Die Regierung antwortet mit einem neuen Cattenom-Notfallplan auf die atomaren Risiken in der Folge von Fukushima. Trotz allmählichen Umdenkens in Frankreich besteht in unmittelbarer Nachbarschaft nach wie vor Gefahrenpotenzial.
Ein unbekanntes Flugobjekt wurde im Oktober in der Nähe des deutsch-französisch-luxemburgischen Dreiländerecks gesichtet. Doch nicht nur da: Über sieben verschiedene Atomkraftwerke in Frankreich flogen Drohnen – so auch über Cattenom. Der Betreiberkonzern „Electricité de France“ (EDF) versicherte, dass dies keine Folgen „für die Sicherheit oder den Betrieb der Anlagen“ gehabt habe. Allerdings dürfen Frankreichs Atomkraftwerke nur in einer Höhe von mindestens tausend Metern überflogen werden. Flugzeuge müssen demnach ihre Flugroute so wählen, dass sie einen Abstand von fünf Kilometern und mehr von den Kraftwerken halten. Mittlerweile laufen Ermittlungen.
Greenpeace nennt die einmal mehr offensichtlich gewordene Gefahr, die von Cattenom ausgeht, besorgniserregend. Die Umweltschutzorganisation, berühmt für ihre spektakulären Aktionen, war kurz selbst in Verdacht geraten, die Drohnen gesteuert zu haben, beteuerte aber, nichts damit zu tun zu haben. „Wieder zeigte sich, dass die Sicherheitsvorkehrungen der französischen Behörden nicht greifen“, kritisiert Roger Spautz von Greenpeace Luxemburg. Die Abwehrmaßnahmen seien unzureichend. „Wenn eine Drohne über einem AKW fliegen kann, so ist dies auch mit einem Helikopter möglich.“ Ganz zu schweigen von dem gezielten Absturz eines Flugzeuges.
Ein weiteres Mal wurden die Einwohner Luxemburgs darauf aufmerksam, wie gefährlich das 1986 in Betrieb gegangene AKW sein kann, als die hiesige Regierung Hinweise an die Haushalte verschickte: Die Bürger könnten in den Apotheken kostenfrei Jod-Tabletten abholen. Diese sollten eingenommen werden, wenn es in Cattenom zu einer Katastrophe kommen würde. Die JodTabletten schützen die Schilddrüse vor Radioaktivität. Sie sind Teil des neuen Notfallplans der Regierung.
Bereits nach der Inbetriebnahme des AKWs war ein solcher entwickelt und 1994 überarbeitet worden. Nach der Atomkatastrophe von Fukushima 2011 hatte die damalige luxemburgische Regierung den Auftrag erteilt, den Notfallplan auf den neuesten Stand zu bringen. Damit befasst waren unter Federführung des „Haut-commissariat à la Protection nationale“ das Innenministerium, die Protection Civile, die Abteilung Strahlenschutz im Gesundheitsministerium, aber auch die Polizei und der Apothekerverband – im erweiterten Kreis unter anderem auch das Wasserwirtschaftsamt, das Außen- und das Wirtschaftsamt.
Der Schutz der Anlage gegenüber Erschütterungen wie bei Erdbeben, Terroranschlägen und bei dem Absturz von Militärflugzeugen wird von Experten als mangelhaft eingestuft.
Was die Verteilung der Jod-Tabletten betrifft, kann jeder Bürger sie in seiner Gemeinde oder in der Apotheke besorgen. Nach Worten des Nuklearingenieurs Patrick Majerus von der Strahlenschutzabteilung des Gesundheitsministeriums ist dies eine von mehreren Säulen des Notfallplans, den die Regierung kürzlich vorstellte. Weitere Säulen sind konkrete Pläne zur Evakuierung sowie Hinweise zum Verzehr von Lebensmitteln. Falls es zu einer Katastrophe kommen sollte, werden vier Aufnahmezentren eingerichtet, in den Schulen sind Sammelstellen vorgesehen. Sobald einmal der Krisenfall ausgerufen ist, werden die Einwohner durch das Krisenzentrum der Regierung informiert und Schutzmaßnahmen angeordnet. Im Umkreis von 15 Kilometern werden die Einwohner in Sicherheit gebracht. Die Evakuierungszone kann weiter ausgedehnt werden. Je nach Ernst der Lage.
