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Zeitlos

Rindschleiden, das kleinste Dorf Luxemburgs, ist seit Jahren verlassen. Wie man auf die Idee kommt, ausgerechnet an einem solchen Ort ein Bistro zu eröffnen, das selbst ohne Werbung so gut wie täglich ausgebucht ist, erklärt uns Besitzerin Romaine Zieser.

Text: Françoise Stoll / Fotos: Philippe Reuter

Unzählige Gründe, um ein Provinznest wie Rindschleiden zu besuchen, gibt es nicht – dafür aber ein paar triftige. Die meisten Touristen finden im Sommer dorthin, besichtigen die Willibrordus Kapelle, die Thillenvogtei und den Meditationsweg. Im Winter ist der Weihnachtsmarkt das absolute Highlight. Einen einzigen Ansässigen zählt das Dörfchen derzeit auf dem Papier. So viel zur Theorie, praktisch gesehen wohnt niemand tatsächlich dort. „Die wirklichen Einwohner sind die drei Katzen und zwei Schweine“, meint Romaine Zieser grinsend. Vor anderthalb Jahren hat ihr kleines Café, das „MiRo“, seine Türen hier eröffnet; Motiv Nummer fünf für eine Stippvisite.

Seit 27 Jahren ist sie bereits Wirtsfrau. Auf der Suche nach einem neuen Projekt folgte sie dem Tipp eines befreundeten Pärchens. Mehr aus Pflichtbewusstsein als aus Lust ging sie diesem nach und erlag dem Charme des verwaisten Orts. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, beteuert die 55-Jährige. Das Objekt, ein von der Gemeinde sanierter ehemaliger Schweinestall, war noch verhältnismäßig steril, mit Fliesen und neutralem Anstrich ausgestattet. Das kriegen wir hin, dachte sich Romaine. Heute sind die Wände des Restaurants mit Sprüchen übersät.

„Wer herkommt, kommt bewusst und nicht zufällig zu uns.“ Romaine Zieser

Viele Edding-Stifte, zwei Menschen und Ausdauer, mehr brauchte es nicht. Gemeinsam mit Mitarbeiter Habib kritzelten sie ein Wort nach dem anderen ans Mauerwerk. Die meisten Zitate stammen von Sänger- und Schauspielerinnen aus den 1930er Jahren. „Zarah Leander, Marlene Dietrich, Lale Andersen… ich habe diese Musik immer geliebt, selbst als 15-Jährige. Nur hätte ich das damals nie zugeben können“, gesteht die Cafébesitzerin lachend. Stilikonen wie Coco Chanel, Audrey Hepburn, Elizabeth Taylor, Liza Minnelli, Marilyn Monroe und Steve McQueen haben ebenfalls einen Ehrenplatz inne. Außerdem mit von der Partie? Carlo Schneider. „Als Carlo vorbeikam, hatte ich zufälligerweise einen leeren Bilderrahmen herumliegen und bat ihn etwas für mich zu zeichnen, was er auch tat.“ Damit war der Startschuss für die Schriftwände gefallen.

Ein bisschen mädchenhaft, dennoch taff scheint das glamouröse Flair Lokal und Inhaberin gleichermaßen zu prägen. Wer genauer hinsieht, begreift, dass die besondere Atmosphäre von Romaine selber ausgeht. Ein Einrichtungskonzept habe sie nie geplant, eins sei zum anderen gekommen. Dabei hat jedes Stück seine eigene Bedeutung, ist beseelt. Sogar die Gäste seien von allein gekommen, durch Mundpropaganda. Nach einem Vierteljahrhundert Erfahrung weiß die Powerfrau, worauf es ankommt: auf Unverfälschtheit und Qualität.

Authentisch ist sie, genauso wie ihre Gaststätte und deren Lage. Für die 55-Jährige ist das Kaff ein magischer Ort, jenseits der Zeit. Und tatsächlich kann man in Rindschleiden kaum einen Unterschied zwischen dem Jahr 2017 und 1932 machen. Mit ihrem Kurzhaarschnitt, den nachgezeichneten Augenbrauen und dem Liedschatten könnte die gelernte Friseurin selber aus dieser Ära stammen, nur der Hosenanzug fehlt. „Der Salon, das war nicht meine Welt“, merkt Romaine an. Dreizehn Jahre war sie als Frisöse tätig. Erst als sie sich Hals über Kopf in einen Niederländer verliebte und mit ihm ein Café eröffnete, entdeckte sie ihre wahre Berufung. Die Leidenschaft für die Gastronomie und ihre Faszination für Swing, Schlager und Hollywood-Filme machen sie und ihr kleines Bistro aus. Es sei ihr letztes Projekt, meint „Romi“ – aus einem Wortspiel ist übrigens der Zusatzname „MiRo“ entstanden – bestimmt. Sie habe der Gemeinde Wahl mitgeteilt, sie würde bis 85 durchmachen, danach sei aber Schluss.

Im Einseelenort fand sie, was sie suchte. Ein Restaurant ohne Schnickschnack, ohne verkehrsbelastete Straßen vor der Tür, ohne ungebetene Gäste. Im Laufe ihrer Karriere hatte sie mit vielen verschiedenen Menschen zu tun. Irgendwann schreibe sie die Anekdoten nieder, aber nur die schönen, die anderen seien es nicht wert. In Rindschleiden genießt sie die Ruhe. „Wer herkommt, kommt bewusst und nicht zufällig zu uns“, erklärt sie und fügt hinzu, „selbst Kunden aus dem Süden des Landes nehmen eine Stunde Fahrt in Kauf.“ Nicht, dass es da oben nichts zu tun gäbe.

Selbst an einem winterlichen Mittwochabend sind alle 24 Plätze reserviert. Zur Not müssen nicht selten Terrassenstühle herhalten, um allen Besuchern Sitzgelegenheiten zu bieten. Auf der Speisekarte stehen marinierte Sparerips, Burger, Salate. Alle verwendeten Zutaten werden frisch und lokal eingekauft von Koch Fernando liebevoll zubereitet. Das Fleisch stammt von einem Metzger aus Redingen, die Kartoffeln vom „Redingshaff“, das Brot aus Beckerich, das Öl aus Ospern, der Honig aus Koetschette. Eine ehrliche Küche, weil die Hausherrin es nun einmal so mag, ohne großes Getue. „Allüren sind nur etwas für die Unfertigen“, behauptete Audrey Hepburn einst. Und so möchte Romaine Zieser nicht alleine für unser Porträtfoto posieren, sondern nur mit ihrem Team abgelichtet werden. „Romi“, eine Frau, die weiß, was sie will. Eine, die sich und ihren Weg gefunden hat.

Das komplette MiRo-Team: Anja, Habib, Romaine, Fernando und Alex (v.l.n.r.) schmeißen den Laden.

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Author: Philippe Reuter

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