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Wird das Wasser knapp?

Jean-Paul Lickes ist der Direktor der luxemburgischen Wasserverwaltung. Trotz der Corona-Pandemie gab es dieses Jahr noch keinen Engpass in der Wasserversorgung, sagt er im Interview, doch die langfristige Bereitstellung von Trinkwasser muss gut geplant werden.

Am 24. Juni hatten Sie gemeinsam mit Umweltministerin Dieschbourg auf die angespannte Lage bei der Wasserversorgung hingewiesen und unter anderem zum Beispiel vom Befüllen privater Schwimmbecken abgeraten. Wie sieht die Situation jetzt aus?
Wir mussten aufgrund der Corona-Pandemie davon ausgehen, dass im Sommer mehr Leute als sonst zu Hause bleiben und nicht in den Urlaub fahren würden, wodurch der Verbrauch, der normalerweise in der Zeit sinkt, höher sein würde. Zudem konnten wir nicht wissen, wie das Wetter wird und ob wir eine längere Trockenperiode bekommen würden. Wir erhalten zwar regelmäßig langfristige Wetterprognosen von der Weltmeteorologischen Organisation, die oft zutreffen, aber sicher voraussagen kann man regionales Wetter nicht immer lange im Voraus. Die Temperaturen Ende Juni bis zur dritten Woche im Juli waren aber nicht so hoch. Die Hitzewelle hat dieses Jahr erst recht spät angefangen. Zudem hat Ende Juli der „Congé Collectif“ begonnen. Dadurch entspannt sich sie Situation regelmäßig, weil der Wasserverbrauch gerade im Bausektor ziemlich erheblich ist. Von daher gab es dieses Jahr eigentlich bis jetzt keine kritischen Momente in der Wasserversorgung.

Empfehlen Sie trotzdem noch, auf das Befüllen von Pools oder das Waschen des Autos auf der eigenen Auffahrt zu verzichten? Oder nehmen Sie diese Empfehlung zurück?
Nein, nein. Die Situation in Luxemburg ist zwar nicht kritisch, aber unsere Empfehlungen sind eindeutig: Wir sollten mit Wasser immer sparsam umgehen. Leider verstehen viele Leute das falsch. Sie denken, wenn die Situation nicht kritisch ist, sei alles in Butter. Ist es aber nicht. Die Situation ist entspannter als in den letzten zwei Jahren, trotzdem sollte niemand Wasser verschwenden.

Sie möchten also die Bürger auffordern, einen verantwortungsvollen Umgang mit der Ressource Wasser zu pflegen, oder?
Richtig, vor allem in dieser Zeit, in der es trocken ist und Wasser auch für andere Zwecke benutzt wird als zum Trinken, Kochen und Waschen. Das heißt aber nicht, dass jemand seine Tomaten nicht wässern soll. Im Gegenteil, Gemüse zu gießen ist eine sehr sinnvolle Aufgabe. Aber auch diese kann man gut oder schlecht erledigen. Man sollte sein Gemüse abends oder morgens gießen und nicht mittags um zwölf Uhr, wenn die Sonne auf den Garten knallt. Auf unserer Internetseite www.waasser.lu finden Sie Tipps, wie man verantwortungsvoll mit dem wertvollen blauen Gold „Wasser“ umgehen kann.

„Die Situation ist entspannter als in den letzten zwei Jahren, trotzdem sollte niemand Wasser verschwenden.“
Jean-Paul Lickes, Direktor der Wasserverwaltung

Dieses Jahr war vielleicht nicht so heiß, aber eigentlich hatten wir doch seit Beginn des Lockdowns kaum Regen. Zudem haben viele Leute zu Hause gearbeitet. Der private Wasserverbrauch muss doch folgerichtig angestiegen sein….
Wir haben leider keine Aufstellung über die Abnahme der privaten Haushalte, die liegen innerhalb der Kommunen. Wir hoffen aber in den nächsten Jahren den Wassersektor zu digitalisieren, dann wird es einfacher sein, solche Informationen anonymisiert zusammenzustellen. Das hätte auch Vorteile für den Verbraucher, weil er Informationen über seinen eigenen Wasserverbrauch erhält und so vielleicht Rückschlüsse auf sein Verhalten ziehen und es ändern kann.

