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Wilde Zwanziger

Wie sind sie nun, die neuen Zwanziger? „Progressiv oder protofaschistisch?“, fragte kürzlich die spanische Tageszeitung „El País“ in ihrer Wochenendausgabe und brachte eine grundlegende Frage auf den Nenner. Der Vergleich mit der Zeit vor hundert Jahren ist mehr als nur eine altbekannte Retro-Routine. Das Revival hat seine Berechtigung. „Babylon Berlin“ ist nicht einfach eine Fernsehserie, sondern das Portrait und Sittenbild einer Metropole am Vorabend des Faschismus. Von der Dämmerung einer Epoche zu den rechtspopulistischen „Dämokraten“, wie der „Spiegel“ in Bezug auf den AfD-Politiker Björn Höcke titelte, kann es nicht weit sein, wenn ein Ministerpräsident mit Hilfe der Stimmen der Rechtspopulisten gewählt wird – in Thüringen, dem Epizentrum des deutschen Tabubruchs, ausgerechnet da, wo Anfang 1930 die Nationalsozialisten erstmals in der Weimarer Republik in einer Landesregierung zwei Regierungsposten besetzt hatten.

Eifrig werden Parallelen zwischen damals und heute bemüht. Die Schriften bewährter Theoretiker werden neu aufgelegt, weil sie immer noch aktuell sind: Adornos „Aspekte des neuen Rechtsradikalismus“, ein Vortrag von 1967, ebenso wie George Orwells Aufsatz „Über Nationalismus“ von 1945. Ein Blick auf die Weltkarte der Aufstände und Proteste lässt uns daraus schließen, dass wir in einem „Zeitalter des Zorns“ leben, wie das Buch des indischen Schriftstellers und Literaturkritikers Pankaj Mishra heißt. Die ganze Welt in Aufruhr? Nicht doch. Während östlich von Mosel und Sauer über Höckes Schachzüge und die Ohnmacht der etablierten Parteien im Angesicht des Aufstiegs der Rechtspopulisten diskutiert wird, während in Frankreich Gelbwesten und Rentenreformgegner Staatspräsident Emmanuel Macron zusetzen, steht hierzulande die Monarchie im Fokus. „Babylon Erfurt“ da und Straßenkämpfe dort – das Großherzogtum scheint im Vergleich dazu etwas aus der Zeit gefallen. Laut Staatsministerium soll die geplante Reform des großherzoglichen Hofes schnell umgesetzt, die Modernisierung der Monarchie vorangetrieben werden. Es ist keine „weltbewegende“ Veränderung. Sie konzentriert sich auf die finanzielle Transparenz und die Regulierung des Personalmanagements am Hof. Doch dahinter steckt mehr: die stärkere politische Kontrolle einer staatlichen Institution durch die Regierung. Beide – der laut Verfassung nahezu unverletzliche Großherzog und die Regierung – bilden die Exekutive. Die dem Monarchen bisher zugewiesene Rolle stellt einen Anachronismus dar. Er kann nur mit einer grundlegenden Verfassungsreform aufgehoben werden. Positive Beispiele gibt es genügend. Die parlamentarische Monarchie in Schweden ist eines davon. Eine Republik wird Luxemburg so schnell nicht. Aber zumindest könnte es konstitutionell ins 21. Jahrhundert katapultiert werden.

Das Revival ist mehr als Retro-Routine. Die Geschichte soll uns eine Lehre sein.

Aus dem Blickwinkel der weltpolitischen Betrachtung gesehen, bewegen sich die einzelnen politischen Systeme zwar auf verschiedenen Zeitebenen. Trotzdem werden deutliche Parallelen sichtbar: Probleme wie Klimawandel, politische Herausforderungen wie Mobilität und Wohnraum, die Krise der Demokratie und die Frage, wie mit undemokratischen Tendenzen umzugehen ist, betreffen und beschäftigen uns alle. Nur befinden sich die Länder in verschiedenen Stadien: Einige wie Italien haben in den vergangenen Jahren bereits die Erfahrung mit einer rechtsgerichteten Regierungsbeteiligung gemacht – obwohl Ex-Innenminister Matteo Salvini die parlamentarische Immunität entzogen wurde, stellt er noch eine Gefahr dar, und in Österreich sind zwar die rechtspopulistischen Freiheitlichen nicht mehr im Regierungsboot, aber selbst nach der Ibiza-Affäre nicht aus der Welt. Auch Luxemburg ist keine Insel der Glückseligkeit, wenn man die hasserfüllte Hetze gegen manche Politiker in den sozialen Netzwerken betrachtet. Eine gesellschaftliche Polarisierung findet ebenso hierzulande wie in vielen anderen europäischen Ländern statt. Die Probleme sind demnach ähnlich gelagert. Umso dringlicher ist es, aus der Geschichte zu lernen, aus den Zwanzigern, so wild sie auch waren, wie aus der verhängnisvollen Zeit danach. Denn die Geschichte soll uns eine Lehre sein.

Author: Philippe Reuter

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