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Willkommen bei den Tutebattien

Gostingen, zwischen Beyren und Canach gelegen, wäre ein richtig verschlafenes Nest, gäbe es dort nicht eine Kneipe, die ihresgleichen sucht. Ein Porträt.

Freitagabend kurz nach 17 Uhr. Nach und nach trudeln die Gäste ein. Hinter dem Tresen zapfen Netty Tondt und Thérèse Beckius schon fleißig die ersten Feierabendbiere. Wer das Wochenende lieber mit einem guten „Patt“ einläuten möchte, hat die Qual der Wahl. Acht verschiedene Weine und einen spritzigen Crémant gibt es, so viele wie in keiner anderen Kneipe an der Mosel. Und alle natürlich aus Luxemburg. „Alle, bis auf den Rotwein“, ergänzt Netty. Für das leibliche Wohl ist ebenfalls bestens gesorgt. Empfehlenswert sind die „Hausmaacher“ Croques-Monsieur, die den Zusatz „mit Liebe gemacht“ tragen und tatsächlich verdienen.

Der Dekor ist puristisch, aber irgendwie auch ausreichend. Dabei zieht sich ein Thema wie ein roter Faden durch den ganzen Raum: Musik. Von alten Instrumenten, die von der Decke hängen bis hin zu den Bildern an den Wänden. Dahinter verbirgt sich die Geschichte der Kneipe. So wurde sie von der 1947 gegründeten „Fanfare Gostingen-Beyren A.s.b.l“ nicht nur ins Leben gerufen, sondern wird auch von deren Mitgliedern betrieben. Unter anderem von der 51-jährigen Netty Tondt. Die Klarinettistin, Sekretärin der Musikgesellschaft und „Stackgouschtengerin“, gehört der Musikgesellschaft seit ihrem zehnten Lebensjahr an. An die Anfänge der Kneipe kann sie sich noch ganz genau erinnern. Immerhin war sie maßgeblich daran beteiligt. Die Idee sei quasi aus einer Notsituation heraus geboren. „Damals gab es hier keine Kneipen mehr und somit auch keinen Treffpunkt, um Kontakte zu knüpfen, insbesondere mit potenziellen neuen Mitgliedern für die Musikgesellschaft. Deswegen fragten wir uns, warum nicht selbst etwas gegen die fehlende Geselligkeit tun?“

Die Idee ist quasi aus einer Notsituation heraus geboren.

Ohne viel Zeit zu verlieren, wurden die Musikanten bei der Gemeinde vorstellig und stießen auf Zuspruch. „Die Gemeinde hat uns insgesamt viel geholfen“, meint Netty. Und Bürgermeister Théo Weirich, mit Spitznamen liebevoll „Burger King“ genannt, kehrt bis heute gerne bei den Musikanten ein. Das Konzept stand schnell fest: Es sollte ein Freitagscafé werden. „Es macht wenig Sinn, jeden Tag zu öffnen. Wir sind zum einen fast alle berufstätig, zum anderen besteht unter der Woche kaum Bedarf für eine Kneipe.“ Der passende Raum war ebenfalls schnell gefunden. Im ehemaligen Centre Culturel legten die „Tutebattien“ im Jahr 2000 los. „Wir wurden viel belächelt. Die wenigsten dachten, dass wir es schaffen würden“, berichtet Netty, die hauptberuflich als Bankangestellte arbeitet. Heute können die Musikanten mit stolzer Miene darüber lachen. Schließlich feiert die Kneipe im Dezember ihr vierzehnjähriges Jubiläum. Allerdings nicht dort, wo alles begann. Wegen Umbauarbeiten am alten Standort zogen die Musikanten 2006 in das Haus nebenan um. Das Gebäude aus dem 18. Jahrhundert beherbergte vorher die unterschiedlichsten Bewohner, von Landwirten, Tagelöhnern und Leinewebern bis hin zu Schülern und Kindern. So waren zuletzt die Primärschule samt Dienstwohnung des Lehrpersonals und später die Spielschule dort untergebracht. Eine Kneipe wurde darin bisher jedoch noch nicht betrieben. Zu den neuen Untermietern zählt zudem der Club des Jeunes, der die ehemalige Dienstwohnung als Jugendtreff nutzt und davon profitiert, dass er eine Etage tiefer freitags „chillen“ kann.