lickes-KopieAber nochmal: Es wurde dieses Jahr nicht mehr Wasser verbraucht als in den vergangenen Jahren?
Nein, es hat aber wahrscheinlich auch damit zu tun, dass die Wirtschaft noch nicht so dreht und ergo nicht so viel Wasser braucht wie vor der Corona-Krise. Zudem sind viele Grenzgänger nicht ins Land gekommen, weil sie zum Teil von zu Hause gearbeitet haben. Das drückt den Wasserverbrauch natürlich auch nach unten. Ein Arbeitsplatz, der von einem Grenzgänger besetzt wird, hat einen durchschnittlichen täglichen Wasserverbrauch von 30 bis 40 Litern. Das überrascht immer, wenn ich das sage, aber Sie müssen bedenken, dass der ja nicht nur seinen Kaffee trinkt, der geht auf die Toilette, isst zu Mittag, wofür auch Wasser verbraucht wird. Wenn die Grenzgänger zu Hause arbeiten, fällt der Verbrauch dieses Wassers weg. Das ist in der Summe keine unerhebliche Menge.

In Deutschland gibt es Regionen, in denen vor Wasserknappheit gewarnt wird. Dabei wird oft behauptet, dass sich viele Leute wegen der Corona-Krise Pools in die Gärten gestellt haben. Wie ist das in Luxemburg?
Natürlich gibt es auch in Luxemburg relativ viele Pools. Die meisten haben aber mittlerweile eine eigene Wasseraufbereitung. Noch vor ein paar Jahren hatten das die meisten Pools nicht. Die wurden befüllt, nach zwei Tagen wurde das schmutzige Wasser ausgekippt und der Pool neu befüllt. Heutzutage haben viele, vor allem die großen, eine kleine Pumpe mit Desinfektion und das Wasser kann wochen- oder sogar monatelang drinbleiben. Da muss dann nur das Wasser nachgefüllt werden, das verdunstet oder verbraucht ist. Moderne Pools sind also viel ökonomischer und haben eine kleinere Auswirkung auf den Wasserverbrauch. Das kritische am Wasserverbrauch ist der Spitzenverbrauch, nicht der Normverbrauch. Die Spitzen, egal ob beim Strom- oder beim Wasserverbrauch, sind immer die kritischen Momente in einem System. Wenn wir die Spitzen gekappt bekommen, läuft das System ohne allzu viele Probleme zu schaffen.

„Wir müssen zum Teil auf denselben Flächen, wo die Bauern ihre Arbeit verrichten, unser Grundnahrungsmittel herstellen. Und das ist Wasser.“
Jean-Paul Lickes

Das liegt aber nicht daran, dass zu wenig Wasser da ist, sondern dass die Versorgungsleitungen an ihre Grenzen kommen, oder?
Ja, die Leitungen, die Behälter, das ganze System, um das Wasser von A nach B zu transportieren. In den letzten Jahren war oft genau hier das Problem, wenn eine Phase Orange ausgerufen werden musste. Dann waren die Zubringerleitungen zu klein, die schaffen nur eine bestimmte Menge in einer bestimmten Zeit, da kann man den Druck erhöhen wie man will, es geht nicht mehr Wasser durch eine Leitung. Die Dörfer wachsen, ohne dass die kritischen Versorgungsinfrastrukturen mitmachen.

Vor zwei Jahren mussten etliche Brunnen und Quellen aus der Trinkwasserversorgung herausgenommen werden, weil sie mit Pestiziden und Nitraten belastet waren, das betraf zwölf Prozent des Trinkwassers. Wie sieht das jetzt aus?
Wir haben zur Zeit Quellen außer Betrieb, die eigentlich – und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen – für 75.000 Einwohner Wasser liefern würden, weil sie Rückstände von Pestiziden oder zu hohe Nitratwerte aufweisen.

Was alles aus der Landwirtschaft kommt…
Natürlich, wo sollen die sonst herkommen? Wir versuchen jetzt, bestimmte Quellen so zu schützen, dass sie sich erholen. Das ist allerdings auf Jahre angelegt.

Meinen Sie damit die Grundwasserschutzzonen, die 2015 eingerichtet wurden?
Ja, das sind landesweit rund 80 Schutzzonen. Das Problem ist nur, dass durch die hohen Werte von Pestiziden und Nitraten die ganze Umgebung der Quellen oder der Schutzzonen belastet sind und es Jahre dauert, bis diese wieder in Betrieb genommen werden können. Natürlich könnten wir auch Aufbereitungsanlagen an jede Quelle stellen, aber das wollen wir nicht, das Ziel ist ein proaktiver und kein kurativer Wasserschutz.

