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Zermürbender Nachtmahr

Review: A Plague Tale: Innocence (PS4)

Nicht genug damit, dass die englischen Truppen das Land überrannt haben, auch die Pest und eine enorme Rattenplage setzen der Bevölkerung zu.

Text: Daniel Paulus / Fotos: Focus Home Interactive

Genre: Action-Adventure / Studio: Asobo Studios / Publisher: Focus Home Interactive / Termin: erhältlich / Plattform: PS4, Xbox One, Windows / Preis: 44,99 € / Altersempfehlung: 18+

Ein herbstlicher Wald im Königreich Frankreich des Jahres 1348. Ein junges Mädchen und ihr Vater machen einen Spaziergang unter dem rot-gelben Farbenspiel der Bäume. Ein Jagdhund tollt durch die Szenerie und sorgt für Gelächter. Die Stimmung ist harmonisch, Vater und Tochter scheinen eine innige Beziehung zueinander zu haben. Sie sind nobel gekleidet und drücken sich wohl formuliert aus. Als ein Wildschwein ihren Weg kreuzt, fordert der Vater das Mädchen dazu auf, es mit seiner Schleuder zu erlegen. Das Vorhaben misslingt und der Hund nimmt die Fährte des Wildes auf. Die Stimmung kippt abrupt, als die Vierbeiner fortan vermisst werden. Doch das Mädchen findet das Wildschwein; tot, entsetzlich entstellt. Auch der Hund bleibt nicht verschont, wird von etwas angegriffen und in den Erdboden gezogen. Panik bricht aus. Nur schnell heim, um alle zu warnen. Kaum dort angekommen, wird das Familienanwesen von Männern in Rüstung überfallen. Die Bediensteten werden ausgehorcht und kaltblütig umgebracht. Ein Massaker. Die Aggressoren suchen wohl nach dem jüngsten Nachkommen der Adelsfamilie. Niemand kann dem Gemetzel entkommen… bis auf das Mädchen und ihr kleiner Bruder.

Die Locations sind vielfältig, und reichen von malerisch verträumt bis verstörend eklig.

„A Plague Tale: Innocence“ erzählt eine düstere Geschichte über Tod, Zusammenhalt, Mut und Verlust. Man steuert Amicia, Tochter von Robert und Beatrice De Rune von Acquitaine. An ihrer Seite ist stets Hugo, der kleine Bruder. Ob dessen mysteriöse Krankheit wohl in Zusammenhang mit der Pest und der Rattenplage steht? Aus welchem anderen Grund sollte die Inquisition den Kleinen derart verbissen suchen? Doch Amicia weiß sich zu wehren. Mit ihrer Schleuder pfeffert sie Gegnern ohne Helm Steine vor den Latz, in den meisten Situationen empfiehlt es sich aber, unbemerkt an den Soldaten vorbeizuschleichen. Dieses Gameplay-Konzept zieht sich durch das gesamte Spiel. Aufgelockert wird dies hier und da von nicht allzu anspruchsvollen, dennoch gut gemachten Schieberätseln und von nervenaufreibenden Verfolgungsjagden. Und dann treten die Ratten auf den Plan. Die kleinen Nager erscheinen in Scharen und greifen jeden an, der sich in die Schatten traut. Licht hält die Viecher auf Distanz, so empfiehlt es sich, im Schein von Fackeln oder Lagerfeuern zu bleiben. Gottseidank lernt Amicia alchemistische Tricks wie Feuer entfachende Geschosse herzustellen. Außerdem kann sie ihre Schleuder und ihre Ausrüstung aufwerten, vorausgesetzt sie findet das dazu benötigte Material.

Das Spiel sieht wunderschön aus. Ein hoher Detailgrad, tolle Lichteffekte und schöne Charaktermodelle schaffen eine starke Stimmung. Die Locations sind vielfältig und reichen von malerisch verträumt bis verstörend eklig. Durch ein Massengrab voll lebloser Schweineleiber zu waten ist mindestens genauso unappetitlich, wie durch eine rattenverseuchte Kanalisation oder über ein Schlachtfeld mit angenagten, verwesenden Gefallenen zu schleichen.

Die mitreißende Story ist die größte Stärke des Spiels. Und auch wenn die Protagonisten noch Kinder sind, „A Plague Tale“ ist hart und unbarmherzig inszeniert und nichts für Minderjährige. Es gibt aber auch Momente voller Hoffnung und Unschuld. Wenn der kleine Hugo auf einem verlassenen Hof den Hausschweinen Mut zuspricht oder am Bach Fröschen hinterherjagt, vergisst man die ansonsten harte Welt der verwaisten Geschwister. Dieses Kontrastprogramm zieht sich durch die gesamte Story und ist extrem fesselnd.

Leider merkt man dem Werk auch an, dass dahinter kein riesiges Entwicklerteam steckt. Die Animationen sind teils abrupt und unnatürlich. Amicia sieht aus wie eine Mischung zwischen Aloy aus „Horizon Zero Dawn“ und Lara aus den jüngsten „Tomb Raider“-Abenteuern. Hier hätte etwas mehr Mut beim Design gut getan. Der hätte auch den verschiedenen Abschnitten und Rätseln gutgetan; die Areale sind nie sehr groß und recht gradlinig. Auch wenn man manchmal mehrere Lösungswege hat, so hat man dennoch das Gefühl, in eine Richtung bugsiert zu werden. Unsichtbare Begrenzungen sind nicht mehr zeitgemäß und manchmal bleibt man hinter Objekten hängen. Doch auch wenn hier und da etwas Feinschliff fehlt, um das Abenteuer auf das Niveau eines „Uncharted“ zu hieven, so macht das Spiel das wieder gut mit dem tollen Setting und mit dem simplen, aber gut funktionierenden Gameplay. Mit 16 Kapiteln plus Epilog ist das Abenteuer zudem nicht gerade kurz, und Sammelobjekte animieren zum nochmaligen Durchspielen.

Die deutsche Synchronisation ist zwar ordentlich, es empfiehlt sich aber die gelungenere französische Version zu wählen. Die englische Synchro wurde mit befremdlichem, französischem Akzent eingesprochen. Hervorheben sollte man noch den beeindruckenden Soundtrack von Olivier Derivière.

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Author: Martine Decker

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