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All In

Beim LXB Street in einem Monat wird Andrei Baladan sich zum ersten Mal auf heimischen Asphalt mit der internationalen Konkurrenz messen. Der Nachwuchsskater hat in seinem Sport noch einiges vor.

Just als die Fotografin und ich an der „Place de l’Europe“ ankommen, beginnt es leicht zu nieseln. Unbeeindruckt vom schlechten Wetter treiben sich einige wenige Skater auf dem großen Platz hinter der Philharmonie herum. Einer von ihnen trägt eine auffällig rote Strickjacke und fällt in den kurzen Minuten, in denen wir ihn beobachten, mehrmals hin, steht wieder auf und skatet sorglos weiter.

Wenig später stellt sich heraus, dass es sich bei dem Jungen in der roten Strickjacke um Andrei Baladan handelt. Also um den 17-jährigen Nachwuchsskater, für den wir gekommen sind. Selbstbewusst und ohne zu zögern
stellt sich Andrei vor. Doch noch während seinem Gruß setzt stärkerer Regen ein. Schnell greift er zu seinem Board und dem Straßenrad, auf dem er gekommen ist, und sucht Zuflucht unter dem kurzen Vordach des Al-
cide-de-Gasperi-Gebäudes.

Seine Leidenschaft für das Skaten entdeckte Andrei bereits in der Grundschule. Damals fuhr der sportbegeisterte angehende Teenager noch auf alten und wie er sie heute nennt „schlechten“ Boards. „Nachdem ich die Examen für das Gymnasium bestanden hatte, kauften mir meine Eltern ein richtiges, ein gutes Skateboard“, erinnert sich Andrei. Und seither kennt seine Liebe zum Skaten keine Grenzen mehr. Er steht fast jeden Tag auf dem Board. Nach der Schule geht Andrei nach Hause, erledigt seine Hausaufgaben und steigt auf das Brett mit den vier Rollen. Manchmal fährt Andrei von vier Uhr nachmittags bis zehn Uhr abends.

 Skaten ist eine gefährliche Sportart. Aber dieser Umgang mit der eigenen Angst, mit den Grenzen der eigenen Psyche macht den Sport auch irgendwie aus.
Andrei Balaban

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Davor fuhr Andrei viel Fahrrad, spielte Badminton im Verein und war dort sogar im erweiterten Kreis der Nationalmannschaft. Doch hat ihm das Spiel mit dem Federball irgendwann keinen Spaß mehr gemacht. Die Entscheidung, fortan komplett aufs Rollenbrett zu steigen, stieß in seinem Umfeld durchaus auf fragende, teils sogar kritische Blicke: „Das Problem mit dem Skateboarden ist, dass es keine organisierte Sportart ist. Das traf gerade am Anfang bei meinen Eltern nicht unbedingt auf Begeisterung. Es gab auch immer wieder Lehrer, die versucht haben, mir das Skaten auszureden.“

Dabei hätte ein Blick in die Augen des Jungen während des Skatens gereicht, um zu erkennen: Den bringt so schnell keiner vom Board. Mittlerweile haben sich seine Eltern dran gewöhnt, auch wenn die regelmäßigen Verletzungen ihnen immer noch Sorgen bereiten. Dessen Risiko ist sich Andrei bewusst: „Skaten ist eine gefährliche Sportart. Aber dieser Umgang mit der eigenen Angst, mit den Grenzen der eigenen Psyche macht den Sport auch irgendwie aus.“

Durch seine relativ kleine und schmale Statue wirkt Andrei auf den ersten Blick noch etwas jugendlich. Hört man ihm etwas länger zu, erkennt man eine gewisse Reife bei dem 17-Jährigen, die sich auch in seiner Herangehensweise beim Sport äußert: „Es ist unglaublich wichtig, auf die Ernährung zu achten und nebenher noch andere Sportarten zu machen, um den Körper vor schlimmeren Verletzungen zu schützen. Ich nehme das Skaten ernst, mache es nicht nur als Zeitvertreib. Ich will immer besser werden. Ich gebe alles, man könnte sagen ich gehe all in.“

