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Achtung, Humor!

Mit Dead Pixels, seit April in der ZDFmediathek verfügbar, zeigen die Briten mal wieder: Sie wissen, wie das geht, mit dem Humor.

Kingdom Scrolls ist die Heimat von Meg, Nicky und Usman, hier verbringen sie Zeit. Viel Zeit. Headsets, Bohnenfutter und mobile WCs gehören zum Standardinventar, denn: Kingdom Scrolls ist keine gewöhnliche Stadt, sondern ein Multiplayer-Onlinespiel. Wer braucht schon ein Leben in der Realität, wenn man in einem Fantasy-Spiel leben kann. Diesem Motto folgen Meg und Nicky mehr als nur beherzt. Ob in der Freizeit oder bei der Arbeit: Man sieht die beiden ziemlich oft vor einem Bildschirm sitzend – und per Headsets miteinander kommunizierend. Dabei leben sie – wie der Zuschauer irgendwann nebenher erfährt – in einer WG. Usman, der Dritte im Bunde, lebt irgendwo anders – vergisst aber für ein Spielchen gerne mal, dass er eine Familie hat.

So sitzen sie da, Tag für Tag – manchmal auch nachts – und verfolgen dasselbe Ziel: die Schwarmmutter und deren Brut zu besiegen. Irgendwann stößt dann auch noch der etwas infantile Russell hinzu. Was sie die ganze Zeit so tun: Nun, sie morden und rauben, was das Zeug hält. Auch vor gegenseitigen Hinterhalten schrecken sie nicht zurück. Denn es wollen Erfahrungspunkte geerntet und Gold verdient werden. Dabei sind sie überaus pflichtbewusst. Im Spiel, wohlgemerkt. Als rosa Tiger, bucklige Nymphomanin und Elfenmann geben die drei – später auch Russell als riesige Frau – in ihren virtuellen Leben ihr Bestes.

Die Realität sieht derweil etwas trister aus. Soziale Fähigkeiten sind nicht ganz so ihr Ding. Wer nun denkt: Oh je, schon wieder eine Sitcom, die versucht, mit Klischees zu spielen – hat Recht. Ähnliche Serien gab es schon, erinnern wir uns nur an The Big Bang Theory, aber dennoch ist Dead Pixels eine Klasse für sich. Der Grund: der Humor. Dieser absolut unvergleichliche rabenschwarze Humor. Die Gespräche drehen sich zwar um die banalsten Dinge, aber die Gespräche und Handlungen sind so abgedreht, dass man einfach gar nicht anders kann, als sich dem Sog der Serie hinzugeben und den Protagonisten dabei zuzusehen, wie sie unbeholfen in der realen Welt umherirren.

Allerdings werden nicht nur Gamer auf die Schippe genommen, sondern auch die „normalen” Protagonisten, etwa Meg und Nickys WG-Mitbewohnerin Alison. Die versucht zwar immer wieder, den beiden klarzumachen, dass sie ein Suchtproblem haben – kommt im realen Leben aber ebenso wenig klar wie die Zwei. Und Usman, der Hilfe bei einem Therapeuten sucht, verleitet diesen nach seinem Besuch ebenfalls zu einem Kingdom Scrolls-Trip.

Ganz egal ob Nerd oder Nicht-Gamer, die haben einfach alle einen Knall.

Und es wird klar: Ganz egal, ob Nerd oder Nicht-Gamer, die haben einfach alle einen Knall. So wie im richtigen Leben. Und das kommt ganz authentisch rüber. Meistens zumindest. Wie die Macher das hinbekommen haben? Nun, Autor Jon Brown und Regisseur Al Campbell sind bekennende „massive” Gamer. Genau da liegt wahrscheinlich das Geheimnis des Erfolgs dieser Serie. Sie kennen die Vorurteile, denen sich Gamer nun einmal ausgesetzt sehen. Und das Konzept kam an. Zumindest in Großbritannien wurde sie, als sie 2019 beim Channel 4-Ableger E4 erstmals ausgestrahlt wurde, in den Himmel gepriesen. Denn die Macher hätten es geschafft, einen Einblick in eine Welt zu zeigen, die für Nicht-Gamer oft ein Mysterium bliebe.

So weit. So gut. In den hiesigen Gefilden sieht das etwas anders aus. Während Dead Pixels zwar auch Lob erntete, etwa in der taz, und die Zeit sie als TV Tipp auflistete, hagelte es seitens der ZDF-Serie „Filmgorillas” Kritik. „Diese Serie macht uns wütend”, heißt es da. Die Serie banalisiere ernsthafte Themen wie Videospielsucht und Cybermobbing. Zudem seien die Darstellung von Gamern viel zu klischeehaft und die sexistischen Sprüche abartig.

78886-10-2-KopieNun. Sitcoms dienen der Unterhaltung. Ja, die Dialoge sind übertrieben sexualisiert, sexistisch sind sie aber nicht. Klar ist auch: Videospielsucht, genau wie alle anderen negativen Aspekte, die das Internet hervorkehren kann, dürfen nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Das dürfte den Machern aber sehr wohl bewusst sein. Ihr Ziel war es nämlich, Gamer mit all ihren Facetten, als Menschen, zu zeigen – und damit Mainstream-Produktionen und die quasi vordefinierten Stereotype zu vermeiden. Zu guter Letzt: Dead Pixels ist eine Serie, keine Doku. Wer eine solche bevorzugt und zudem an der Geschichte der Videospiele interessiert ist, dem bieten sich viele interessante Alternativen an, unter anderem „High Score“ auf Netflix oder „Art of Gaming“ bei arte.

Wer sich nun darüber wundert, dass es keine Handlungsbeispiele in dieser Rezension gibt: Selbst anschauen ist definitiv empfohlen. Fans der britischen Sitcom „The IT Crowd” (2006) sowie alle anderen, die britischen Humor mögen, dürften definitiv auf ihre Kosten kommen.

Text: Cheryl Cadamuro / Fotos: ZDF

 

ZDFmediathek, ab 16 Jahren,
2 Staffeln, zwölf Folgen

Gut zu wissen:

Die Serie Dead Pixels wurde im April bei ZDFneo ausgestrahlt und ist noch bis zum 6. Juni in der ZDFmediathek abrufbar. Ob eine dritte Staffel kommt – ist noch ungewiss.  Wer sich die Serie in Luxemburg reinziehen will: Per Virtual Private Network (VPN) geht das problemlos. Dazu genügt es, bei einem der vielen Anbieter – etwa Avira, Norton oder NordVPN, ein Konto zu erstellen und das dazugehörige Programm (kostenpflichtig) zu installieren.

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Author: Philippe Reuter

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