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Edito: Weiter Weg

Die nächste Welle rollt. Die Rede ist diesmal nicht von der Corona-Pandemie, sondern von einem neuen Hashtag in den sozialen Medien, der aufzeigen soll, wo und wie (sexuelle) Übergriffe auf Frauen im Nachtleben passieren. Seit Anfang Oktober macht der Hashtag #balancetonbar samt anhängender Instagram-Seite bei unseren belgischen Nachbarn Schlagzeilen. Der Hashtag, ein Spin-Off von #balancetonporc, welcher während der MeToo-Diskussion in den Jahren 2017 und 2018 mehrheitlich in französischsprachigen Ländern genutzt wurde, wurde von einer jungen Frau ins Leben gerufen, um auf Übergriffe im Brüsseler Nachtleben und in unterschiedlichen Bars aufmerksam zu machen.

Ursprung sind Missbrauchsvorfälle, welche sich mehrfach in zwei Brüsseler Kneipen rund um den Friedhof Ixelles abgespielt haben. Ein Viertel, das wegen seiner direkten Nähe zur Brüsseler Universität ULB ein beliebter Hotspot bei feiernden Studentinnen und Studenten ist. Zahlreiche Frauen bescheinigten, dass ihnen die Droge GHB in ein Getränk gemixt wurde (teilweise von Kunden, aber auch von Kellnern) und sie anschließend sexuell missbraucht wurden. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, auch weil der öffentliche Druck nicht locker lässt und es regelmäßig zu Demonstrationen, wie etwa am vergangenen Freitag, kommt oder sogar ein Aufruf zum Boykott von verschiedenen Bars. Die belgische Regierung hat im Zuge dieser Vorfälle angekündigt, das Strafgesetz reformieren zu wollen.

So soll in Zukunft die fehlende Gegenwehr eines Opfers nicht länger automatisch als Zustimmung zu einer Handlung gelten, außerdem soll das Verabreichen von Drogen im Falle einer Vergewaltigung als erschwerender Umstand angesehen werden.

Auch vier Jahre nach #MeToo gibt es noch vieles zu verändern.

Mittlerweile verbreitet sich der Hashtag #balancetonbar auch in Frankreich mit Städten wie Toulouse und Paris, allerdings noch nicht mit derselben weltweiten Reichweite wie einst #MeToo, wahrscheinlich, weil die mediale Aufmerksamkeit und der öffentliche Schneeballeffekt fehlen, dem MeToo zu Grunde lag – vor allem, weil zahlreiche Opfer und Täter Prominente waren. Hierzulande hat vor kurzem die Plattform JIF Luxemburg, welche sich auch für die Organisation des jährlichen Frauenstreiks verantwortlich zeigt, die Aktion „Take back the night“ organisiert, um auf die Problematik des Unsicherheitsgefühls, welches viele Frauen empfinden, wenn sie sich nachts im öffentlichen Raum unterwegs sind, aufmerksam zu machen.

Alles Bewegungen und Initiativen, die erneut zeigen, dass es auch vier Jahre nach #MeToo noch viel zu verändern gibt. Und es nach wie vor wichtig ist, sich Fragen zu stellen: Was bleibt im Kampf gegen Sexismus zu tun? Welche Sensibilisierung muss noch geschehen, um sexualisierte Belästigung vollständig zu eliminieren und vor allem, was muss passieren, damit die teilweise noch immer festgefahrenen Geschlechterrollen, welche diesem Sexismus zugrunde liegen, sich nachhaltig ändern?  

Text: Hubert Morang // Foto: vex /pixelio.de

Author: Philippe Reuter

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