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Wie im Freien

Urlaub auf einem Campingplatz klingt für viele nicht gerade attraktiv. Dabei gibt es kaum eine erholsamere Art, Urlaub zu machen. Vor allem, wenn Kinder dabei sind.

„Oh, mein Gott“, ruft mein Kollege entsetzt aus. „Drei Wochen Campingurlaub? Mich würden keine zehn Pferde auch nur für eine Nacht ins Zelt bekommen. Das kann doch keine Erholung sein…“ Ich sitze da und grinse. Einerseits wegen der Vorfreude, weil ich mir im Moment nichts Schöneres vorstellen kann, als drei Wochen an der französischen Atlantikküste zu verbringen und mein tägliches Pendeln weg von der luxemburgischen Autobahn nur noch auf den Weg zwischen Strand und Hängematte zu beschränken. Andererseits freue ich mich darauf, auf entspannte Menschen zu treffen, die – zumindest nach meiner Erfahrung – auf jedem Campingplatz dieser Welt zu finden sind.

Wann genau ich die erste Nacht im Zelt verbracht habe, weiß ich gar nicht mehr. Aber den ersten mehrwöchigen Urlaub nur mit Zelt habe ich mit 18 gemacht, drei Wochen Naxos, bei einem Bauern auf dem Feld, ohne Dusche oder Klo. Die nächste Taverne war nicht weit, dort konnten wir uns waschen, solange wir schön regelmäßig unser Frühstück bezahlten. Ab und zu legte uns der Bauer frische Tomaten oder Wassermelonen vor den Zelteingang. Die Kommunikation mit ihm war einfach, wir grinsten uns nur gegenseitig an.

Körperliche Aktivität führt zur Entspannung, vorausgesetzt, sie ist an die eigene Fitness angepasst und wird nicht übertrieben.

Seitdem kamen viele Zelturlaube hinzu: England, Kanaren, Indonesien, Australien, Portugal, Slowenien, USA. Dabei habe ich nicht jede Nacht im Zelt verbracht. Manchmal reichte auch der Strand, und manchmal musste es ein Zimmer sein. Aber ein Urlaub ganz und gar ohne Zelt? Undenkbar. Höchstens mal für ein paar Tage.

Als wir irgendwann Kinder hatten, hörten wir nicht auf zu zelten. Wir kauften uns einfach ein größeres Zelt. Das erste Mal im Zelt hat meine große Tochter im Alter von vier Monaten geschlafen, wir haben den Kinderwagenaufsatz nachts neben uns gestellt, sie schlief wie ein Murmeltier. Noch immer schlafen unsere Töchter beim Zelten tief und fest, auch wenn sie mittlerweile längst keine Kinder mehr sind. Selbst ein früher Sonnenaufgang stört sie nicht weiter. Ohne Wecker könnten sie locker den halben Tag verpennen. Schlafmaske und Ohropax sei Dank.

Urlaub im Zelt verbindet viele Aspekte, die wichtig sind für die Erholung: Man verbringt die meiste Zeit im Freien und daher in frischer Luft, man bewegt sich andauernd, weil man viel unterwegs ist (zum Klo, zur Dusche, zum Abwaschen, zum Einkaufen, zum Müllwegbringen, etc.), und man bekommt wieder einen Bezug zum einfachen Leben ohne allzu großen Luxus. Doch zugegeben – nach ein paar Tagen Dauerregen komme auch ich an meine Grenzen, wenn alle Klamotten feucht werden und nicht mal mehr heißer Tee beim Aufwärmen hilft.

Doch selbst dann gab es immer Lösungen: Entweder haben wir tapfer auf besseres Wetter gewartet und uns solange die Städte und Sehenswürdigkeiten der Umgebung angeschaut. Oder wir haben einfach das Quartier gewechselt. Wie vor ein paar Jahren in Bayern, als plötzlich mitten im August winterliche Temperaturen von 13 Grad mit tagelangem Regen herrschten. Da wurde kurzerhand das nasse Zelt eingepackt und in eine Pension umgezogen, zu der auch ein Frühstückscafé gehörte, in dem der wohl beste Kuchen der Gegend verkauft wurde.

Campingurlaub hat stets etwas mit Abenteuer zu tun. Man muss flexibel bleiben, sich an die Gegebenheiten anpassen, ab und zu auch mal Eigeninitiative zeigen. Und man muss gegenseitig Rücksicht nehmen – auf die eigene Familie, Mitreisenden und Freunde, aber auch auf die Nachbarn. Denn jeder dort will sich erholen und entspannen. Niemand möchte wissen, worüber sich gerade auf dem Platz nebenan unterhalten oder gestritten wird.

