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Ziemlich zynisch

„Führt man sich vor Augen, wie vehement ’Ungläubige‘ in den Grundlagenschriften der Religionen verunglimpft werden, wirken sämtliche Religionssatiren, die in den vergangenen Jahrzehnten veröffentlicht wurden, wie harmlose Späßchen.“ Die Reaktion des deutschen Philosophen und Autors Michael Schmidt-Salomon in der deutschen Wochenzeitung „Die Zeit“ auf die nach den Attentaten auf das französischen „Charlie Hebdo“ aufflackernde Idee, es müsste im Namen der Gläubigen mehr Respekt vor deren Religionen und ihren Heiligen entgegengebracht werden, könnte treffender nicht formuliert sein.

Die Idee eine Art „Was geht, was geht nicht“-Grenze einzuführen hat hierzulande der Imam Halil Ahmetspahic aus der Mamer Moschee auf RTL Télé Lëtzebuerg angeregt: „Il faut lancer un projet mondial dans lequel il faut défendre tous les personnages qui sont sacrés dans toutes les religions et toutes les croyances.“

Dies klingt sehr stark nach einer Art Charta, welche vorschreiben solle, inwieweit etwas verballhornt, parodiert, karikiert oder kritisiert werden darf. Eine Überlegung, mit der das Bistum durchaus leben könnte, wie Generalvikar Erny Gillen ebenfalls bei RTL erklärte.

Interessanterweise haben sowohl der Imam Halil Ahmetspahic via eine Richtigstellung, wie auch Generalvikar Erny Gillen beim Radio 100,7, nachdem der Presserat den Vorschlag als potenzielle Pressezensur angesehen hatte, allerdings zurückgerudert.

So oder so es kann nur eine Schlussfolgerung geben, und zwar das genaue Gegenteil einer Idee, das „Heilige“ verstärkt zu schützen: „La laïcité point final“, wie es Charlie Hebdo unmissverständlich diese Woche fordert. In Luxemburg scheint genau dies, eine strikte Trennung von Kirche und Staat, nicht wirklich gewollt, wie die Annäherung zwischen der Regierung und den Glaubensgemeinschaften zeigt (Anm. d. Red.: die Details wurden erst nach Redaktionsschluss bekannt). Dabei sind die Zeiten, in denen religiöse Gemeinschaften ihre Macht mit Meinungsmonopol und Bevormundung der Menschen untermauern können, zum Glück in Westeuropa vorbei.

War dieses Bekenntnis zur Meinungsfreiheit etwa eine einzige Heuchelei?

Wer auch nur einen minimalen Schritt in diese Richtung andenkt, macht – und vielleicht nicht mal so ganz ungewollt oder unschuldig – einen Schritt in Richtung längst vergangener Gesellschaftsstrukturen. Nicht zuletzt wäre vorauseilende Bevormundung der Presse oder von Journalisten, egal von welcher Instanz auch immer – ob religiös, politisch oder wirtschaftlich –, nichts anderes als das Einführen einer Zensur, wie man sie aus Diktaturen kennt. Ein unzumutbarer Angriff auf die Freiheit jedes Einzelnen. Und wie die „Allianz vun Humanisten, Atheisten an Agnostiker“ (AHA) schreibt, zeugt die Tatsache „die Morde von Paris auszunutzen, um in Luxemburg die Unantastbarkeit des vermeintlich ’Heiligen‘ weiterzutreiben, von einem ungeheuerlichen Zynismus.“

Dabei wird scheinbar ganz vergessen, dass vor etwas mehr als zehn Tagen Millionen Menschen weltweit für die „Freie Meinungsäußerung“ auf die Straße gingen und sich zu einem Satiremagazin bekannten, wenn auch vielleicht nur symbolisch. Dabei geriet „Charlie Hebdo“ nicht nur mit Karikaturen des Propheten Mohammed in die Schlagzeilen, dem Magazin ist und war nämlich nichts und niemand heilig…

Oder war dieses weltweite Bekenntnis zur Meinungsfreiheit – welche auch von Vertretern der unterschiedlichen Religionen gemacht wurde – etwa eine einzige Heuchelei? Hoffentlich nicht…

Hubert Morang

Stellvertretender Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft, Multimedia

Georges Noesen

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