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Olympischer Straßensport

Breakdance als Sport kennt beileibe nicht jeder und trotzdem geht es in vier Jahren olympisch zu. Auf der Suche nach einer Luxemburger Breakdance-Szene wurden wir fündig.

Die Olympischen Sommerspiele 2024 werden – hoffentlich wieder unter normalen Umständen – in der französischen Hauptstadt Paris stattfinden. Wie üblich, hatten auch die Pariser Organisatoren die Möglichkeit neue Sportarten für das Programm der Olympischen Spiele vorzuschlagen. So wurden im Jahr 2019 Klettern, Surfen, Skateboarden und Breakdance provisorisch in das Programm des größten weltweiten Sportevents aufgenommen. Anfang Dezember 2020 erteilte das „Internationale Olympische Komitee“ (IOC) das digitale Go für alle Sportarten. Auf 2024 warten müssen allerdings einzig die Breakdancer, alle anderen dürfen bereits dieses Jahr in Tokio antreten. Doch Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Doch während sich die Breakdance-Szene über die Anerkennung freut, zeichnen sich über den Köpfen der Mainstream-Sportwelt große Fragezeichen ab. Breakdance kennen wir, aber als Wettbewerbssport? Breakdance zeichnet sich für viele Aktive in erster Linie durch einen gewissen Unterwelt-Charakter aus. Nicht zuletzt sollte auch mir dies bei der Suche nach sogenannten Breakdancern in Luxemburg klar werden. Es gibt hierzulande kein offizielles Lebenszeichen einer aktiven Breakdance-Szene. Über eine Freundin lande ich bei Etienne Sakouhi. Der US-Amerikaner war zwischen 2016 und 2018 aufgrund seiner Arbeit in Luxemburg. Seit Ende 2019 ist Etienne Vollzeit in Luxemburg und bietet Breakdance-Kurse an.

Breakdance zeichnet sich für viele Aktive in erster Linie durch einen gewissen Unterwelt-Charakter aus.

Angesprochen auf eine potenzielle Luxemburger Breakdance-Szene lacht Etienne: „Wir haben eine große Community. Inwiefern diese sich für Olympische Spiele eignet, kann ich nicht einschätzen.“ Um dieser Frage nachzugehen, macht mich Etienne mit dem Breakdancer „Looping“ bekannt. „Looping“, natürlich ein Breakdance-Spitzname, verfügt über tiefe Verwurzlungen in der Breakdance-Community und soll mir bei der Suche nach Antworten Hilfe leisten. Seine ganz persönliche Geschichte begann dort, wo das Breakdance in vier Jahren seinen Höhepunkt erleben soll: in Paris. „1988 entdeckte ich Rap-Musik. Das war mein Einstieg in die Szene“, erinnert sich Looping. Interessanterweise sieht Looping im gesamten Verlauf des Interviews davon ab, von einer Breakdance-Community zu sprechen, für ihn ist die Community größer.

„Hip-Hop ist eine Kultur“, beginnt Looping seinen Versuch diese weiterführende Community zu erläutern. „Die Kultur basiert auf vier Pfeilern: dem DJ, dem Rap, dem Graffiti und dem Breakdance.“ 1989, also ein Jahr nach der ersten Konfrontation mit Rap, versuchte sich Looping am Breakdance. „Den Höhepunkt meiner Leidenschaft hatte ich wahrscheinlich um 1995. Damals haben wir sehr viel trainiert. Vor allem in Luxemburg-Stadt, im Untergrund vom Aldringer.“ Heute ist Looping 46 und bezeichnet sich selbst als „altes Eisen“. Einen Überblick über die nationale Hip-Hop- und Breakdance-Szene hat er dennoch. „Wir haben aktuell zwei B-boys (so nennen sich die Breakdancer gegenseitig in der Szene), die ein richtig hohes Niveau haben. Für die Olympischen Spiele sind die beiden allerdings schon deutlich zu alt.“ Die beiden B-boys Mugen und Killa Brams sind Mitte 30 und damit, laut Loopings Einschätzung, gut zehn Jahre zu alt für eine derartige Chance. „Um die Olympischen Spiele zu erreichen, sollte man jetzt zwischen acht und 20 Jahre alt sein.“