Mit der Landwirtschaft ist die Ministerin ohnehin in Verhandlungen, damit weniger gedüngt und gespritzt wird, oder?
Ja, genau, aber solche Verhandlungen sind immer schwierig. Uns als Wasserverwaltung wird oft vorgeworfen, dass wir etwas gegen die Bauern hätten, aber das ist nicht der Fall. Ich möchte niemandem schaden, aber wir müssen zum Teil auf denselben Flächen, auf denen sie ihre Arbeit verrichten, auch unser Hauptgrundnahrungsmittel herstellen. Und das ist eben Wasser. Da, wo sie Mais, Kartoffeln und Salat herstellen, müssen wir sauberes Trinkwasser herstellen. Wenn dadurch die Kartoffeln etwas teurer werden, dann ist das eben so. Wir können uns nicht erlauben, teure Wasseraufbereitungsanlagen überall hinzustellen, nur damit wir auf den Feldern alles einsetzen können, um einen Salatkopf 20 Cent billiger im Supermarkt anzubieten. Das ist die falsche Herangehensweise. Für mich persönlich ist das die Antithese der Nachhaltigkeit.

Luxemburg hat sich vorgenommen, dass mal eine Million Einwohner im Land leben. Das bedeutet, dass der Trinkwasserverbrauch auf jeden Fall steigen wird. Wie wollen Sie das gewährleisten? Welche Pläne gibt es?
Wir haben eine Strategie, die auf drei Standbeinen fußt. Das erste haben ich gerade erklärt, das ist der konsequente Schutz der Ressourcen, sowohl der Schutz der Quellen als auch der Schutz der Trinkwassertalsperre in Esch/Sauer. Das zweite Standbein ist, dass wir in den kommenden Jahren versuchen werden, den Pro-Kopf-Verbrauch herunterzufahren. Im Moment liegt der bei täglich rund 135 Liter pro Einwohner. Wir sind davon überzeugt, dass wir diesen Verbrauch senken können.

Wodurch?
Da gibt es verschiedene Methoden. Es gibt wassersparende Armaturen, die wir den Leuten schmackhaft machen wollen. Man kann sein Grauwasser nutzen, also das Wasser, das schon mal im Haushalt benutzt wurde, wie in der Dusche. Damit könnte man seine Klospülung betreiben. Dann benutzen wir das Wasser nicht nur einmal, sondern zweimal.

Kann man das Grauwasser zwischendurch filtern? Oder wären da Shampooreste und Haare mit drin?
Es hängt von der Verwendung ab. Man kann das Grauwasser kurz aufbereiten, da gibt es verschiedene technische Möglichkeiten.

Das dritte Standbein?
Aufgrund des Klimawandels beginnen die Vegetationsperioden früher im Jahr und ziehen sich länger hin. Dadurch wird das Fenster, in dem sich das Grundwasser auffüllen kann, immer enger. Das Grundwasser füllt sich ja vor allem in Zeiten auf, in denen keine Vegetation da ist. Wenn es regnet, nimmt die Vegetation das Wasser auf. Ein weiteres Problem ist, dass wenn es dann mal regnet, es meist kurz und heftig ist und das Wasser nicht ins Grundwasser einsickern kann, weil es schnell wegfließt. Langfristig werden wir also weniger Wasser aus unseren Quellen entnehmen können. Deshalb, und jetzt komme ich auf das dritte Standbein, werden wir nicht daran vorbeikommen, dass wir eine dritte große Ressource anzapfen müssen und das wird die Mosel sein. Das ist der einzige große wasserführende Körper, den wir noch aufbereiten können, sonst haben wir keinen, den wir anzapfen können und der auch im Sommer genügend Wasser führt. Im Moment sind wir dabei, Vorstudien zu machen, wie das funktionieren soll. Dazu müssen wir ja nicht nur die Aufbereitung machen, sondern auch noch die anschließende Verteilung im Wassernetz sicherstellen, das kostet noch einige Vorbereitung.

Fotos: jcomp (Freepik), privat

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Martine Decker

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