Inwiefern die Vorsichtsmaßnahme etwas bringt, hängt jedoch vom Unfallszenario, von den Wetterbedingungen und nicht zuletzt davon ab, wie schnell die Radioaktivität austritt. Wenn dies erst nach ein paar Tagen geschieht, können die umliegenden Gemeinden rechtzeitig evakuiert werden. Vorgesehen ist die Evakuierung im Umkreis von 15 Kilometern um Cattenom. „Auch in Fukushima war nicht am ersten Tag Radioaktivität ausgetreten“, weiß Roger Spautz. Allerdings habe es noch in 40 Kilometern Entfernung einen starken Niederschlag an Radioaktivität gegeben. So wäre im Falle Cattenoms auch Ettelbrück betroffen.

Atomarer Stein des Anstoßes: Gegen das AKW in Cattenom
regte sich in den 80er Jahren heftiger Widerstand.
Die vier Reaktoren haben in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder mit Zwischenfällen die gesamte Region in Schrecken versetzt. Unzählige Male forderten zuerst die Atomkraftgegner, dann auch die Regierungen von Luxemburg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland, dass das AKW abgeschaltet wird. Doch die EDF und die französische Regierung zeigten sich immun, selbst nach Katastrophen wie zum Beispiel im japanischen Fukushima im März 2011. In der Folge entschied sich Deutschland für den Atomausstieg. Frankreich hingegen bezieht rund drei Viertel seines Stroms aus Atomkraft. Der Anteil soll bis 2025 auf 50 Prozent gesenkt werden, von Ausstieg keine Spur.
Dabei hat es seit 1986 rund 750 Zwischenfälle allein in Cattenom gegeben. Selbst die französische Atomaufsichtsbehörde ASN gibt mittlerweile zu, dass der Schutz vor Radioaktivität ein Schwachpunkt in Cattenom sei. Erst im April wurde Reaktor Nummer zwei außer Betrieb genommen. Kurz darauf wurden bei einem Zwischenfall im Mai zehn Mitarbeiter einer externen Firma radioaktiv verstrahlt. Es handle sich um eine leicht erhöhte Belastung, ließ der Betreiber wissen.
„ Wieder zeigte sich, dass die Sicherheitsvorkehrungen der französischen Behörden nicht greifen.“
Roger Spautz, Greenpeace Luxemburg
Die atomare Gefahr war schon bekannt, bevor das AKW überhaupt erst gebaut wurde. Die Recherche in alten Ausgaben der Revue ergab: Am 13. Januar 1973 titelte unser Magazin „Atommeiler an der Mosel?“ und schrieb, dass die Regierung den Bau eines Kernkraftwerks in Remerschen plane. Die Luxemburger Anti-AKW-Bewegung war geboren. Atomkraftgegner wie Elisabeth Kox-Risch riefen die „Initiativ Museldall“ ins Leben. Erst rund fünf Jahre später gab die damalige DP-LSAP-Regierung das Projekt auf. Dafür rückte das von Frankreich geplante AKW Cattenom in den Vordergrund.
Dessen Gegner erlebten Auftrieb durch die Atomkatastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986. Im Monat darauf demonstrierten rund 5.000 Menschen in Düdelingen gegen das Atomkraftwerk, am 15. Juni 1986 versammelten sich 20.000 Demonstranten in Koenigsmacker gegenüber dem AKW. Im September desselben Jahres kam es zu einer Menschenkette, die Schengen mit Perl und den französischen Moseldörfern verband. Doch am 13. November 1986 nahm Block 1 den Betrieb auf, die weiteren anderen Druckwasserreaktoren folgten 1987, 1990 und 1991.

