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Yes, she can

In Biografien erzählen Schauspieler und Sänger gern, dass sie sich ihre Karriere nie zu erträumen gewagt hätten. Véronique Kinnen ist ehrlicher. Sie hat schon als Teenager gewusst, was sie wollte: Theater spielen.

Foto: Théâtre Grand-Ducal

Frau Kinnen, Sie stehen momentan in zwei Produktionen auf der Bühne. In einer Edith Piaf-Hommage und in dem Theaterstück „Biedermann und die Brandstifter“. Lässt beides sich vereinbaren?
Ja doch. Erstens liegt die Premiere von „Hommage à la Môme – La vie d’Edith Piaf“ bereits mehrere Wochen zurück, mein Kollege Claude Faber und ich sind bestens aufeinander eingespielt. Zweitens sind beide Theaterstücke sehr verschieden, und drittens gibt es für mich nichts Spannenderes, als auf einer Bühne zu stehen. Diesen Virus trage ich schon sehr lange in mir (lacht).

Trotzdem haben Sie sich als junge Frau nicht für eine professionelle Laufbahn als Schauspielerin entschieden. Warum eigentlich?
Als ich die Möglichkeit hatte, Schülerin der berühmten Schauspielschule Florent zu werden, war ich auf der Deuxième und hatte nicht den Mumm, nach Paris zu ziehen. Ich wollte mein Abitur in Luxemburg machen, festen Boden unter den Füßen haben.

Tut es Ihnen heute leid, damals nicht mutiger gewesen zu sein?
Nein, denn ich habe im Nachhinein immer wieder Gelegenheit gehabt, auf einer Bühne zu stehen und an diversen Theaterprojekten mitzuarbeiten. Und das sowohl während meiner Ausbildung zur Lehrerin als auch als Mitglied des Wiltzer Gesangvereins. Obwohl ich mich nicht für eine professionelle Karriere als Bühnenschauspielerin entschieden, sondern stattdessen eine Familie gegründet und eine pädagogische Laufbahn eingeschlagen habe, sind das Singen und das Schauspielern nie völlig in den Hintergrund getreten.

In „Hommage à la môme – La vie d’Edith Piaf“ schlüpfen Sie auf Ihre ganz besondere Weise in die Haut des „Spatzes von Paris“…
Dass ich meine klassisch ausgebildete Stimme nicht verstellen, mir meine blonden Haare nicht dunkel färben und die legendäre Chansonsängerin nicht kopieren wollte, stand von Anfang an fest und passte ins Konzept von Regisseur und Autor Jean Noesen. Das Stück, das sich auf die Liebesabenteuer Edith Piafs konzentriert (Claude Faber spielt sämtliche Männerrollen, vom Cabaret-Besitzer Louis Leplée über die Liebhaber Yves Montand und Charles Aznavour bis hin zu Théo Sarapo, dem 20 Jahre jüngeren Ehemann, Anm. d. R.), soll als Hommage funktionieren. Die einzelnen Lieder werden auch nicht chronologisch gesungen, sondern sind den Lebenslagen der Sängerin angepasst.

Trotzdem mussten Sie sich auf Ihre Rolle vorbereiten, oder?
Selbstverständlich. Ich habe Biografien gelesen, habe mir den Film mit Marion Cotillard, „La môme“, angeschaut. Mal spiele ich die Piaf als freche „Marie Trottoir“, mal als unterwürfige Prostituierte, dann wiederum als energische Tyrannin mit Starallüren und schließlich als sterbenskranke Frau, die nichts bereut. Allerdings versuche ich in keiner Weise, diese außergewöhnliche Künstlerin zu imitieren, denn das ist – meiner Meinung nach – ganz und gar unmöglich.

Die Produktion des Théâtre Grand-Ducal ist bislang bereits in Steinfort, Tetingen und Bascharage aufgeführt worden. Wie sieht es mit einer landesweiten Tournee aus?
Wenn weitere Kulturhäuser Interesse zeigen, wird das kein Problem sein. Da „Hommage à la môme“ in einem eher intimen Rahmen spielt und mit wenigen Requisiten auskommt, braucht es keine große Bühne, keinen großen Zuschauerraum. Ist Platz für ein Klavier vorhanden, passen sich der Pianist Romain Kerschen, Claude Faber und ich uns den gegebenen Räumlichkeiten an. Es gibt im Ausland Stücke, die immer wieder aufgeführt werden – jahrelang. In Luxemburg ist das zwar nicht möglich, aber wir können uns durchaus vorstellen, bis 2020 mit dem Piaf-Programm unterwegs zu sein.

In „Biedermann und die Brandstifter“ spiele ich Babette, eine pflichtbewusste Hausfrau, die in den Gästen ihres Mannes die gesuchten Brandstifter erkennt, jedoch nichts unternimmt, um das Unheil aufzuhalten.

