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Zoff im Kinderzimmer

Streit unter Geschwistern stellt Eltern oft auf eine harte Probe: Sollen sie sich einmischen und versuchen, den Streit zu schlichten, oder lieber nicht? Sowohl als auch, sagen Experten. Es kommt immer darauf an, wie der Streit aussieht und ob die Kinder in der Lage sind, ihn selbst beizulegen.

Fotos: watcartoon, highwaystarz, photophonie (alle Fotolia), Pixabay

Wenn das Leben doch immer so wäre wie in der Werbung. Dann wären wir alle schlank und schön und unsere Kinder nicht nur die Klassenbesten, sondern stets gut gelaunt und mit sich und der Welt im Reinen. Ein Leben wie auf Wolke Sieben, ohne Streit, ohne Keilerei, ohne Probleme.

Doch die Realität sieht anders aus. Streitereien gehören zum Alltag. Vor allem unter Geschwistern. Da können schnell mal die Fetzen fliegen, ein winziger Anlass genügt meist schon. Für Eltern ist das nicht einfach zu ertragen. Sie hätten es gerne so idyllisch wie in der Werbung und finden sogar oft die Anlässe für den Streit ihrer Kinder wenig nachvollziehbar: „Darüber streitet man doch nicht!“, heißt es dann alles andere als verständnisvoll. Doch seien wir ehrlich: Man kann nicht immer einer Meinung sein, und haben wir uns selbst nicht auch oft genug mit unseren Geschwistern gezofft?

Eltern sollten nicht in einen Streit eingreifen um herauszufinden, wer der Schuldige ist und eigentlich Recht hat.

Geschwister sind die Menschen, mit denen man – zumindest in den allermeisten Fällen – ein Leben lang verbunden bleibt. Erziehungswissenschaftler und Psychologen betonen immer wieder, dass Geschwister als eine Art Sparringspartner dienen. Mit ihnen lerne man, sich aufs Leben vorzubereiten – auf Beziehungen und Auseinandersetzungen und darauf, sich durchzusetzen oder Kompromisse einzugehen. Wichtige soziale Kompetenzen werden durch das Aufwachsen mit Geschwistern erworben, weil man ihnen einfach nicht aus dem Weg gehen kann. Mit wem sonst also sollten Kinder lernen, sich zu streiten, wenn nicht mit dem eigenen Bruder oder der eigenen Schwester?

Lange Zeit gaben Pädagogen Eltern den Rat, ihre Kinder einfach machen zu lassen und sich als Erwachsene tunlichst nicht einzumischen. Geschwister müssten lernen, ohne Hilfe von außen miteinander zu streiten, sich zu versöhnen und klar zu kommen. Im besten Fall ist das auch richtig, vorausgesetzt es handelt sich um Geschwister, die einander ebenbürtig sind. Doch was ist, wenn die große Schwester immer Recht hat oder sich der kleine Bruder nur mit Fäusten zur Wehr zu setzen weiß? Oder das kleinere Geschwisterkind immer nachgibt, weil das größere so dominant ist? Sollten Eltern auch dabei zusehen?

Der gesunde Menschenverstand sagt nein. Dominante Strukturen lösen sich nie von selbst auf, Menschen müssen lernen, andere respektvoll und gleichberechtigt zu behandeln. Auch Experten raten Eltern dazu, sich doch eher einzumischen, wenn Streitereien ausufern oder stets auf das gleiche und meist ungerechte Ergebnis hinauslaufen. Denn auch Streiten will gelernt sein. Und dass stets derjenige als Sieger hervorgeht, der sich besser durchsetzen kann, sollte unbedingt verhindert werden.

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Streiten kann man lernen

Kleine Kinder brauchen viel Hilfe
Je kleiner die Kinder sind, desto mehr Hilfe brauchen sie. Wer streitet, hat starke Gefühle: Wut, Eifersucht, Trauer, Neid und viele andere können Auslöser für den Streit sein oder im Laufe des Streits auftauchen. Nur ist es für viele Kinder sehr schwierig, diese Gefühle genau zu orten und zu wissen, ob sie jetzt sauer oder einfach nur neidisch sind. Diese Gefühle sortieren und identifizieren zu lernen, hilft, Lösungen für Streitereien zu finden. Eltern sollten also nicht in einen Streit eingreifen um herauszufinden, wer der Schuldige ist und eigentlich Recht hat. Stattdessen sollten sie versuchen, die hochgekochten Gemüter zu beruhigen, um dann herauszufinden, worum es eigentlich geht und wer welches Ziel verfolgt.