Foto: Jean Christophe Verhaegen
Die Luxemburger Regierung arbeitete einen Katastrophenplan aus und verteilte Jod-Pillen. Denn das AKW wird seit jeher als Sicherheitsrisiko betrachtet: Schon vor Inbetriebnahme kam es im August 1986 zu einem Wassereinbruch in Block 1. Im Sommer 1989 kam es in Reaktorblock 2 zum Austritt von Kühlwasser am Temperaturmesssystem des Druckhalters. Die Reaktoren 1 und 2 mussten längere Zeit vom Netz. Gegen Ende 1992 wurde den Aufsichtsbehörden die Bildung von Rissen in der Steuerstabsführung des Reaktors 1 gemeldet. Im Sommer 1993 wurde Ähnliches in den anderen Blöcken festgestellt. Die Serie von Störfällen riss nicht ab, 1997 muss das gesamte AKW aufgrund technischer Probleme vom Netz. Im Februar 2002 öffnete sich in Block 1 ein Ventil in einer Anschlussleitung an den Reaktorkreislauf, so dass es eine „erhebliche Freisetzung“ von leicht kontaminiertem Kühlwasser kommt, zwei Jahre später gab es einen Brand im Kabelraum von Block 2.
Christian Küppers vom Öko-Institut Darmstadt hat den radiologischen Impakt des AKW Cattenom auf die Mosel, also die radioaktive Belastung des Flusses, untersucht. „Sie lag 2008 zum Beispiel zwar im Bereich des erlaubten Grenzwertes“, so der deutsche Atomexperte, „aber entsprach längst nicht dem allgemeinen Minimierungsgebot.“ Das heißt, dass bei anderen Anlagen wesentlich weniger Emissionen nachgewiesen wurden. Während deutsche Druckwasserreaktoren eine Emission von 370.000 bis 83 Millionen Becquerel aufwiesen, waren es bei einem von vier Cattenom-Reaktoren bereits 280 Millionen Becquerel.
Nach Fukushima ist der Druck auf Frankreich, das von Störfällen betroffene Atomkraftwerk in Cattenom abzuschalten, gestiegen. „Die französische Kontrollbehörde ist strenger und transparenter geworden“, stellt Roger Spautz fest. In einem sogenannten Stresstest der Atomkraftwerke ist Cattenom durchgefallen. Das Kraftwerk berge ein enormes Risikopotenzial, so der Stresstestbeobachter Dieter Majer anlässlich der Präsentation der Ergebnisse im März 2012. Luxemburg sowie die deutschen Bundesländer Rheinland-Pfalz und das Saarland forderten eine sofortige Stilllegung.
Aber die EDF bleibt stur. Das benachbarte AKW wirkt wie eine atomare Trutzburg. Cattenoms Kraftwerksdirektor Guy Catrix will die gesamte Laufzeit auf 60 Jahre verlängern. Auf die Inbetriebnahme 1986 zurückgerechnet, käme demnach der Ausstieg von Cattenom erst in 32 Jahren in Frage. Das AKW hat 2013 mehr Strom produziert als zuvor. Und das, obwohl es einige Konzeptionsmängel aufweist. Unter anderem wird der Schutz der Anlage gegenüber Erschütterungen wie bei Erdbeben, Terroranschlägen und bei dem Absturz von Militärflugzeugen von einigen Experten als mangelhaft eingestuft. Die Gefahr, die von Drohnen ausgeht, ist nun hinzugekommen.
Immerhin beteiligte sich Cattenom bei den regelmäßig stattfindenden Notfallübungen, an denen außer den beiden benachbarten deutschen Bundesländern die vier Länder der Großregion teilnehmen. „Die Betreiber zeigten sich sehr engagiert und konstruktiv“, bestätigt Patrick Majerus. „Beeindruckend waren auch deren Investitionen, um die Mängel zu beheben, auf die wir sie aufmerksam gemacht haben.“ Wenn auch nicht alles umgesetzt worden ist, wie der Strahlenschützer betont. Der beste Schutz gegen Cattenom, und darüber sind sich die Nachbarländer einig, wäre jedoch, das AKW abzuschalten.




