof bei Sandweiler zu kaufen. Ihre Mitbringsel – ein asiatischer Strohhut, eine riesige Muschel, in der man das Meer rauschen hört, ein Tigerfell, ein Bild mit Palmen – verleihen den heimatlichen Jugendstilmöbeln einen Hauch Exotik.

Einfach sind die Nachforschungen nicht unbedingt gewesen. Es gab durchaus Momente, in denen sich Marguy Conzémius gefragt hat, wie tief sie graben dürfte.

Und weil aus all den Informationen, die Marguy Conzémius und Andrés Lejona zusammengetragen haben, eine nachvollziehbare Familiengeschichte entstehen soll, wird beschlossen, mit der Geschichtenerzählerin Betsy Dentzer zusammenzuarbeiten. Auf ihre ganz persönliche Art und Weise verarbeitet sie die Geschichten der Hofbewohner in einer Erzählung von sieben Kapiteln, die man sich auf www.memoiresentransitions.lu und in der Ausstellung anhören kann. So ist aus dem kulturhistorischen Anliegen ein multidisziplinäres Projekt geworden, das sich auf recht unkonventionelle Weise an mehr als nur ein Publikum richtet und Themen aufgreift, die ungemein vielschichtig sind. Einfach sind die Nachforschungen nicht unbedingt gewesen. Es gab durchaus Momente, in denen sich die Kunsthistorikerin gefragt hat, wie weit sie bei ihren Gesprächen mit Familienangehörigen gehen dürfte. Wie tief sie graben dürfte. Andererseits hat sie sich riesig über die positiven Reaktionen gefreut, die das Projekt ausgelöst hat.

Als 1946 der Flughafen auf Findel in Betrieb genommen wird, werden die Tauben, die im Turm ein- und ausfliegen, zur Gefahr und müssen den Birelerhof nach über einem halben Jahrtausend verlassen. Bereits ein Jahr zuvor sorgen „Metallvögel“ für Aufregung in Sandweiler, denn in der Nähe gibt es einen Schrottplatz für abgeschossene und notgelandete Flugzeuge – ein ganz besonderer Abenteurerspielplatz für die Kinder, die auf dem Hof wohnen oder ihre Ferien verbringen. 2009 wird der Birelerhof schließlich an den Luxemburger Staat verkauft. Heute trainiert der Zoll dort seine Spürhunde. Was mit den Gebäuden geschehen soll, ist ungewiss. Denkmalschutz wird in Luxemburg zwar großgeschrieben, aber für die Restaurierung erhaltenswerter Bauten stehen meist nicht genügend finanzielle Mittel zur Verfügung. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

Mémoires en transitions, bis zum 21. Juni in der Abtei Neumünster, täglich geöffnet von 11-18 Uhr, Eintritt frei, www.memoiresentransitions.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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