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Und diese Reife wird Andrei in ungefähr einem Monat auch brauchen, wenn er beim LXB Street zum ersten Mal an einem professionellen Skater-Turnier in Luxemburg teilnimmt. Organisiert von der ASBL Skatepark.lu, findet die LXB Street zum ersten Mal überhaupt statt. Zuvor hatten die Organisatoren, um einen ihrer Mitglieder Tom Jungbluth, bereits mehrfach den LXB Cup im Skaterpark Péitrus organisiert: „Wir haben uns vor etwa zehn Jahren dafür eingesetzt, dass wir diesen neuen Skaterpark bekommen. Die Kondition des damaligen Bürgermeisters Xavier Bettel war, dass wir mindestens ein Event pro Jahr dort organisieren müssten. Aktuell ist der Skaterpark aufgrund der Baustelle für ein Event nicht zugänglich, und wir mussten umdisponieren.“

So wurde kurzerhand aus dem LXB Cup der LXB Street. Zwei große Unterschiede bringt die Namensänderung mit sich: „Auf der einen Seite wird das Event eben nicht im Skaterpark Péitrus stattfinden, sondern hier auf der Place de l’Europe, und auf der anderen Seite sind die Regeln des Hauptwettbewerbs etwas anders als sonst. Normalerweise hat der Skater eine gewisse Dauer, etwa 45 oder 60 Sekunden, um so viel seines Können wie möglich zu zeigen. Beim LXB Street wird es zwei vorgefertigte Routen geben, über deren Länge die Skater ihre Tricks performen, unabhängig von irgendeiner Zeit.“

Tom Jungbluth freut sich, dass neben den Weltklasse-Skatern auch mehrere Luxemburger mit am Start sind: „Es ist immer schwer, lange im Voraus Starterlisten zu präsentieren. Aber wir können mit ziemlicher Sicherheit und basierend auf den Erfahrungen der letzten Male sagen, dass wir durchaus einige Fahrer aus der absoluten Weltspitze mit dabeihaben werden. Dass Skater wie Andrei daneben antreten können, ist unglaublich cool.“
Jungbluth sieht in Andrei ein unglaubliches Potential und das vor allem wegen einer ganz besonderen Eigenschaft: „Andrei hat diesen unglaublichen Willen. Er will immer besser werden und ist bereit, dafür extra weit zu gehen.” Dass sich das Skaten in Luxemburg allgemein weiterentwickelt hätte, sei nicht zu übersehen. Ironischerweise hätte bei dieser Entwicklung auch die Pandemie mitgeholfen: „Während der Pandemie, gerade während der Lockdowns haben viele Menschen ihre Boards rausgekramt und wieder angefangen zu skaten. Das tut der Entwicklung des Sports natürlich gut.“

Über die Eigenschaft, die das Skaten so besonders macht, sind sich beide einig: „Es ist ein Wettbewerb, und trotzdem ist es eine Community. Sogar bei den Olympischen Spielen in Tokio haben sich die Skater untereinander über die Leistungen der Mitstreiter gefreut. Das sorgt natürlich für eine unglaublich gute Stimmung.“
Von einer Teilnahme an den Olympischen Spielen träumt Andrei Baladan noch nicht. Aktuell fokussiert sich der 17-Jährige auf seine schulische Ausbildung. Nach seinem Abitur in Kunst im Lycée des Arts et Metiers will er in die
dänische Hauptstadt: „Ich will Produktdesign studieren. Idealerweise in Kopenhagen. Ich war vor etwas mehr als einem Jahr einmal dort zum Skaten und habe mich ein wenig in die Stadt verliebt.“
Jetzt aber liegt der Fokus erstmal auf der LXB Street vom 8. zum 10. Juli. Und dort will Andrei Baladan sein ganzes Können zeigen.

Text: Daniel Baltes, Fotos: Anouk Flesch

Author: Dario Herold