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Abenteuer am Ende der Welt

Eine seltsame, unwirkliche Szenerie: Durch die endlosen, eisigen Weiten der Antarktis laufen 69 dick vermummte Gestalten ein Ultrarennen.

Es ist eine äußerst exklusive Reise, doch Wohlfühlurlaub geht anders. Das erwartet bei einem Extremlauf auch niemand. Gelaufen wird allerdings weniger als gedacht: „Den größten Teil gingen wir so schnell wie möglich, Laufen war für uns nur so bei 20 Prozent der Strecke möglich“, erzählt Georges Schroeder. Das aber liegt nicht etwa an einer sportlichen Schwäche, schlechter Vorbereitung oder mangelnder Erfahrung der luxemburgischen Teilnehmer. Die Bedingungen sind extrem, der eisig kalte Wind fegt ständig mit 70, 80 Stundenkilometern über die Eislandschaft, die Teilnehmer laufen und stampfen wie an einer Perlenschnur aufgereiht ihre Spur durch den Schnee und ein Überholen auf der fünf bis sieben Kilometer langen Runde mit vielen Höhenmetern ist außerhalb dieser Spur sehr kraftraubend bis unmöglich.

„Schade, ich wäre lieber von einem Punkt X zu einem Ziel Z gelaufen, doch das lässt sich in dieser extremen Landschaft nicht organisieren“, bedauert der 66-Jährige etwas. Die Organisation ist so auch schon schwierig genug: Mit dem gecharterten niederländischen Expeditionsschiff „M/V Plancius“ fährt im November eine knappe Hundertschaft zwei Tage vom südlichen Zipfel Argentiniens in die größte Eiswüste der Welt, in ihren riesigen Ausmaßen etwas größer als ganz Europa. Ob, wo und wie die einzelnen Etappen ausgetragen werden, hängt vor allem von den Wetterbedingungen ab. Zwei der ursprünglich sechs geplanten Etappen fallen diesen zum Opfer.

In jeder Kabine plärrt morgens gegen sechs Uhr der Lautsprecher. Während die Organisatoren bereits aufs Eis übersetzen und einen Kurs markieren, frühstücken die Teilnehmer und bereiten sich vor. Täglich gibt es ein Briefing zur Sicherheit, aber vor allem zum schonenden Umgang mit der Umwelt. Die Antarktis ist zwar eine für den Menschen lebensfeindliche Umgebung, aber ebenso ein fragiles Ökosystem, in dem Sünden nur sehr langsam verjähren. In offenen Zodiac-Schlauchbooten setzen die Sportler auf die Inseln Deception und Danko sowie das Festland über, wo jeweils gegen halb elf der Start erfolgt. Sechs, sieben Stunden lang sammeln die Sportler dann fleißig Kilometer, bevor es zum Schiff zurückgeht.

„Jemand, der extreme Rennen schaffen will, bringt das auch fertig.“ Monique Muhlen

Warum bloß das Ganze, fragt man sich unweigerlich im derzeitigen nasskalten Winterwetter vor dem heimischen Kamin. „Wir gingen dieses Rennen nicht wegen dem sportlichen Reiz an“, erklärt die bei Ultraläufen erfolgreiche Monique Muhlen, deren ungewöhnliche Herangehensweise wohl Teil ihrer sportlichen Erfolgsgeschichte ist. „Wenn man diese Rennen zu ernst nimmt, ist man mit dem Ergebnis nachher nicht zufrieden.“ Der Antrieb der beiden wüstenerfahrenen luxemburgischen Teilnehmer muss woanders liegen. „Alle Wüsten sind sich irgendwo dann doch ähnlich. Nur das hier ist völlig anders“, erklärt Georges Schroeder, seines Zeichens elfmaliger Marathon des Sables-Finisher in der Sahara. Monique Muhlen springt ihm zur Seite: „Das hier ist ein einmaliges, außergewöhnliches Abenteuer.“

Zähes Duo: Gemeinsam meistern Georges Schroeder und Monique Muhlen schwierigste Herausforderungen und lassen auch noch die Mehrzahl der Teilnehmer zurück. (Foto: 4 Deserts Race Series)

Zähes Duo: Gemeinsam meistern Georges Schroeder und Monique Muhlen schwierigste Herausforderungen und lassen auch noch die Mehrzahl der Teilnehmer zurück. (Foto: 4 Deserts Race Series)

Alle zwei Jahre startet der Organisator „4 Deserts Race Series“ zu seiner aufwändigsten Veranstaltung, dem „The last desert“-Rennen in der Antarktis. Da die Luxemburger die schwierigste Teilnahmebedingung erfüllen – sie haben mit dem Atacama Crossing in Chile und der Sahara Race in Ägypten bereits 2012 das Ziel von zwei dieser Etappenrennen über sechs Tage und 250 Kilometer erreicht –, erhalten sie Einladungen. Und sagen sich schließlich: „In unserem Alter, da macht man das, was man tun kann, am besten in diesem oder spätestens nächstem Jahr. Schließlich weiß man nicht, was in einigen Jahren sein wird.“ Ein weiteres Mal werden sie das Rennen allerdings nicht angehen, dafür sind die knapp 10.000 Euro Teilnahmegebühr einfach zu hoch. Doch wollen sie das gemeinsame Erlebnis nicht missen. „Diese Landschaft beeindruckt. Der ganze Kontinent, die Eisberge, die Tierwelt, die riesigen Gletscher beim Kalben…“ Die Augen von Georges Schroeder leuchten beim Erzählen.

