Dieses Wissen kommt ihr nun mehr als nur zu Gute. Denn die Herausforderungen, denen sie sich im Rahmen ihrer Doktorarbeit stellt, sind vielfältiger Art. „Welche zeitgenössischen und zuverlässigen Quellen gibt es? Welche Programme eignen sich zum Zeichnen und zum Erstellen der App? Wie prüfe ich ob das Zielpublikum die Kernproblematik verstanden hat?“ – dies sind nur einige der Fragen, die sich die gebürtige Deutsche stellt. Das sei zwar herausfordernd, aber zugleich auch spannend. Vor allem, weil immer wieder neue Fragen auftauchten, sagt sie.
Es gehe jedoch nicht nur darum, ein 3D-Modell zu kreieren: „Meine Aufgabe war es, die Ruine durch die fehlenden Teile zu ergänzen. Einzelne Details habe ich als 3D-Scans mittels Fotogrammmetrie (an. d. Red.: Methode, um Form und Lage eines Objektes aus Fotografien zu bestimmen) aufgenommen, aber die Hauptaufgabe bestand darin, die historischen Quellen zu suchen – in Büchern und Archiven – und auszuwerten.“ Als Basis, so erklärt de Kramer weiter, habe sie die Vermessung der Burg in den späten 70er Jahren durch John Zimmer genutzt, habe er doch auf analoge Weise steingerechte Bauzeichnungen erstellt. Die Bilder stammen aus der Zeit, bevor das „Criechinger Haus“ teilweise wiederaufgebaut wurde, also nur aus den Originalteilen. Dieses Material hat die Forscherin in 3D nachgezeichnet und durch die Ergebnisse ihrer Recherche oder durch ihr eigenes architektonisches Wissen ergänzt.
„Ich möchte dem Laien vermitteln, dass eine solche 3D-Visualisierung niemals die Realität darstellt, sondern nur den aktuellen Stand der Forschung wiedergibt.“ Marleen De Kramer
Dennoch konnte sie nicht alle Teile der Burg genau rekonstruieren. Der Grund: „Wo die Fundamente standen, weiß ich genau, weil sie dort immer noch stehen. Aber wie die Dachform der Nebengebäude war, kann ich im Prinzip nur raten. Dass dort im 15. Jahrhundert eine Burg war, wissen wir. Mit wie vielen Dachschindeln sie 1483 eingedeckt war, nicht. Deshalb habe ich also, abhängig von Maßstab und Quellenlage, jedem Teil des Modells eine Wahrscheinlichkeit zugewiesen, die dann den weiteren Erklärungen zugrunde liegt“, erklärt sie.
Kritik an ihrer Arbeit bzw. an den 3D-Visualisierungen historischer Gebäude gibt es aber auch. 3D-Fritzen seien sie doch, die nichts anderes machten, als mit schnell zu erlernender Software Bilder zu zeichnen. Dass das, was sie mache, doch keine wissenschaftliche Forschungsarbeit sei, das musste sie sich zum Beispiel bei einem Kongress anhören. Diesem Kritiker habe sie dann aber ganz trocken entgegnet, dass sie einer dieser „3D-Fritzen“ sei und es nicht darum ginge, ein 3D-Modell zu erstellen, sondern ein gutes 3D-Modell zu erstellen. „Ich will dazu beitragen, dass 3D-Modelle wissenschaftlich anerkannt werden“, sagt sie. Weil sie testen wollte, wie sie ihre Forschung möglichst einfach vermitteln könne, hat die 36-Jährige bei einem TEDx an der Universität Luxemburg teilgenommen, der Vortrag hieß „History and other lies“. Dabei sei es nicht darum gegangen, wie man eine 3D-Rekonstruktion mache, sondern darum, warum diese Forschungsarbeit relevant sei, erklärt sie und scherzt: „Ich rede gern vor Publikum, und ich denke, das würde die Marleen von vor 20 Jahren ziemlich verwirren, der schlotterten nämlich die Knie, wenn sie ein Referat halten musste“.
Doch zurück in die Gegenwart. Wie ihre Arbeit bei den App-Nutzern ankommt, wird der abschließende Schritt, eine Versuchsreihe, zeigen. Was danach kommt, so meint sie, das wisse sie noch nicht, „mal schauen, in welchem Land es das nächste interessante Projekt gibt“.