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Allzu vorhersehbar

Der Erziehungsratgeber einer US-amerikanischen Journalistin wurde innerhalb weniger Wochen zum New York Times Bestseller. Das zeigt vor allem, wie hilflos Eltern dieser Tage sein können.

Michaeleen Doucleff hat viel erreicht: einen Doktor in Chemie, eine ansehnliche Karriere als Radio- und Magazinjournalistin und mit ihrem ebenso erfolgreichen Mann eine flotte Eigentumswohnung in San Francisco mit Blick auf die Bay. Doch als die Enddreißigerin ihre Tochter Rosy bekommt, scheint alles den Bach runterzugehen. Denn aus dem einstigen Vorzeigeleben wird binnen weniger Monate eine Qual. Das heißersehnte Kind entpuppt sich als Monster: Es schreit, es wütet, es schlägt um sich. Und im Alter von zweieinhalb ist es der Mutter zur „Feindin“ geworden, ohne Zank, Geschrei, Drohungen und Gegendrohungen scheint im Hause Doucleff nichts mehr zu laufen.

Da denkt sich die Mutter, dass es doch besser gehen müsste. Auf einer ihrer Recherchereisen hatte sie zuvor auf der Halbinsel Yucatán ein Maya-Dorf besucht und darüber gestaunt, wie hilfsbereit und verständig dort schon kleine Kinder waren. Da gab es kein Geschrei, wenn es morgens zur Schule ging, kein Gemeckere, wenn im Haushalt geholfen werden musste. Also nahm Michaeleen Doucleff ihre kleine Rosy und machte sich erneut auf den Weg zu den Mayas und später zu den Inuit und Hadza, um sich beibringen zu lassen, wie man Kinder zu guten Menschen erzieht, ohne selbst dabei den Lebensmut zu verlieren.

Es ist ein zwiespältiges Buch geworden. Es besticht vor allem durch den Stil: Michaeleen Doucleff kann schreiben (ihre deutsche Übersetzerin Ulrike Kretschmer offenbar auch). Und sie kann beobachten. Mit großer Sympathie und Ehrfurcht berichtet die Autorin von den Familien, die sie unter den indigenen Bevölkerungsgruppen kennengelernt hat. Sehr detailliert, aber ohne die Situationen aufzubauschen, erzählt sie, was sie gesehen und gelernt hat. Und welche Schlüsse sie daraus zieht.

Der wichtigste ist: Erziehung kann nur im Team funktionieren. Doucleff benutzt den Begriff zweideutig: einerseits als tatsächlich nur gemeinsam zu schaffendes Projekt, andererseits als Akronym für das optimale Erziehungsmodell. Teamgeist, Ermutigung, Autonomie, Minimales Eingreifen. Jede der Kulturen, die sie besucht, bringt ihren Kindern etwas anderes bei: Bei den Mayas ist es die Hilfsbereitschaft, bei den Inuit die emotionale Intelligenz und bei den Hadza die Eigenständigkeit.

Was Michaeleen Doucleff erzählt, liest sich stellenweise wie im Märchen.

Im Gegensatz zu der Amerikanerin, die mit häufigen Wutausbrüchen ihrer Tochter zu kämpfen hat und meist beim ersten Hindernis die Geduld verliert, sind die Geschwister, Mütter, Väter und Großeltern, die die Autorin trifft, die Ruhe selbst und wissen allesamt – scheinbar intuitiv – genau, was sie tun: Sie bringen ihren Kindern bei, Teil einer Gesellschaft zu sein, die nur gemeinsam funktioniert und in der jeder seine Rolle auszufüllen hat. Sie schaffen keine kindzentrierte Parallelwelt mit unzähligen Spielzeugen und müde machenden Aktivitäten, in der die Kinder sich bis zum Eintritt in die echte Erwachsenenwelt austoben können, sondern binden jeden einzelnen Menschen in einen gemeinsamen Alltag ein.

Für ihre Erziehung brauchen sie keine Regeln und Verbote, keine Bestrafung oder Belohnung. Der Ansatz ist, die Kinder so gut es geht, machen zu lassen und zu unterstützen, weil diese ja selbst nichts anderes wollen als so leben wie die Großen. Deshalb helfen sie einander, beteiligen sich am Haushalt und lernen, ihre Emotionen zu kontrollieren. Ein Wutausbruch eines dreijährigen Inuitkindes? Kaum denkbar. Eine schreiende, um sich schlagende Rosy? Stinknormaler Alltag.
Michaeleen und Rosy verbringen jedes Mal ein paar Wochen vor Ort, auf Yucatán, in Alaska und in Tansania. Überall werden sie freundlich in Großfamilien aufgenommen und während die Mutter beobachtet, lernt und sich belehren lässt, wird das Kind von anderen Kindern, Frauen und Großmüttern quasi nebenbei erzogen. Und siehe da: Rosy ist gar kein Monster. Im Gegenteil: Sie ist ein einfühlsames, kluges und aufgewecktes kleines Mädchen, dass sich nur anders nie zu helfen wusste als mit ihrem Gezeter.