Aber nicht nur das Alter ist eine Hürde für die Luxemburger B-boys in Bezug auf die Olympischen Spiele. „Für die meisten von uns geht es beim Breakdance vor allem um das Zusammenspiel von Sport und Tanz, die Freiheit der Musik“, erklärt Looping. Heute und natürlich im Kontext der Olympischen Spiele sei Breakdance deutlich technischer. „Die Tänzer haben eine ganze Menge an Regeln, die sie befolgen müssen.“ In seiner Erklärung führt Looping sieben Faktoren an, die Sport-Breakdancer einhalten müssen. Bevor der Tänzer zu Boden geht und das für uns Novizen übliche Breakdance beginnt, wird eine kurze Choreographie im Stehen vom Tänzer erwartet. Dieser sogenannte „Toprock“, wenngleich nicht wirklich relevant für das eigentliche Breaken, muss „perfekt sein, um die Richter von sich zu überzeugen.“ Nach dieser kleinen stehenden Vorführung geht der Tänzer zu Boden. Hier kommt es dann auf den „Freeze“ an. Der „Freeze“ ist der Moment, in dem der Tänzer eine seiner Bewegungen regelrecht einfriert und seinen Körper in einer komplexen Haltung stillhält. „Beim Freeze achten die Richter auf Körperhaltung und Kontrolle, auch hier darf nichts schiefgehen, wenn man eine Chance haben will.“

„Die Tänzer haben eine ganze Menge
an Regeln, die sie befolgen müssen.“
– „Looping“

Und wenngleich der „Freeze“ bereits ein sehr anspruchsvoller Move ist, ist er noch nicht der Höhepunkt einer jeden Vorführung. Ebenfalls am Boden muss jeder Tänzer seinen „Powermove“ ausführen. Wie der Name schon verrät, ist der „Powermove“ das Highlight einer Breakdance-Vorstellung. „Powermoves sind die Elemente, die am besten in Erinnerung bleiben und für die Zuschauer am spektakulärsten sind“, so Looping. Ein typisches Beispiel für einen „Powermove“ ist ein sich auf dem Kopf drehender Tänzer. Genau wie bei den vorherigen beiden Elementen sei auch beim „Powermove“ Perfektion gefragt. Neben diesen drei Hauptelementen des Breakdance, achte die Jury noch auf vier weitere Faktoren. Der Tänzer sollte demnach auf seine Füße achten und natürlich zu jeder Zeit den Rhythmus (Beat) der Musik einhalten. Final wird der Tänzer basierend auf seiner Dynamik und seiner Originalität bewertet. „Je explosiver und spektakulärer desto besser. Aber nur, wenn trotzdem eine saubere Technik gezeigt wird. Auch neue Bewegungen oder Kombinationen kommen meistens gut an, allerdings bergen diese auch immer das Risiko zu floppen.“

Wenn die Olympischen Spiele 2024 in Paris stattfinden, wird mit großer Wahrscheinlichkeit kein Luxemburger B-boy oder B-girl mit dabei sein. Sowohl für Etienne als auch für Looping ist das allerdings kein Grund dieses Riesenereignis zu degradieren. „Es ist schön zu sehen, wie die Aufnahme in das Olympische Programm wieder deutlich mehr Licht auf unseren Sport wirft“, konstatierte Etienne bereits bei meinem ersten Kontaktversuch. Und obwohl wir nüchtern feststellen mussten, dass Breakdance als Sport zurzeit wenig Präsenz in Luxemburg hat, durften wir erfahren, dass auch Luxemburg über ein gewisses Breakdance-Know-how verfügt, wenn auch mit leichtem Unterwelt-Charakter.

Text: Daniel Baltes  Fotos: Philippe Reuter

Author: Dario Herold

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