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Wut im Bauch

Der 1992 an Aids verstorbene David Wojnarowicz hinterließ ein Werk, für welches andere zehn Leben gebraucht hätten. Mit „History keeps me awake at night“ widmet das Mudam dem rebellischen Underground-Künstler eine bedeutende Retrospektive.

Arthur Rimbaud am Times Square. Arthur Rimbaud masturbierend im Bett. Arthur Rimbaud in der Subway. Die schwarzweiße Fotoreihe, die bereits im Whitney Museum die Solo-Schau eröffnete, leitet auch im Mudam die retrospektive Ausstellung ein, die dem wohl arbeitswütigsten und vielseitigsten Künstler des New Yorker Underground der 1980er Jahre gewidmet ist. „History keeps me awake at night“ vereint mehr als 150 Arbeiten von David Wojnarowicz, der entweder kaum geschlafen oder ständig Aufputschmittel genommen hat, um das zu schaffen, was er nun hinterlassen hat: ein Werk des politischen und gesellschaftlichen Protestes. Das Werk eines Aktivisten, der nicht müde wurde, seine Wut gegen die Ausgrenzung von Minderheiten und alles Elend in der Welt hinauszuschreien.

David Wojnarowicz war ein Getriebener. Ein Mann, der mitansehen musste, wie sein engster Freund und Liebhaber an Aids zugrunde ging und diese Katastrophe mit seiner Kamera dokumentierte. Die Aufnahmen, die er von dem im Sterben liegenden Peter Hujar im Krankenhaus machte, sind erschütternd – und gleichzeitig auch unglaublich berührend. Man sieht die Hand, die Zehen und das Gesicht des an Aids erkrankten Fotografen, der zu Lebzeiten nicht besonders erfolgreich war und sogar an der Armutsgrenze lebte, während Künstlerkollegen wie Nan Goldin und Richard Avedon seine Arbeiten bewunderten und sich von ihnen inspirierten. Auch David Wojnarowicz hatte sich mit dem damals noch tödlichen HIV-Virus infiziert, was vielleicht dieses Feuer in seinem Bauch erklärt. Der ehemalige Stricher, der den Großteil seiner Kindheit in Pflegefamilien verbrachte, bevor er sich in New York an ältere Männer verkaufte, muss geahnt haben, dass er wenig Zeit hatte.

„Etwas Privates zu etwas Öffentlichem zu machen ist eine Handlung mit gewaltiger Wirkung.“ David Wojnarowicz (1954-1992)

Zudem war er wütend. Vor allem weil die US-amerikanische Regierung tatenlos zuschaute, wie immer mehr Menschen – darunter überdurchschnittlich viele homosexuelle Männer – an der von konservativen Politikern und Massenpredigern als „Gottes Rache für Schwule“ verteufelten Krankheit starben. Es gab kein staatliches Geld für die Förderung der Aids-Forschung. Erst als Hollywoodstar Rock Hudson sich als erster Prominenter 1985 outete, wurde die soziale Stigmatisierung gebrochen. Allerdings dauerte es noch zwei weitere Jahre, bis Präsident Ronald Reagan das Thema erstmals auf der dritten internationalen Aids-Konferenz in Washington erwähnte. Damals waren schon mehr als 36.000 Amerikaner diagnostiziert, hatte die Seuche 113 Länder erfasst. Aus diesem allgemeinen Schweigen entstand der Act-Up-Slogan „Silence = Death“. Aktivisten inszenierten spektakuläre Proteste. David Wojnarowicz fotografierte sich selbst mit zugenähtem Mund. Körper und Zerfall rückten in den Mittelpunkt seines Schaffens. Die Bilder, die zu der Zeit entstanden, sind nicht schön anzusehen, die Textarbeiten nicht so leicht zu verdauen.

1„Etwas Privates zu etwas Öffentlichem zu machen ist eine Handlung mit gewaltiger Wirkung“, beschrieb David Wojnarowicz seine radikal offene Haltung zur Kunst. Eines seiner beeindruckendsten Werke – „Untitled (One Day This Kid…)“ aus dem Jahr 1990 – zeigt ein kindliches Selbstporträt, um das herum der Künstler mit unnachgiebiger Sachlichkeit schildert, was einem homosexuellen Jungen in einer repressiven Gesellschaft widerfahren kann. Anfang der 1990er Jahre setzte sich das Enfant terrible, der eigentlich Schriftsteller werden wollte und dann Mitglied der Band 3 Teens Kill 4 wurde, verstärkt politisch für die Rechte der Aids-Community ein und nahm aktiv an öffentlichen Debatten teil. Einer seiner eindrücklichsten Sätze ist im Katalog der 1989 organisierten Ausstellung „Witnesses: Against Our Vanishing“ nachzulesen: „Als mir gesagt wurde, dass ich mich mit dem Virus angesteckt hatte, brauchte ich nicht lange, um zu begreifen, dass ich mich auch mit einer kranken Gesellschaft angesteckt hatte.“ Heute haben HIV und Aids viel von ihrem Schrecken der vergangenen Tage verloren. Eine Infektion kann zwar immer noch nicht geheilt, aber stattdessen gut behandelt werden. HIV-positive Menschen haben sogar eine vergleichbare Lebenserwartung wie die Allgemeinbevölkerung. Die Ausstellung, die eine enge Beziehung zwischen dem Privatleben, dem Engagement und dem künstlerischen Schaffen von David Wojnarowicz deutlich macht, erzählt indes von etwas ganz anderem. Und da dem Künstler die Botschaft stets wichtiger gewesen ist als die Form, gibt es nicht viel Platz für Subtilität.

„History keeps me awake at night“ vereint mehr als 150 Arbeiten des Künstlers und ist die vollständigste Präsentation des Werkes von David Wojnarowicz.

Auf dem Bild „History keeps me awake at night“, das der Retrospektive ihren Titel gibt, ist über dem in Blautönen auf einer Weltlandkarte gemalten schlafenden Mann ein anderer Mann zu sehen, der eine Pistole auf den Betrachter richtet. Das Foto „Untitled (Buffaloes)“, welches das Cover der Single „One“ der Band U2 ziert, zeigt von einer Klippe stürzende Büffel – eine Metapher auf das Massensterben an Aids und die Darstellung einer reellen indianischen Jagdmethode. Es ging David Wojnarowicz um weitaus mehr als den Kampf gegen Krankheit und Ausgrenzung, sein Werk erzählt vor allem von Schmerz, Gewalt sowie Trauer, dokumentiert eine dunkle Phase der US-amerikanischen Geschichte und setzt sich – auf bilderstürmische Weise – mit zeitlosen Themen wie Liebe, Sex und Verlust auseinander. Eine Mudam-Führung ist zu empfehlen, denn so vielseitig die Techniken des Künstlers waren, so vieldeutig sind seine Bilder, Fotografien, Skulpturen, Texte und Performances. Im Juli 1992 starb der Rebell. Dass er jetzt wiederentdeckt und gefeiert wird, kann als Zeichen dafür verstanden werden, dass es den USA und dem Rest der Welt erneut miserabel geht. Auch wenn Donald Trump anscheinend gut schläft.

Fotos: Courtesy the Estate of David Wojnarowicz and P.P.O.W., New York (3), Collection of John P. Axelrod/Ron Cowie, Whitney Museum of American Art, New York

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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