Doch nicht nur der Club des Jeunes geht bei den „Tutebattien“ ein und aus. Zu den ältesten auswärtigen Stammkunden gehört beispielsweise Romain Schmit aus Greiveldingen. Er hat die Kneipe durch Zufall beim Vorbeifahren entdeckt. Aus Neugier hielt er an, gesellte sich zu den anderen Gästen und kam schnell ins Gespräch. „Genau das war unser Ziel, dass Menschen zusammenfinden.

Musikalisches Unterhaltungsprogramm:  Die Band Tenergy heizte den Gästen ein. Foto: Christophe Olinger

Musikalisches Unterhaltungsprogramm:
Die Band Tenergy heizte den Gästen ein. Foto: Christophe Olinger

Das Thema Integration ist uns sehr wichtig. Ob Hinzu- oder Weggezogene, Leute von außerhalb und Singles, jeder findet hier immer irgendjemanden, der mit ihm quatscht“, betont Netty. Insgesamt sei das Publikum relativ gemischt. Sowohl was die Altersgruppe anbelangt als auch die Herkunft. „Die meisten sind natürlich aus Gostingen und Umgebung. Es kommt aber auch manchmal vor, dass sich „Stater“ hierher verirren“, so Netty. Lino Zago verschlägt es sogar regelmäßig aus dem Süden von Luxemburg in die kultige Kneipe im Osten. Dass man sich bei den „Tutebattien“ schnell wohl fühlt, liegt nicht zuletzt an der Ausstrahlung der Kneipenbetreiber. „Gostingen hat nicht viele Einwohner, aber 36 Musikanten. Wir sind eine Familienmusik und haben schon schwere Zeiten durchgemacht. Dann merkt man, was man aneinander hat.“

Neben der geselligen und gemütlichen Atmosphäre sind sicherlich auch die recht sozialen Preise ein Grund für die Beliebtheit des Freitagscafés. „Es geht nicht darum, auf Teufel komm raus Gewinn zu machen“, so Netty. Dennoch verschweigt sie nicht, dass die Kneipe eine wichtige Einnahmequelle ist. „Wir könnten heute als Musikgesellschaft sonst nicht mehr überleben.“ Immerhin werden dadurch Kosten wie das Gehalt des Dirigenten, die Instrumente, Noten und Reparaturen, aber auch Ausflüge bezahlt. Die Arbeit erledigt sich dennoch nicht von selbst. Der Schichtplan wechselt wöchentlich. „Man hat immer zu zweit Dienst und ist dann an dem Abend auch für die Zubereitung der Speisen zuständig“, erklärt Netty. Unterstützt wird die Musikgesellschaft dabei von ihren sogenannten „Küchenfeen.“ Somit schmeckt es immer anders bei den „Tutebattien“. Für kulinarische Abwechslung sorgen auch die Themenabende, wie der „Mullenowend“, „Wëldowend“ oder „Hierkenowend.“ Und im Sommer lädt die Terrasse zu entspannten Feierabenden ein.

„ Weil der Raum so klein ist, ist die Stimmung immer gut.“ Netty Tondt

Auf dem Veranstaltungskalender stehen zudem gelegentlich Konzerte. So haben bereits Bands wie die „Dëppegéisser“ oder „Tenergy“ dort gespielt. Nicht zu vergessen der Hausball an Fastnacht. „Weil der Raum so klein ist, ist die Stimmung immer gut“, weiß Netty. Insgesamt ist der doppeldeutige Name „Tutebattien“ hier Programm. So steht er einerseits für die luxemburgische Redewendung „gutt tuten“, sprich „einen über den Durst trinken“. Andererseits ist mit „tuten“ auch die musikalische Beschäftigung gemeint. „Wir tun beides gerne“, verrät Netty mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Café „Bei den Tutebattien“,
6, rue Bildgen, L-5424 Gostingen,
Tel.: +352 76 07 99, nur freitags geöffnet von 17.00 bis 01.00 Uhr.

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Author: Georges Noesen

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