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Zwiegespräch mit Baum

Mehr als zwei Jahre reisten die Fotografen Diane Cook und Len Jenshel um die ganze Welt, um Bäume mit legendären Geschichten zu porträtieren. Das Resultat ihrer Recherche: ein wunderschöner Bildband und die Erkenntnis, wie sehr der Mensch Wälder braucht.

Von Weitem sieht er ziemlich gewöhnlich aus. Wenn man jedoch vor ihm steht, traut man seinen Augen nicht. „El Arbol del Tule“ in Santa Maria del Tule hat den gigantischen Umfang von 42 Metern. Eine ganze Schulklasse könnte die höchste und älteste Montezuma-Zypresse des Planeten umarmen, wäre sie mittlerweile nicht durch ein Gitter geschützt. Auf Nahuatl, der Sprache der Einheimischen der kleinen Stadt im mexikanischen Staat Oaxaca, wird diese Baumart „alter Mann vom Wasser“ genannt. Erstens, weil der Baum vor 1.200 bis 3.000 Jahren in einem Sumpfgebiet geboren wurde, und zweitens, weil die Zapoteken ihn lange Zeit nicht nur als Quelle ihres kulturellen Stolzes verehrt haben, sondern auch als unsterbliches Symbol für das Leben selbst.

El Arbol del Tule in Mexiko

Auf Mexiko-Rundreisen ist der „Arbol der Tule“ längst ein Must. Was jedoch nicht besonders gut für den Baum ist. Denn da immer mehr Leute in der Umgebung wohnen und von der touristischen Attraktion profitieren wollten, wuchs die Bevölkerung erheblich an, während sich der Grundwasserspiegel gleichzeitig senkte. Dazu kam die erhebliche Luftverschmutzung durch den viel befahrenen Pan-American Highway. Zum Glück reagierte die mexikanische Regierung zum Schutz des Baums und leitete die Fernverkehrsstraße um. Zudem wurde ein besonderer Brunnen gebohrt. Andere Staaten kümmerten und kümmern sich weniger. Ein Beispiel: Neuseeland. Dort ist die Kauri-Fichte heimisch. Ihr Alter wird auf 2.000 Jahre geschätzt, doch als sich im 18. Jahrhundert Europäer ansiedelten und entdeckten, dass sich junge Kauri-Bäume sehr gut für den Schiffsbau eigneten und ältere als Bauholz ideal waren, führte die rücksichtslose Abholzung zu einer Dezimierung von mehr als 90 Prozent der prächtigen Kauri-Wälder. Die fast 52 Meter hohe „Tane Mahuta“ überlebte lediglich wegen ihres entlegenen Standorts.

Ein Narr sieht nicht denselben Baum, den ein Weiser sieht. William Blake, englischer Dichter und Maler

In „Das Wissen der Bäume“ stellen Diane Cook und Len Jenshel insgesamt 59 inspirierende Bäume vor, und obwohl die beiden US-amerikanischen Landschaftsfotografen ursprünglich nicht die Absicht hatten, sich zu Umweltproblemen zu äußern, fiel es ihnen im Verlauf ihrer Reisen immer schwerer, über die Tatsache hinwegzusehen, dass seit 2014 und dem Beginn ihrer Recherchen die Oberflächentemperatur der Erde in drei aufeinanderfolgenden Jahren Rekordwerte überschritt. 2016 wurde ein weiterer besorgniserregender Höchstwert verzeichnet: Der Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre lag bei über 400 ppm – ein Wert, der in Millionen Jahren noch nie erreicht wurde. Dass aufgrund dieser Erkenntnisse mit extremen Wettersituationen und Missernten, steigenden Meeresspiegeln und Artensterben zu rechnen ist, wird auch Donald Trump hoffentlich irgendwann begreifen.

Bäume können ohne die Menschen leben, die Menschen indes nicht ohne Bäume. Bäume nehmen bekanntlich Kohlendioxid auf und geben Sauerstoff ab. Dieser lebenserhaltende Vorgang endet, wenn ein Baum stirbt, und dies geschieht weltweit in einem alarmierenden Ausmaß. Tag für Tag werden mehr als 40 Millionen Bäume aus den unterschiedlichsten Gründen gefällt. An dieser Tatsache wird der Bildband „Das Wissen der Bäume“ nichts ändern. Dennoch hofft das bekannte Fotografenduo, dass der Betrachter nicht allein die Schönheit der Aufnahmen bewundert, sondern sich vor allem der Rolle und der Unverzichtbarkeit von Wäldern bewusst wird.

