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Angriffslustig

In knapp einem Monat wird die Luxemburger Cricketnationalmannschaft in Finnland auflaufen. Noch nie kam sie über die erste Qualifikationsrunde einer WM-Endrunde hinaus. Auch dieses Mal dürfte das schwer werden. Aber im Sport ist alles möglich.

Es ist ein riesengroßes Feld. In der Mitte stehen sich zwei Mitspieler gegenüber. Hinter ihnen jeweils ein Wicket, eine Holzkonstruktion aus fünf Stäben. Sie halten einen Schläger. Ihr direkter Gegenspieler ist der Werfer. Er wird versuchen, die beiden auszuschalten. Trifft der Werfer das Wicket eines Gegners, ist dieser raus. Trifft der Schlagmann den Ball, kann er Punkte sammeln. Manchmal dauern einzelne Spiele bis zu fünf Tagen. Vielleicht auch deswegen ist und bleibt Cricket in den meisten, nicht von Großbritannien beeinflussten, Ländern maximal eine Randerscheinung.

So auch in Luxemburg, wo Cricket eigentlich bereits vor fast 40 Jahren importiert wurde. Die traditionell britische Sportart erhielt ihren großherzoglichen Eintritt im Zuge des englischen und irischen Beitritts in die europäische Union 1973. Damals wie heute war Walfer ihr Mittelpunkt. 1990 trat zum ersten Mal eine Art Luxemburger Nationalmannschaft an. Ein Zusammenschluss zweier Vereine, damals noch ohne Verband, vertrat Luxemburg beim European Cricket Cup in Guernsey und wurde Neunter unter zehn Startern. Seinerzeit war nur Spanien schlechter.

Vier Jahr später wurde der nationale Cricketverband gegründet. 1998 trat Luxemburg dem internationalen Cricketverband bei und konnte zum ersten Mal an offiziellen Spielen teilnehmen. Den nächsten Meilenstein gab es dann zum Jahrtausendwechsel. Bei einem Spiel gegen Frankreich im Jahr 2000 gelang dem Luxemburger Spieler Romesh Paul das erste sogenannte „century“, ein Inning (ein Spielabschnitt), in dem er alleine als Schlagmann 100 Punkte sammelte.

 Wir können den Gegner zu jedem Zeitpunkt unter Druck setzen. Auch deswegen ist es, wie Steve sagt: Keiner will gegen uns spielen. - Joost Mees

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Heute ist Cricket deutlich weiter. Seit Anfang Juni belegt die Nationalmannschaft den 53 Platz in der Weltrangliste. Eine Verbesserung über sechs Plätze im Vergleich zum letzten Jahr und die beste Platzierung der Geschichte. „Es ist unglaublich schwer für ein Land wie Luxemburg, mit Ländern, in denen Cricket quasi als Hauptsportart gilt, mitzuhalten. Deswegen setzen wir uns erst gar nicht das Ziel, eine Endrunde zu erreichen. Langfristig wollen wir irgendwann unter die Top 40 der Weltrangliste vorstoßen“, erklärt Steve Evans, seit zwölf Jahren Präsident des nationalen Cricketverbandes.

Als Steve im Alter von 23 Jahren nach Luxemburg kam, gab es nur einen Cricketklub: „Das waren damals die Optimists aus Walfer. Und der Name war Programm, denn man musste optimistisch sein, wenn man vorhatte, in Luxemburg Cricket zu spielen. Der nächste Klub, gegen den man spielen konnte, war in Brüssel.“ Heute zählt die nationale Cricketlandschaft elf Männer- und zwei Frauenteams. Und das Interesse am Sport scheint zu wachsen, allerdings nur in bestimmten Lagen.

„Die meisten Leute, die in und für Luxemburg spielen, kommen aus Indien oder Großbritannien. Cricket ist so eine komplexe Sportart, dass es eine direkte Verbindung zum Sport braucht. Es braucht jemanden, der einen reinbringt, einem alles erklärt, um überhaupt erst auf die Idee zu kommen, es auszuprobieren.“ Damit der Sport in Zukunft auch in Luxemburger Haushalten Einzug erhält, plant der Cricketverband eine Werbeoffensive in den Schulen. Es kommt allerdings auch immer öfter vor, dass Leute Steve auf Cricket ansprechen und ihn nach dem Reiz fragen.

