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Auf dem Kieker

Für Kinder des Pflegepersonals gab es im Lockdown eine Notbetreuung. Damit sollte das Anrecht auf Sonderurlaub für Pflegekräfte unterbunden werden. Bei einigen hat es funktioniert.

Als vor gut einem Jahr die Entscheidung für den ersten Lockdown getroffen wurde, musste alles ganz schnell gehen. Schulen, Geschäfte, gastronomische Betriebe wurden geschlossen und viele Menschen ins Homeoffice oder in die Kurzarbeit geschickt. Das öffentliche Leben wurde so weit es ging heruntergefahren, soziale Kontakte sollten überwiegend vermieden werden. Viele Eltern standen vor dem Problem, dass ihre Kinder zu Hause blieben, sie selbst aber arbeiten mussten. „Congé pour raisons familiales“ war die Lösung, von der Krankenkasse bezahlte zusätzliche Urlaubstage.

Miriam H.* ist Krankenschwester. Für sie galt diese Regelung nicht. Die Bilder aus den Krankenhäusern in Italien und New York City hatten auch Luxemburg erreicht. Niemand konnte vorhersagen, wie sich die Lage hier entwickeln würde, doch ähnliche Zustände wollte man verhindern. Klinikinterne Notbetreuungsstrukturen für Kinder des Personals wurden geöffnet, um Beeinträchtigungen des Klinikablaufs durch zusätzliche Urlaubstage zu vermeiden. Im Gesetz hieß es, einen Anspruch auf Urlaub aus familiären Gründen haben nur Eltern, die keine andere Möglichkeit der Betreuung haben. Das Pflegepersonal war also nicht explizit, aber doch faktisch von dem Sonderurlaub ausgeschlossen. Denn für ihre Kinder gab es eine Notbetreuung. Ob das den Eltern jedoch recht war, wurde nicht gefragt.

„Es wurde von uns erwartet, dass wir die Kinder einfach an fremden Stellen abliefern und nach acht oder neun Stunden abholen, als wenn es nichts wäre“, erzählt Miriam H. „Kinder sind aber keine Paar Schuhe, die man einfach irgendwo hinbringt und abstellt. Die Eingewöhnungsphase in den Crèchen, die mehrere Wochen dauert, gibt es ja nicht umsonst.“ Die Notbetreuung kam für die junge Mutter nicht infrage, zu den Großeltern sollten die Kinder nicht gehen. Ihr Partner ist ebenfalls Krankenpfleger. Bis auf zwei Tage konnten die beiden ihre Dienstpläne aufeinander abstimmen, doch viel gemeinsame Zeit hatte die Familie nicht. „Oft haben wir uns einfach nur die Türklinke in die Hand gegeben oder uns die Kinder auf dem Parkplatz überreicht. Manchmal mussten die dann draußen eine halbe Stunde auf uns warten, weil sich die Dienste überlappt haben. Wir haben versucht, uns nicht anmerken zu lassen, wie bedrückend die Situation für uns war. Einige unserer Freunde saßen zu zweit zu Hause, weil der eine im Homeoffice und der andere im Congé pour raisons familiales war, das war schon frustrierend.“

Für zwei Tage beantragte Miriam H. den Urlaub aus familiären Gründen, sowohl bei der CNS als auch bei ihrem Arbeitgeber. Eine Antwort von der Krankenkasse habe sie bis heute nicht erhalten, sagt sie. Anstelle eines Sonderurlaubs wurden ihr die zwei Arbeitstage von ihrem Überstundenkonto abgezogen. Sie beschwerte sich und bekam daraufhin den Hinweis, vielleicht im falschen Job zu sein, wenn ihr das nicht passe. Anschließend hatte sie das Gefühl, von ihren Vorgesetzten schief angeschaut zu werden. „Es kam mir so vor, als hätten sie mich danach richtig auf dem Kieker gehabt“, sagt sie.

Wenn sie die Möglichkeit hätte, zu wechseln, würde sie das tun.

So wie Miriam H. erging es auch anderen. Das bestätigt eine Nachfrage beim zuständigen Sekretär des OGBL Pit Bach. „Es gab einige solcher Fälle. Die Situation war chaotisch, und die Gesetzeslage hat diese Probleme kreiert. Es war eine Navigation auf Sicht, viele Probleme zeigten sich erst im Nachhinein. Doch soviel ich weiß, hat die CNS rückwirkend alle Anträge genehmigt. Es hatte sich einfach vorher niemand darüber Gedanken gemacht, dass Eltern ihre Kinder vielleicht nicht in ein Betreuungsstruktur bringen wollen, die die Kinder nicht kennen.“

Auch bei der „Association Nationale des Infirmières et Infirmiers du Luxembourg“ (ANIL) sind zahlreiche Probleme bezüglich der Betreuung der Kinder von Mitgliedern während des ersten Lockdowns bekannt. Nicht jeder Arbeitgeber konnte auf eine eigene Kindertagesstätte zurückgreifen „Es haben sich sogar Initiativen gebildet, die Leute haben gegenseitig auf ihre Kinder aufgepasst“, erzählt Anne-Marie Hanff, Präsidentin der ANIL. Die Arbeitsbereitschaft und Motivation des Pflegepersonals schätzt sie als generell sehr hoch ein. „Der Einsatz war groß, es gab viel weniger Krankmeldungen, die Leute wollten helfen. Selbst als die wöchentliche Arbeitszeit auf 60 Stunden hochgeschraubt wurde, hat das Personal die Zähne zusammengebissen, obwohl Zwölf-Stunden-Schichten geleistet werden mussten. Bei der zweiten Welle waren die 60 Stunden ganz schnell wieder da. Das hat viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen vor den Kopf gestoßen, sie waren noch geschafft von der ersten Welle.“

Gerade wurde der ANIL vom Internationalen Pflegeverband mitgeteilt, dass die Zahlen der Berufsabbrecher in anderen Ländern sehr hoch seien. Viele Krankenschwestern und -pfleger wollen wegen der Pandemie ihren Job nicht mehr ausüben. Allein in Deutschland haben 9.000 Pflegekräfte innerhalb des letzten Jahres ihren Job gekündigt. Eine zu hohe Arbeitsbelas-
tung, ein verstärktes Infektionsrisiko und eine zu geringe Wertschätzung sind die Hauptgründe. Und anders als in Luxemburg liegt das Einkommen in vielen Ländern nur knapp über dem Mindestlohn.

Doch auch hierzulande regt sich was, sagt Anne-Marie Hanff. „Wir bekommen viele Angebote von Menschen, die bei uns mitarbeiten wollen. Das Pflegepersonal erwartet von uns, aber auch von der Politik, dass die Forderungen endlich gehört werden und dass sie wieder so pflegen können, wie sie es gelernt haben. Wir haben in Luxemburg noch keine Zahlen von Berufsabbrechern. Ich denke auch, dass es im Moment noch zu früh ist, weil wir alle noch immer im Krisenmodus sind. Wenn man aber mal zur Ruhe kommt und reflektiert, kann ich mir gut vorstellen, dass viele Leute denken, dass sie das nicht mehr mitmachen.“

Bei Miriam H. hat die Angelegenheit einen Knacks hinterlassen. Sie ist vorsichtiger geworden, weil sie nicht mehr schief angesehen, sondern nur ihren Job machen möchte. Wenn sie die Möglichkeit hätte, zu wechseln, würde sie das tun. Noch vor einem Jahr wäre das für sie ausgeschlossen gewesen. 

Text: Heike Bucher // Foto: Freepik

* Name geändert

Author: Philippe Reuter

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