Tane Mahuta in Neuseeland

Das erste Reiseziel: Indien. In keinem anderen Land reicht die Geschichte der Verehrung von Bäumen länger zurück. In Dorf Khejarli besuchten Diane Cook und Len Jenshel eine Gedenkstätte, die daran erinnert, dass im Jahr 1730 über 350 Anhänger einer religiösen Sekte ihr Leben verloren beim Versuch, ihre heiligen Khejribäume vor den Sägen und Äxten eines Maharadschas zu retten. Nicht alle Geschichten erzählen von derart blutigen Ereignissen. Im Gegenteil. Die Rosskastanie, welche die Frauenrechtlerinnen Susan B. Anthony und Elizabeth Cady Stanton Ende des 19. Jahrhunderts in ihrem Garten im amerikanischen Rochester pflanzten, würdigt heute den lebenslangen Kampf der „National Woman Suffrage Association“ für eine gerechte Sache. Die Camperdown-Ulme, die in den 1960er Jahren auszusterben drohte, wurde durch ein Gedicht der Pulitzerpreisträgerin Marianne Moore gerettet. Die 1967 im „New Yorker“ erschienene Ode an die Laubenulme mobilisierte nämlich eine Bewegung zur Instandsetzung des Prospect Parks in New York – womit auch der Baum wieder Beachtung fand. Der älteste Baum auf dem Grundstück des Weißen Hauses in Washington ist eine Immergrüne Magnolie, die Präsident Andrew Jackson 1828 zum Gedächtnis an seine verstorbene Frau Rachel von seinem Anwesen in Nashville mitbrachte und die 1994 den Absturz einer gestohlenen Cessna überlebte, mit der ein Verrückter öffentlichen Selbstmord begehen wollte. Der Andrew Jackson Magnolie wurde damals lediglich ein Ast abgerissen.

Vom Bodhi-Baum, unter dem Buddha seine Erleuchtung fand, bis zur Chinesischen Wildbirne, die 9/11 überlebte und heute Zentrum der Gedenkstätte in New York City ist – dieser Bildband erzählt großartige Geschichten.

Es sind genau diese (anekdotischen) Erzählungen, die das Buch derart wertvoll machen. Weil sie zeigen, dass auch der Einzelne etwas tun kann. Verlyn Klinkenborg, der die Einleitung zum Bildband geschrieben hat, ist derweil eher von den Charakteristiken eines Baums begeistert. Von seiner Anpassungsfähigkeit – Bäume wachsen fast überall – sowie von seiner Unsterblichkeit. „Ein Baum, der in einem Wald stirbt, ist nie wirklich tot.“ Dennoch mahnt auch er zum Umdenken. Der Mensch sollte alte Bäume als Mitbürger betrachten, nichts als Überlebende oder Hüter der Vergangenheit, was sie zwar sind, aber nicht nur. Und würde man die Natur, die seit Jahrhunderten mit Eifer zerstört wird, die kommenden 300 Jahre in Ruhe lassen, könnten neue Wälder wachsen und einen Lebensraum schaffen, der sich weniger durch das Alter seiner Bäume als durch Artenvielfalt auszeichnet.

Ähnlich dachten ebenfalls W. S. und Paula Merwin. Auf Hawaii haben der Schriftsteller und seine Frau ein als landwirtschaftliches Brachland ausgewiesenes Stück Land in seinen ursprünglichen Zustand zurückgeführt. Heut wachsen dort 2.740 Palmen, die rund 400 gefährdeten oder seltenen Arten angehören. Diane Cook und Len Jenshel haben das Merwin Conservancy besucht und waren derart begeistert, dass sie ihr Buch dem Paar gewidmet haben. Eine schöne Geste.

Fotos: Diane Cook, Len Jenshel

Diane Cook & Len Jenshel
Die Arbeiten der zu den bekanntesten Landschaftsfotografen der USA zählenden Globetrotter sind in allen großen Fotosammlungen und Museen vertreten und erscheinen in Magazinen wie „National Geographic“, „GEO“, „The New Yorker“ und vielen anderen. Das Paar lebt in New York City.


Erschienen im Knesebeck Verlag,
192 Seiten, mit 93 farbigen Abbildungen,
aus dem Englischen von Frank Auerbach,
40 Euro, ISBN: 978-3957281357,
www.knesebeck-verlag.de

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

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Author: Philippe Reuter

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