Auf den jeweiligen Rundkursen wechseln sie sich in der Führungsarbeit ab, versuchen möglichst viele Eindrücke aufzusaugen. Eigene Fotos machen sie kaum. Obwohl sie eine Kamera mitschleppen. „Sobald man die dicken Handschuhe abstreifte, bekam man sofort ,den Neelchen‘. Da hatten wir wenig Lust auf Essen oder Fotos machen“, erklärt Monique Muhlen. Auch das Trinken gestaltete sich schwierig da die Flüssigkeit in den Trinkflaschen schnell einfriert. Allerdings alles keine Probleme, die die 62-Jährige an ihre Grenzen bringen würde. „Jemand, der extreme Rennen schaffen will, bringt das auch fertig“, ist sie überzeugt. Es sei bei ordentlicher Vorbereitung vor allem eine Kopfsache und man brauche sich dafür auch nicht schon in der Jugend als Supersportler ausgezeichnet zu haben.

„Alle Wüsten sind sich irgendwo dann doch ähnlich. Nur das hier ist völlig anders.“ Georges Schroeder

Sie selber ist dafür ein gutes Beispiel. Die mittlerweile pensionierte Beamtin aus dem Familienministerium begann das Joggen erst mit deutlich über 40 Jahren. Auf den „Walfer Vollekslaaf“ folgte bald der Halbmarathon Route du Vin und 2000 der erste Marathon in New York in 3:32 Stunden. Es ist die einzige Zeit, die sie auf Anhieb auswendig weiß. Je länger, umso besser lautet ihre Devise und so
erreichte Monique Muhlen beim Ultratrail du Mont Blanc 2004 und beim Badwater Ultra 2006 in der Frauenklasse Podiumsplatzierungen sowie knapp 218 Kilometer und den 5. Platz bei der WM über 24 Stunden 2007. Diese Weltmeisterschaft bestritt sie dabei eigentlich vor allem, um mal zu sehen, was sie sportlich wirklich leisten kann. „Diese Rennen sind für mich vor allem ein Erlebnis. Ich habe überhaupt nicht diesen Wettkampfgeist, ich gehe eigentlich nur so mit. Auch wenn die Resultate anderes aussagen.“ Anfangs glaubte sie dabei, sie habe einfach immer einen außergewöhnlich guten und die Konkurrentinnen Pech und einen schlechten Tag gehabt.

Zweifelhaftes Vergnügen: Beim Übersetzen mit dem Zodiac  sorgten Wellen zum Teil für eisige Duschen. (Foto: 4 Deserts Race Series)

Zweifelhaftes Vergnügen: Beim Übersetzen mit dem Zodiac sorgten Wellen zum Teil für eisige Duschen. (Foto: 4 Deserts Race Series)

Georges Schroeder zeigt mehr Achtung vor ihrem sportlichen Leistungsvermögen: „Schneller als Monique war ich nie. Ich habe 25 Jahre geraucht, gut gelebt und gefeiert.“ Als der Apotheker um 1990 mit dem Rauchen aufhörte, nahm er schnell 15, 20 Kilo zu. Sein Rezept hiergegen war das Laufen und auf den „Walfer Vollekslaaf“ 1994 folgte 1995 die Route du Vin und 1996 ein erster Marathon in New York. Seit über zehn Jahren hat er dabei einen Narren an den ultralangen Läufen gefressen, die er in seinem Tempo, langsam, aber stetig, bewältigt. Bei einem Treffen „unter Verrückten“ (dixit Georges Schroeder) lernte er neben anderen luxemburgischen Ultraläufern dann Monique Muhlen kennen. Anfang 2012 bestritt er in der Atacamawüste zum ersten Mal ein Rennen mit Monique Muhlen und mittlerweile läuft das dynamische Duo immer gemeinsam.

Für die Ewigkeit: Alte Verpflegungsstationen bleiben vom Dauerfrost konserviert. (Foto: 4 Deserts Race Series)

Für die Ewigkeit: Alte Verpflegungsstationen bleiben vom Dauerfrost konserviert. (Foto: 4 Deserts Race Series)


Schlange laufen: Die Startphase war von Staus in der einzigen Spur gezeichnet. (Foto: 4 Deserts Race Series)

Schlange laufen: Die Startphase war von Staus in der einzigen Spur gezeichnet. (Foto: 4 Deserts Race Series)

„Wir gehen enorm gerne laufen, nahezu täglich, aber es ist ein Hobby, nicht unser Leben“, schätzt die Mutter einer erwachsenen Tochter eine Leidenschaft ein, die ihr viel brachte: „Es gibt keine Grenzen, der Körper kann sehr viel leisten. Nur manchmal muss man sich halt überwinden. Dafür wird man mental stärker und selbstbewusster, auch im normalen Privatleben.“ Ebenso faszinieren Georges Schroeder die Vorgänge bei Ultraläufen: „Wenn man das Gleichgewicht findet zwischen Atmung, Puls und Tempo kann man sehr weit kommen. Dann hat man nur noch die Landschaft und sich selbst. Nachtetappen in der Wüste mit der Stirnlampe, dem Sternenhimmel und Richard Wagner in den Kopfhörern sind dann nur grandios.“ Wenn die beiden Rentner begeistert von ihren Rennen erzählen, klingt es jedenfalls nicht so, als ob sie beim besonderen Abenteuer in der letzten Wüste ihre letzte Herausforderung gefunden hätten.

Author: Philippe Reuter

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