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Ab in den Süden!

web_Indiaca-Hesperange-21---010-Kopie2008 wurde Luxemburg Indiaca-Weltmeister im eigenen Land.
2021 sollte die WM eigentlich schon wieder in Luxemburg stattfinden: Corona kam, und die Geschichte kann sich erst kommendes Jahr wiederholen.

Es gibt viele Dinge im Leben, die nicht einfach sind. Manche davon weniger dramatisch, andere mehr. Für mich als kleinen Sportfanatiker war es nie einfach, dem Schicksal des Luxemburger-Sportfans in die Augen zu sehen. Überall um mich herum musste ich beobachten, wie unsere Nachbarn ihre Athleten an der Weltspitze feierten. Hier in Luxemburg saßen die Athleten, wenn es um des Planeten Elite ging, meistens neben ihren Fans auf der Couch. Doch im Sommer 2008 kam wie aus dem Nichts ein Kissen mit Federn angeflogen und brachte mir die Lösung: Indiaca. Luxemburg besiegte damals den großen deutschen Nachbarn und krönte sich vor heimischem Ettelbrücker Publikum zum besten Indiaca-Team der Welt!

Das Ziel ist, den Ball mit maximal drei Berührungen über das Netz zu befördern.

Wie viel ich mich danach noch mit dem Indiaca auseinandergesetzt habe? Lasst uns nicht weiter darüber reden. Doch der Präsident des Indiaca-Verbandes Luxemburg, Marc Aardoom, kann mich beruhigen: „Wenn du hier in Luxemburg auf der Straße 15 Leute fragst, ob sie Indiaca kennen, antworten wahrscheinlich zwei oder drei mit Ja.“ Doch während Indiaca auf nationalem Plan keine große Aufmerksamkeit genießt, ist Luxemburg für die internationale Indiaca-Szene elementar: „Wir spielen quasi auf jedem großen Turnier um die Podiumsplätze. Betrachten wir es also auf internationaler Ebene, dann ist Luxemburg definitiv ein Indiaca-Land!“

Für alle Leser, die nicht folgen können: Nochmal zurück zum Aufschlag! Was ist Indiaca überhaupt? Viele Leute kennen Indiaca, ohne zu wissen, dass es ein Sport als solcher ist. Den Indiaca-Ball (in der Regel ein gelbes Kissen unter einem Federball) sieht man oft an Stränden, wo die Leute ihn hin und her spielen. Indiaca als Sport wird allerdings nicht am Strand oder im Sand, sondern in einer Halle auf einem 16 mal 6,10 Meter großen Feld gespielt. Ähnlich wie beim Volleyball wird das Feld in der Mitte durch ein Netz getrennt. Auf beiden Seiten steht eine Mannschaft aus fünf Spielern. Das Ziel ist, den Ball mit maximal drei Berührungen über das Netz zu befördern – und zwar so, dass dem Gegner Gleiches nicht mehr gelingt.

Klingt nach Volleyball? „Da gibt es definitiv große Ähnlichkeiten“, so Aardoom. „Die Taktik ist vergleichbar mit der des Volleyballs. Auf der anderen Seite braucht man beim Indiaca vielleicht noch eine Prise mehr Fingerspitzengefühl. Immerhin darf man nur eine Hand benutzen und der Ball ist deutlich kleiner.“ Und trotz des nötigen Fingerspitzengefühls unterstreicht der gebürtige Holländer und Präsident (seit 2015), dass Indiaca ein „Sport für jeden“ ist. Die aktuellen Indiaca-Spieler Luxemburgs können aktuell nach zwei Kriterien eingeteilt werden: geografisch und altersspezifisch. „Alzingen ist unser südlichster Verein. Es ist also durchaus berechtigt zu behaupten, dass das Indiaca hierzulande vor allem im Ösling und der angrenzenden Region gespielt wird.“

 

„Alzingen ist unser südlichster Verein. Es ist also durchaus berechtigt zu behaupten, dass das Indiaca hierzulande vor allem
im Ösling und der angrenzenden Region gespielt wird.“
Marc Aardoom

 

Was das Alter der Spieler angeht, fehlt es am Nachwuchs. „Wir versuchen natürlich kontinuierlich, mehr junge Leute für den Sport zu begeistern, aber das ist durch die aktuelle Situation nicht leichter geworden.“ Einen richtigen Nachwuchs gibt es lediglich in Bettendorf und Alzingen. „Bettendorf ist die Hochburg des Luxemburger Indiacas. Wie es dazu kam, ist schwer zu sagen. Hier hat man das Gefühl, dass aus jeder Familie der Vater, die Mutter und die Kinder irgendwie aktiv sind im Indiaca. Bettendorf macht alleine rund 40 Prozent unseres gesamten Spielerpools aus“, so Aardoom über das Machtverhältnis auf nationaler Ebene. Dieser gesamte Pool zählt zum aktuellen Zeitpunkt rund 200 Spieler und Spielerinnen. Während Aardoom zugibt, dass auch er natürlich von deutlich höheren Spielerzahlen träumt, weiß er um den Realitätsgrad dieses Wunsches: „Wir sind und bleiben eine Randsportart. Unser Ziel ist es, den Bestand stabil zu halten und kontinuierlich mehr junge Leute für den Sport zu begeistern.“

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Ein anderes Ziel von Aardoom und dem Indiaca-Vorstand bringt uns zurück ins Ösling. „Wir wollen weg von dem Stigma, dass Indiaca ein Regional-Sport ist. Wir wollen das ganze Land erreichen und auch den Leuten im Süden zeigen, dass Indiaca existiert.“ Daher wurde im Jahr 2019 entschieden, eine Kandidatur für die Austragung der Weltmeisterschaft 2021 einzureichen. Mit Erfolg: „Das Ziel ist, im Vergleich zu 2008, für mehr nationale Aufmerksamkeit zu sorgen. Damals wurde das Turnier in Ettelbrück gespielt, also quasi vor der Haustür der bereits existierenden Indiaca-Fanatiker. Dieses Mal wollen wir es in der Coque austragen, sodass es zugänglicher für das gesamte Land wird.“ Die Coque als Austragungsort war auch bereits fix, als Ende Januar die Entscheidung gefällt werden musste, die Weltmeisterschaft auf kommendes Jahr zu verlegen. Vorsichtig optimistisch blickt Aardoom diesem entgegen: „Wir sehen ja aktuell etwas Licht am Ende des Tunnels, auch wenn Corona uns weiterhin begleiten wird. So haben wir dann immerhin ein Jahr mehr, um uns auf das Turnier vorzubereiten.“

Und wenn Aardoom von Vorbereitung redet, meint er nicht nur die Halle und die Zuschauer, sondern auch die Nationalmannschaft. Bis zu diesem Zeitpunkt gibt es nämlich kein festes Nationalteam: „Bislang wurde immer spezifisch für ein Turnier eine Mannschaft zusammengesetzt, die danach dann wieder auseinanderfiel. Wir wollen für die Zukunft einen festen Kader mit festen Trainingszeiten, unabhängig von irgendwelchen Turnieren.“ Hiervon verspricht sich Aardoom nicht nur etwas mehr finanzielle Unterstützung von Seiten des Ministeriums, sondern auch die eine oder andere sportliche Lorbeere. Und wenn dann im kommenden Sommer, 14 Jahre nach dem Weltmeistertitel, die Luxemburger wieder vor heimischer Kulisse aufschlagen, darf sich Geschichte gerne widerholen.

Text: Daniel Baltes  Fotos: Georges Noesen

Author: Dario Herold

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