„Ich habe schnell gelernt, dass man einem Luxemburger Sportfan die Faszination an Cricket am besten mit dem Radsport erklärt. Als ich herkam, habe ich mich nämlich gefragt, wieso so viele Menschen von Radsport so begeistert sind. Jetzt verstehe ich die Taktik dahinter und den Zusammenhang der einzelnen Rennen innerhalb einer Tour. Cricket ist ähnlich. Gerade wenn ein Spiel fünf Tage dauert. Jedes Inning ist wie eine Etappe. Jeder Wurf oder Schlag wie ein heißes Duell zwischen zwei Top-Radsportlern um jede Sekunde. Es ist der große Kampf zweier Teams, gefüllt mit lauter kleinen teils individuellen, teils mannschaftlichen Kämpfen.“

 Ich habe schnell gelernt, dass man einem Luxemburger Sportfan die Faszination von Cricket am besten mit dem Radsport erklärt. […] Jedes Inning ist wie eine Etappe. Jeder Wurf oder Schlag wie ein heißes Duell zwischen zwei Top-Radsportlern um jede Sekunde.  – Steve Evans

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Aktuell liegt der Fokus allerdings auf den kurzfristigen sportlichen Fragen. In einem Monat geht es nach Finnland. Dort ist sich Luxemburg seiner Außenseiterrolle bewusst, weiß allerdings auch um die eigene Stärke: „Wir sind in einer Gruppe mit Guernsey, Österreich, Bulgarien und Slowenien. Bulgarien und Slowenien dürften tendenziell schwächer sein als wir. Guernsey und Österreich sind klar favorisiert, aber wir wissen, dass keines der beiden Teams sich darauf freut, gegen uns zu spielen. Wir sind ein unangenehmer Gegner.“
„Wir sind ein kleines Land, spielen deswegen alle sehr viel und oft miteinander. Das hilft uns natürlich in Anbetracht eines solchen Turnieres“, analysiert Joost Mees, Kapitän der Nationalmannschaft deren Stärken. Auch in der Physis seiner Mannschaft sieht Mees Vorteile: „Wir können den Gegner zu jedem Zeitpunkt unter Druck setzen. Auch deswegen ist es, wie Steve sagt: Keiner will gegen uns spielen.“

Als Ziel für das Turnier ruft Mees den Kampf um Platz zwei mit Österreich aus. An Guernsey, eine der Cricket-Hochburgen wird Luxemburg wohl nicht herankommen: „Das Turnier ist das Highlight des Sommers, das Highlight der Saison. Wir freuen uns alle unglaublich darauf.“

Dass Luxemburg überhaupt eine Cricketnationalmannschaft auf den Platz bringt, findet selbst Präsident Evans immer wieder verwunderlich: „Ich glaube, es gibt nirgendwo auf der Welt ein dermaßen kleines Land, in dem so viele unterschiedliche Sportarten gespielt werden. Das ist natürlich schön für die Menschen, sorgt auf der anderen Seite allerdings auch dafür, dass die Quantität und damit auch Qualität der einzelnen Sportarten abnehmen.“

Trotz dieser erschwerenden Umstände, zeigt sich Präsident Evans angriffslustig: „Wir wissen natürlich, wie schwer es wird gegen Österreich und Guernsey, und im Normalfall ist zumindest das Weiterkommen auch utopisch. Aber es ist und bleibt Sport. Da ist alles irgendwie möglich.“

Text: Daniel Baltes, Fotos: Georges Noesen

WM-Qualifikation

Um sich für die Endrunde der Weltmeisterschaft im Cricket zu qualifizieren, müsste die Luxemburger Nationalmannschaft zuerst ihre Gruppenspiele in Finnland als Gewinner beenden. Danach müsste Luxemburg im direkten Duell gegen den zweiten Gruppengewinner des Turniers in Finnland gewinnen. Danach würde eine weitere europäische Runde nach gleichem Prinzip und noch eine weitere kontinentale Runde nach gleichem Prinzip folgen. Am Ende bleiben nicht mehr als zehn Teams übrig, die tatsächlich an der Weltmeisterschaft teilnehmen.

Gruppenspiele in Finnland

24. Juli, um 11 Uhr:
Luxemburg-Österreich
25. Juli, um 16 Uhr:
Luxemburg-Guernsey
28. Juli, um 11 Uhr:
Luxemburg-Bulgarien
30. Juli, um 16 Uhr:
Luxemburg-Slowenien
31. Juli: Platzierungsspiel
gegen Gleichplatzierte
Mannschaft aus Gruppe 2

Author: Dario Herold