Hadzabe4_Idobi-KopieWas Michaeleen Doucleff erzählt, liest sich stellenweise wie im Märchen. Etwa wenn die morgens schon geschniegelte Maya-Mama ihre zahlreichen Kinder aus den Hängematten holt und vor ihnen steht wie ein Feldmarschall, der keine Anweisungen mehr zu geben braucht, sondern nur gelegentlich Mund und Augenbrauen verzieht, damit die Kinder sich gegenseitig beim Waschen und Anziehen helfen. Oder wenn Rosy, die sich zuvor vier Tage lang nicht hat kämmen lassen, unter den Fittichen einer ihr völlig unbekannten Dreizehnjährigen bereitwillig den Kopf hinhält, um sich Zöpfe flechten zu lassen. Oder wenn schon fünfjährige Kinder zwar beobachtet, aber völlig selbstständig durch die Berge Tansanias kraxeln.

Sie verbringen jedes Mal ein paar Wochen vor Ort, auf Yucatán, in Alaska und in Tansania.

Was uns die Autorin mitzuteilen versucht: Es gibt ein kollektives Wissen und die Fähigkeit, dieses Wissen umzusetzen. Nur haben es die Menschen in den westlich geprägten Ländern – wie den USA und in Europa einfach nicht (mehr). Sie haben es verlernt, weil es keine Großfamilien mehr gibt, weil unzählige Erziehungsratgeber ihnen seit Jahren erzählen, sie müssten ihre Kinder so gut es geht fördern und weil Eltern viel zu sehr darauf fokussiert sind, ihren Kindern schlechte Erfahrungen zu ersparen, dabei aber meinen, Kinder müssten spuren, wenn Erwachsene ihnen Befehle erteilen.

Michaeleen Doucleff hat sicherlich recht. Und nachdem sie den Müttern und Vätern genau zugeschaut hat, weiß sie jetzt, wie es besser geht. Deshalb kann sie auch viele Tipps geben. Nach jedem Kapitel und jeder gelernten Lektion präsentiert sie eine Liste mit Dingen und Verhaltensweisen, die man ändern kann und sollte. Und sie erzählt von ihren eigenen Versuchen, die gelernten Techniken bei Rosy anzuwenden. Von anfänglichen Fehlversuchen mal abgesehen, ist sie dabei erstaunlich erfolgreich. Innerhalb weniger Monate haben sich sowohl Rosys Verhalten als auch ihre Einstellung ihrer Tochter gegenüber ins Gegenteil verkehrt. Aus der einstigen Feindin ist eine Freundin geworden.

Mother_&_Child_Coba_QR_Mexico_2014_Son-of-Groucho-KopieNur – und das ist das Zwiespältige an diesem Buch – das alles klingt allzu vorhersehbar. Da erdet sich eine verzweifelte amerikanische Mutter und Journalistin unter Menschen, die seit Jahrtausenden von Jahren ihre Traditionen pflegen, wird dadurch geläutert und neu gepolt, und hinterher nimmt sie das bessere Wissen mit zurück in ihre erziehungsunfähige Konsumgesellschaft, um darüber einen Bestseller zu schreiben. Glaubwürdig ist anders. Denn trotz all der neu gewonnenen Erkenntnisse, die sie voller Freude und Aufregung mit den Leserinnen und Lesern teilt: Man hat nicht wirklich das Gefühl, dass sie ihrer kleinen Tochter jetzt mehr Verständnis oder gar Liebe entgegenbringt. Als Mutter mag sie vielleicht einen besseren Job machen, doch mehr als einstudierte Techniken umzusetzen, vermag sie nicht.

Die stärksten Passagen des Buches sind die, in denen die Autorin ihren eigenen früheren Erziehungsstil beschreibt. Ihre Hilflosigkeit müsste jedem bekannt vorkommen, der schon einmal mit Kindern zu tun hatte.

Text: Heike Bucher // Fotos: Greenland Travel, Son of Groucho (beide Flickr), Idobi (Wikimedia Commons), Kösel Verlag

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Kindern mehr zutrauen,
von Michaeleen Doucleff,
im Original: Hunt, Gather, Parent, Kösel Verlag,
ISBN: 978-3-466311521,
22 Euro

Author: Philippe Reuter

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