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Zügellose Schönheit

Donnerstag, neun Uhr morgens Ortszeit. Ein kurzer Blick durchs Flugzeugfenster und die unmittelbare Empfindung, auf dem Mars gelandet zu sein. Rote Erde, dunkle Gebirgsketten, Dürre – die einzigartige Landschaft von Lanzarote kann anfangs befremdlich wirken.

Text & Fotos: Françoise Stoll

Es ist es keine erdrückende Hitze, die die Passagiere beim Verlassen der Boeing willkommen heißt, sondern eine starke Böe. Sie zerzaust die Haare eines jeden gründlich und rüttelt einen nach dem vierstündigen Flug richtig wach – auf der Vulkaninsel ist gerade Windsaison.

Lanzarote ist die mit Abstand trockenste Insel der Kanaren. Nur einhundertvierzig Kilometer von Marokko entfernt erinnert sie mit ihren Wüstensteppen an ein kleines Stückchen Afrika in Europa. Die Dromedare, die für landwirtschaftliche Zwecke genutzt werden, und die spärliche Vegetation verstärken dieses Bild. Kakteen, Flechten, Aschepflanzen ranken sich auf dem spröden und unfruchtbaren Boden. Selbst für Palmen ist es im Nationalpark „Timanfaya“ zu trocken. Die Folgen des jüngsten Vulkanausbruchs 1824 dauern bis heute an. Ein Viertel der Insel wurde damals unter nichts als Lava und Asche begraben, die Flora und Fauna erholt sich nur langsam.

Es heißt, wer weder Natur-schutzgebiet noch Manriques Werke kennt, kennt Lanzarote nicht.

Das Ergebnis ist eine vom Menschen unberührte, beinahe prähistorische Natur mit surrealistischen Farben. In der mond-artigen Landschaft wechseln sich Dünen aus schwarzem Sand mit dem Rot der sogenannten Feuerberge ab. Der Teufel –„el diablo“– ist Sinnbild dieser kontrastreichen Gegend. Hier lassen nicht nur die Farben an ein Inferno denken. „Vor fast 200 Jahren haben die ohnehin sehr armen Inselbewohner die Hölle durchgemacht. Die Eruptionen wurden als Strafe Gottes betrachtet“, erklärt Reiseleiter Steven Remmerie. Die zahlreichen Vulkanhöhlen und -tunnel wie die „Cueva de los Verdes“ bieten die optimale Möglichkeit, eine regelrechte Reise zum Mittelpunkt der Erde zu unternehmen und eine leise Ahnung von den unermesslichen Kräften zu bekommen, die durch einen Vulkanausbruch freigesetzt werden.


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Wer glaubt, auf Lanzarote gäbe es nichts als Staub und Steine, irrt. Das Wüsteneiland ist ein kleines, kulturelles Schmuckstück. Nicht zuletzt ist es das Erbe César Manriques, das die Insel prägt. Dem Maler und Architekten waren die enge Verbindung und die Harmonie zwischen Kunst und Natur außerordentlich bewusst. Mitten im Nirgendwo errichtete er ein Gebäude im Vulkangestein und gestaltete fünf unterirdische Lavablasen zu Wohnräumen um. Was Hundertwasser für Wien, Gaudí für Barcelona ist, bedeutet Manrique für Lanzarote. Zu seinen öffentlichen Kreationen gehört nicht nur sein Künstlerhaus, das heute Hauptsitz der „Fundación César Manrique“ ist, sondern auch die „Jameos del Agua“, der „Mirador del Río“ und der Kakteengarten. „Er war einer der ersten, der die wahre Schönheit der Insel erkannte und ihre Zukunft im Tourismus und dem respektvollen Umgang mit der Umwelt sah“, beteuert Remmerie.

„Vor fast 200 Jahren haben die ohnehin sehr armen Inselbewohner die Hölle durchgemacht. Die Eruptionen wurden als Strafe Gottes betrachtet.“ Steven Remmerie, Reiseführer auf Lanzarote

Es heißt, wer weder Naturschutzgebiet noch Manriques Werke kennt, kennt Lanzarote nicht. Und so ist es. Es sind diese beiden Elemente, die das Eiland einmalig und unverwechselbar machen und deutlich von den anderen Kanaren abgrenzen. Obwohl die „Schwesterinsel“ Fuerteventura nur einen Katzensprung (knapp zwölf Kilometer) entfernt ist, gibt es wohl kaum zwei Orte, die sich ungleicher sein könnten.