Nicht Partei ergreifen
Haben sich die Gemüter einigermaßen beruhigt, kann versucht werden, gemeinsame Lösungen zu finden, die für alle in Ordnung sind. Wichtig ist hierbei allerdings, dass sich die Eltern auf keine der beiden Seiten schlagen, um nicht die eine Partei als schuldig und die andere als unschuldig hinzustellen. Dann wissen die Kinder auch, dass Papa und Mama nicht böse, sondern verständnisvoll sind, auch wenn sie sich selbst als Opfer oder Täter fühlen.

Lösungen finden
Kinder sind sehr kreativ, meist sogar kreativer als ihre Eltern. Auch was Konfliktlösungen betrifft. Sie überlegen sich gerne, wie sie andere trösten oder sich entschuldigen können. Oder sie denken sich Aktivitäten aus, die sie gemeinsam unternehmen können. Nach einem Streit auch wieder schöne Dinge zusammen zu machen, ist wichtig. Dadurch geraten Konflikte in den Hintergrund und man erfährt, dass ein Miteinander auch Freude machen kann.

fotolia_26533748_sWenn es handgreiflich wird
Viele Streitereien laufen verbal ab, andere hingegen münden in eine Rangelei. Beides kann gefährlich und sehr verletzend sein. Manchmal aber auch sehr hilfreich, denn wie schon gesagt: Streitereien gehören zum Leben und kommen in den besten Familien vor. Doch während für viele Eltern ein lauter verbaler Streit zwischen ihren Kindern noch zu ertragen ist, hört es für die meisten auf, sobald es handgreiflich wird. Dann wird direkt eingegriffen und die Streithähne werden voneinander getrennt. Im Prinzip ist das richtig, doch sollten körperliche Auseinandersetzungen nicht grundsätzlich verboten sein. Wichtig ist nur, dass sie auf Augenhöhe stattfinden und nicht von stärkeren oder älteren Kindern dazu benutzt werden, zu ihrem vermeintlichen Recht zu kommen.

Machtwörter sind out
„Ruhe im Karton“ kann man natürlich sagen, richtig viel bringt so ein Machtwort allerdings nicht. Eltern, die versuchen, einen Streit ihrer Kinder mit Brüllen, Drohen oder gar Schlägen zu lösen, werden vielleicht für den Moment erfolgreich sein, dafür aber langfristig scheitern. Denn die Kinder lernen nur: Wer brüllt, hat Recht. Und das ist ja genau das, was sie eigentlich nicht lernen sollen.

Zufriedene Kinder brauchen zufriedene Eltern
Auch wenn Eltern mehrere Kinder haben, sollten sie doch ab und zu mit jedem von ihnen Zeit alleine verbringen. Kinder brauchen das Gefühl, Mama oder Papa ganz für sich alleine zu haben. Außerdem sollten Eltern versuchen, die oft ohnehin schon bestehende Konkurrenz unter Geschwistern nicht zusätzlich zu schüren, indem die Kinder miteinander verglichen werden. Jedes Kind möchte geliebt werden.

Ruhige Zeit ausnutzen
Wer oft streitet, kann nicht nur lernen, Lösungen für die Konflikte zu finden, sondern auch, unnötigen Streitereien aus dem Weg zu gehen. Dafür ist es hilfreich, sich vorher schon Strategien zu überlegen, die helfen, einen Streit gar nicht erst hochkochen zu lassen. Das geht natürlich am besten in friedlichen Zeiten, wenn die Stimmung gut ist.

Wenn Eltern streiten
Die besten Vorbilder sind immer die Eltern selbst. Kinder schauen sich ab, was Mama oder Papa ihnen vormachen. Auch ihr Verhalten in Konfliktsituationen wird von den Kindern genau beobachtet und im Zweifelsfall kopiert. Nicht selten hört man die eigenen Argumente in den Streitereien der Kinder wieder. Dass Eltern deshalb nicht mehr streiten sollten, ist natürlich Quatsch. Denn Streit gehört dazu, und manchmal muss die Luft einfach raus. Wer seinen Kindern aber eine gesunde Streitkultur beibringen möchte, sollte selbst in der Lage sein, konstruktiv streiten zu können: ohne laut, handgreiflich oder verletzend zu werden und immer darauf bedacht, gemeinsame Lösungen zu finden.

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Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

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Author: Philippe Reuter

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