Gerade für Kinder bietet Campingurlaub optimale Bedingungen: Sie lernen ganz leicht andere Leute kennen und können den ganzen Tag draußen Fahrrad fahren oder spielen. Gelangweilte Kinder habe ich auf einem Campingplatz noch nie gesehen. Zudem können sie bei allem mithelfen, beim Aufbau des Zelts, beim Abwaschen oder beim Kochen. Und ehrlich gesagt, kann selbst ein Sternerestaurant nicht mithalten gegen einen Topf voller Nudeln mit Soße auf dem Campingplatz. Oder Crêpes mit geschnittenen Äpfeln und selbstgepflückten Brombeeren.

Erstaunlicherweise denken viele Menschen, sie könnten sich nur dann erholen, wenn ihnen im Urlaub alle lästigen Pflichten und Haushaltsarbeiten abgenommen werden. Sie meinen, nur dann die Seele baumeln lassen zu können, wenn sie rundum versorgt werden, mit All-inclusive, eigener Liege am Pool und zuverlässiger Kinderanimation. Dabei ist wissenschaftlich längst erwiesen, dass reines Nichtstun im Urlaub weder Körper noch Geist guttut. Am Ende kommt man genauso erholungsbedürftig zurück, wie man hingefahren ist, oder fast noch mehr.

Körperliche Aktivität führt zur Entspannung, vorausgesetzt, sie ist an die eigene Fitness angepasst und wird nicht übertrieben. Beim Zelten bewegt man sich zwangsläufig, außerdem verfügen die meisten großen Campingplätze mittlerweile über diverse Möglichkeiten, Sport zu treiben. Beachvolleyball, Tennis, Fußball, Fitnesskurse – die Palette an Angeboten ist oft ebenso breit gefächert wie in großen Hotelanlagen. Dazu kann man sich in einigen auch noch künstlerisch betätigen. So haben meine Töchter und ich in diesem Jahr gemeinsam ein Holztablett mit einem bunten Mosaik verschönert.

Erstaunlicherweise denken viele Menschen, sie könnten sich nur dann erholen, wenn ihnen im Urlaub alle lästigen Pflichten und Haushaltsarbeiten abgenommen werden.

Mit den Jahren hat sich unsere Campingausstattung natürlich verändert. Vorbei sind die Zeiten, in denen wir mit einem kleinen Kocher auf einer Isomatte hockend unser Essen zubereiten. Selbstverständlich haben wir ein großes Zelt, ein extra Vorzelt für Tisch und Stühle, ein ausklappbares Kochregal, an dem man im Stehen den zweiflammigen Gasherd bedienen kann, ein Regal für unser Geschirr und sogar ein paar Teppiche für Zelt und Vorzelt, damit wir bequem und mit einigermaßen sauberen Füßen umherlaufen können. Trotzdem bleibt das Schlafen im Zelt ja irgendwie ein Schlafen im Freien, nur ohne Spinnen, Ameisen und sonstiges Viehzeug.

Und dass unsere Töchter mit ihren 20 und fast 17 Jahren auch dieses Jahr wieder mit uns zum Zelten gefahren sind, zeigt mir, dass ihnen diese Art von Urlaub ebenso gefällt. Da bekommen sie es sogar hin, sich drei Wochen lang ohne größere Zickereien ein acht Quadratmeter großes Innenzelt zu teilen. Wenn das nichts ist…

Fotos: Freepik.com

Tipps für den Campingurlaub mit Kindern:

– Das A und O für einen gelungenen Campingurlaub ist die Wahl des Zeltes. Am besten eignen sich Familienzelte mit mehreren Kabinen, in denen man aufrecht stehen kann. Damit man auch den einen oder anderen Regenschauer trocken übersteht, sollte das Zelt ausreichend wasserdicht sein. Achten Sie beim Kauf auf eine Wassersäule von mindestens 1.500 Millimeter.

– Auch mit Babys kann man zelten. Mit Säuglingen, die häufig weinen, empfiehlt es sich vielleicht eher, entweder im Wohnwagen unterwegs zu sein oder aber, sich eine Hütte auf dem Campingplatz zu mieten. Das erspart Stress mit den Nachbarn und auch den eigenen.

– Wer sich viel im Freien aufhält, sollte trotzdem für Schatten sorgen. Vor allem für Kinder. Deshalb entweder ein schattiges Plätzchen auf dem Platz suchen, besser noch vorab reservieren, oder aber für ausreichend Sonnenschirme und -segel sorgen. Und die Sonnencreme nicht vergessen!

– Eine kleine Wanne für ein schönes Bad sollte man dabeihaben, wenn ein Krabbelkind mitfährt. Damit erspart man ihm das Herumkrabbeln in den Sanitärbereichen.

– Für das Gepäck sind mehrere kleine Stücke besser als ein großes. Die lassen sich platzsparender verstauen, und man findet die Sachen leichter, die man braucht.

– Schlafsäcke, Luftmatratzen oder aufblasbare Isomatten sind Standard für einen gelungen Campingurlaub. Zusätzliche Laken und Kissen machen die Schlafstatt gemütlich. Für kleine Kinder kann auch das Reisebett mitgenommen werden.

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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