Mit mehr als zwanzig Millionen Jahren ist „Fuerte“ die Älteste der Kanarischen Inseln. Einen aktiven Vulkanismus gibt es hier nicht mehr. Der unglaublichen Länge von neunzig Kilometern ist vor allem eines zu verdanken: Küste ohne Ende – oder genauer fünfundfünfzig Kilometer purer Sandstrand. Fuerteventura hat viele Namen. Sie ist die Insel der Ziegen, der Strand der Kanaren und das Hawaii Europas.

Einen Künstler wie Manrique brachte Fuerteventura zwar nicht hervor, dennoch hat sie einiges zu bieten. Die Sanddünen von „Corralejo“, das Bergmassiv der „Montaña Cardón“, die nicht selten grünen „Barrancos“ (tiefe, meist ausgetrocknete Flussläufe) sind nur ein paar Beispiele für die landschaftliche Vielfalt der Insel. Schon Philosoph und Schriftsteller Miguel de Unamuno zeigte sich von ihr überwältigt. 1925 schrieb er in seinem Lyrikband: „Dieses Skelett aus Erde, felsige Eingeweide, die aus der Tiefe des Meeres emporsteigen, Vulkanruinen; dieses rötliche, vom Dunst gepeinigte Gerippe! Und doch: welche Schönheit! Ja, Schönheit! Sichtbar für den, der das innere Geheimnis der Form zu suchen versteht, die Essenz des Stils in den klaren Linien des Skeletts“. Gehaltvolle Worte, die man erst verinnerlichen muss. Wer bereits auf Lanzarote oder Fuerteventura war, begreift intuitiv, was der Inselpoet meint. Die andersartigen Schönheiten wartet darauf entdeckt zu werden – auch ein zweites oder drittes Mal.

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¡Que aproveche! - Kanarische Küche & Spezialitäten

Tapas

Tapas

Beim Anblick der Frachtcontainer im Hafen von Arrecife wird schnell klar, dass das Wüsteneiland von der Wareneinfuhr lebt. Lokaler Anbau und Produkte? Fehlanzeige. Selbst Fisch und Meeresfrüchte werden häufig von den Nachbarinseln oder vom spanischen Festland importiert.

Bis auf Reben wird auf Lanzarote kaum etwas angepflanzt. Das Weingebiet „La Geria“ ist auf eine Trockenanbaumethode mit „Picón“ angewiesen: Die dicke Schicht aus Vulkanasche speichert tagsüber Hitze und nachts Feuchtigkeit aus der Luft. Typisch ist vor allem der Weißwein, der aus der beliebten Rebsorte „Malvasía“ gewonnen wird. Als Verdauungsschnäpschen wird einem gerne „Ron Miel“, also Honigrum, angeboten.

Die Auswahl an authentischen Restaurants ist auf Lanzarote wie auf Fuerteventura sehr überschaubar. Fastfood, Kontinentalküche und günstige „All-you-can-eat“-Buffets verdrängen die kanarischen Gerichte. Oft fehlt die Geschicklichkeit, den Touristen die authentischen Spezialitäten näherzubringen. Doch wer sucht, der findet.

Eine der ältesten und charakteristischsten Speisen ist das „Gofio“, ein Grundnahrungsmittel, das aus Gerste oder Mais hergestellt und auf unzählige Weisen zubereitet werden kann. Ebenso unverkennbar ist der „Queso Majorero“, der hiesige Ziegenkäse. Das „Cabrito“ (Zicklein) gehört zu den beliebtesten Fleischgerichten, doch auch Schweinefleisch ist nicht aus der kanarischen Küche wegzudenken. Als Beilage werden oft „Papas Arrugadas“, kleine Kartoffeln mit Meersalzkruste, angeboten.

Gofio

Gofio

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Author: Philippe Reuter

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