Für „Biedermann und die Brandstifter“, das vom Kaleidoskop Theater im Schloss in Bettemburg aufgeführt wird, gelten derweil andere Bedingungen, nicht wahr? Welche Rolle spielen Sie in Max Frischs Drama?
Babette, die herzkranke Ehefrau des ehrgeizigen Haarwasserfabrikanten Gottlieb Biedermann. Es ist die Figur einer pflichtbewussten und etwas ängstlichen Hausfrau, die in den Gästen ihres Mannes zwar die gesuchten Brandstifter und somit auch den Ernst der Lage erkennt, aber dennoch nichts unternimmt, um das Unheil aufzuhalten. Es ist eine sehr interessante Rolle in einem höchst interessanten Stück über Wahrheit und Verdrängung.

Es ist nicht das erste Mal, dass Sie mit Jean-Paul Maes zusammenarbeiten?
In seiner Inszenierung von „Faust I“ besetzte ich 2017 einige kleine Nebenrollen. Damals arbeitete ich noch ganztags als Lehrerin im Lycée du Nord in Wiltz. Mittlerweile habe ich meine Unterrichtsstunden halbiert und zudem einen perfekten Stundenplan. Andernfalls hätte ich mir keine Theaterproben unter professionellen Bedingungen erlau-
ben können.

Zwischen Wiltz und Bettemburg liegen trotzdem 70 Kilometer…
Was bei rund 30 Probentagen und zehn Aufführungen eine Summe von 5.600 Kilometern ergibt. Mein Mann und ich haben uns einen Spaß daraus gemacht, es auszurechnen. Aber so viel bedeutet mir halt das Theater (lacht). Es ist in den letzten Wochen auch schon vorgekommen, dass mein Sohn mich mit der Frage „Wee bass du dann?“ geneckt hat. Ich gebe zu, dass die Pendelei manchmal anstrengend ist. Öslinger sind dies allerdings gewöhnt.

Dass Sie aus dem Ösling kommen, haben Sie in „Hommage à la môme“ in der Schungfabrik in Tetingen übrigens mit einem einzigen Wort verraten. Sie wissen, welches es war?
„Daasdig.“ Für Dienstag. Es ist mir rausgerutscht. Und die Reaktion des Publikums war unverkennbar. Es fällt mir nicht schwer, den Akzent aus dem Norden zu vergessen. Andererseits möchte ich ihn aber auch nicht verstecken. Ich stamme halt aus Wiltz, wohne in Wiltz und spreche wie alle anderen Wiltzer. Punkt.

Sie sind ebenfalls Mitglied des von Mars Klein gegründeten Ensembles Kopplabunz. Steht mit dieser literarischen Kabaretttruppe ebenfalls ein neues Projekt an?
Ja, allerdings erst im Herbst. Mit dabei sein wird dann die deutsche Schauspielerin Martina Roth. Was es dem Ensemble gegebenenfalls ermöglichen wird, über die Grenzen Luxemburgs hinaus aufzutreten.

Und was ist mit dem Wiltzer Gesang? Wird er auf Sie verzichten müssen? Werden Sie dem Amateurtheater untreu werden?
Auf keinen Fall. Auf die Gefahr hin, dass es arrogant klingt, aber der Wiltzer Gesang hat stets Wert auf Stücke mit Niveau gelegt, in denen der Gesang eine große Rolle spielt. Wir haben sämtliche Dicks-Komödien aufgeführt, und auch bei den Krimis wurde stets auf Anspruch geachtet. Mal mehr, mal weniger. Konzentriert arbeiten muss man übrigens auch im Amateurtheater.

Viel Zeit für sich und andere Hobbys werden Sie in den kommenden Wochen wohl nicht haben?
Stimmt, aber weil ich das Theaterspielen leidenschaftlich liebe, macht dies mir nichts aus. Die Weihnachtsferien sind diesmal eben weniger lang ausgefallen. Zum Glück steht meine Familie hinter mir und trägt meine Entscheidungen mit.

Véronique Kinnen
Jahrgang 1975, arbeitet halbtags als Lehrerin in Wiltz. Ist Mitglied des Wiltzer Gesang und des literarischen Kabarettensembles Kopplabunz. Ihre klassische Gesangsausbildung hat Véronique Kinnen im hauptstädtischen Musikkonservatorium und im CMNord, die Schauspielkunst an der Ecole Florent und an der Université Paris VIII gelernt. Als Darstellerin hat sie in diversen Theaterstücken auf unterschiedlichen Bühnen mitgewirkt. Véronique Kinnen ist mit dem Organisten und Fotografen Claude Windeshausen verheiratet. Das Paar hat zwei Kinder.

Hommage à la môme – La vie d’Edith Piaf:
– am 20. Januar um 20 Uhr im Home in Petingen,
– am 26. & 27. Januar um 20 Uhr sowie am 10. Februar um 17 Uhr in der Al Schmelz in Steinfort,
– am 27. April um 20 Uhr und am 28. April um 17 Uhr im Prabbeli in Wiltz,
– am 9., 10. & 11. Mai um 20 Uhr im Stuedttheater in Grevenmacher,
weitere Termine: www.theatre.grand-ducal.lu

Biedermann und die Brandstifter:
– am 10., 11., 12. 17., 18. 23. & 24. Januar sowie am 1., 2. & 3. Februar (17.30 Uhr) um 20 Uhr im Schloss in Bettemburg,
weitere Infos: www.kaleidoskop.lu

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Martine Decker

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