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Wir Heuchler

Wir beklagen uns, dass Luxemburg CO2-Zertifikate kaufen muss, weil hier zu viel Sprit gekauft wird und der in unserer Bilanz zählt, aber im Ausland verfahren wird. Gehts noch? Die Akzisen des zu rund 80 Prozent auf ausländischen Straßen verpulverten, etwas billigeren „luxemburgischen“ Diesels möbeln seit vielen Jahren unseren Staatshaushalt auf. Dass unseren Nachbarstaaten dieses Geld dann im Haushalt fehlt, ist eigentlich jedem klar.

Die Lux-Leaks haben nun der Welt vor Augen geführt, dass große Teile unseres Finanzplatzes ähnlich funktionieren. Keine wirklich neue Erkenntnis, von der jeder wissen konnte. Doch nicht alles was legal ist, ist auch richtig. Mit den Akzisen auf Erdöl, Tabak, Alkohol, der elektronischen Mehrwertsteuer und wichtigen Teilbereichen eines riesigen Finanzplatzes bewirkt – konservativ überschlagen – ein Drittel unseres Staatshaushaltes direkte Verluste bei den Nachbarn, sowie anderen Staaten. Wir leben als kleines, beschauliches Land praktisch ohne Bodenschätze und wenigen natürlichen Ressourcen ausgesprochen gut hiervon. Jean-Claude Juncker sagte jüngst: „Wir haben keine Politik gemacht in Luxemburg mit dem Ziel, anderen Ländern Steuereinnahmen wegzunehmen.“ Erfrischend ehrlich sagte er zur damaligen Situation aber auch: „Wir hatten keine andere Wahl.“

Die von vielen gefahrene Argumentationslinie: „De Jängy huet ugefangen“ und „De Piti mëscht dat och“, haben uns unsere Eltern bereits im Sandkasten als irrelevant erklärt. Richtig bleibt, dass auch andere Nationen alle Tricks nutzen, um sich Vorteile zu verschaffen. Dass in Roland Kochs Hessen vier emsige Finanzfahnder illegalerweise psychisch krank geschrieben und zwangspensioniert wurden, da eine gut funktionierende Finanzfahndung bei Firmenansiedlungen ein Standortnachteil ist. Würden wir wenigstens – zwar zynisch, aber dafür ehrlich – proklamieren, dass wir im schonungslosen Weltwirtschaftssystem den entscheidenden Tick cleverer, wendiger und schamloser sind.

Wir leben eh in einem kranken Wirtschaftssystem, das ständiges Wachstum voraussetzt.

Jeder für sich verlieren wir uns lieber in unserem alltäglichen Kleinklein, damit wir das große Ganze nicht sehen müssen. Oder wir skandalisieren das Übel der Welt, wie die fürchterlichen Bilder, die uns von der IS-Propaganda erreichen. Und damit übrigens ihren Zweck genau erfüllen. Dass lange vor dem völkerrechtswidrigen dritten Golfkrieg von 2003 „Gutmenschen“ zwar nicht vor der Terrororganisation islamischer Staat, aber vor dieser Destabilisierung der Großregion mit unabsehbaren Folgen warnten, hat die zivilisierte Welt dabei längst vergessen. Dies würde uns auch nachhaltige, anstrengende Denkweisen abverlangen. Kurzsichtige geopolitische Vorteile und die Sucht nach unserem Lebenselixier Erdöl waren und sind uns wichtiger.

Dass wir die endliche Ressource Erdöl eine Million Mal schneller verbrauchen, als sie entstanden ist und wir noch immer keinen Plan haben für die Zeit danach: geschenkt. Wir leben eh in einem kranken Wirtschaftssystem, das ständiges Wachstum voraussetzt. Jeder Student der Mathematik weiß, dass ein notwendigerweise anwachsendes System in einer endlichen Umgebung – der Welt – langfristig nicht stabil sein kann. Eine Welt, ein Planet, den wir massiv verschmutzen, rücksichtslos ausbeuten, auf dem jährlich Millionen Menschen einen vermeidbaren Hungertod sterben, auf dem immer noch und ständig Kriege geführt werden und der für die nachfolgenden Generationen weniger wohnlich als für uns sein wird.

Natürlich ist nicht der hiesige Finanzplatz, ist nicht Luxemburg an all dem verantwortlich. Wir sind allerdings auch nicht bloß ein Rädchen, wir sind der Musterschüler eines Systems, eines Denkens, das die Welt oder zumindest die Menschheit als Ganzes gefährdet. Bloß: Wir haben kein anderes.

Chrëscht Beneké

Journalist

Ressort: Sport

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Author: Philippe Reuter

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