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Aus dem Schatten

Seit sieben Jahren spielt UNA Strassen in der BGL-Ligue. Höher als auf den Tabellenplatz fünf kletterte der Klub bislang nie. In dieser Spielzeit will er raus aus dem Schatten der Konkurrenz.

65 Gegentore kassierte Strassen in der vergangenen Saison. Damit sicherte man sich – direkt hinter Rosport – die Silbermedaille im Rennen um den Titel der Schießbude der Liga. Ein wenig erstrebenswerter Titel. Dessen waren sich auch die Machthaber in Strassen bewusst und leiteten zum Saisonwechsel eine Neuerung auf der Position des Trainers ein. Christian Lutz aus Süddeutschland trainierte zwischen 2018 und 2019 die U17 der Luxemburger Nationalmannschaft, danach für zwei Jahre den Ehrenpromotionär aus Rümelingen. „Im Sommer lagen zwei Angebote aus der BGL-Ligue auf dem Tisch. In Strassen hat das Gesamtpacket am besten zu meinen Ambitionen gepasst”, sagt er.

Eigentlich beschreibt sich Lutz als Offensivliebhaber. Die Devise zum Saisonstart lautete trotzdem erst einmal: „Defensive gewinnt Spiele.“ Die lautstarken Rufe nach neuem Defensivpersonal, konterte Lutz nachhaltig. „Wir brauchten keine neuen Spieler. Wir brauchten ein Konzept. Wir mussten eine defensive Struktur aufbauen, die uns erlaubt, mit Kopf zu verteidigen.“ In der Umsetzung sieht der ehemalige Jugendspieler des FC Bayern München eines der großen Geheimnisse der erfolgreichen Hinrunde. Die Statistik gibt ihm Recht. Strassen hat mit nur 14 Gegentoren in 15 Spielen die beste Defensive der Liga und steht zur Winterpause auf Platz drei, nur zwei Punkte hinter Tabellenführer Düdelingen.

PR2_2797-Kopie„Wir haben uns vor der Saison das Ziel gesetzt, einen besseren Tabellenplatz zu erreichen als in der vergangenen Saison“, erklärt der langjährige Differdinger und Neu-Strassener Kapitän Tom Siebenaler. Im Gegensatz zu seinem Trainer war Siebenaler auch Teil der Mannschaft, die die vergangene Saison auf einem enttäuschenden zehnten Tabellenplatz beendete: „Wir treten mittlerweile mit einem anderen Selbstverständnis auf. Und auch unsere Gegner treten uns mittlerweile mit mehr Respekt gegenüber.“ Den Ursprung dieser neugewonnenen mentalen Stärke sieht Siebenaler – neben dem Trainerwechsel – zwischen den Spieltagen sechs und acht. Dort holte Strassen in drei Spielen gegen drei absolute Topmannschaften (2:2 gegen Fola, 2:1 gegen Niederkorn und 1:0 gegen Hesper) sieben Punkte und konnte sich oben festsetzen.

Es wäre ja komplett schwachsinnig, wenn ich jetzt hier sitzen und behaupten würde, dass wir am Ende der Saison mit dem achten Platz zufrieden wären. Christian Lutz

20211211_Gerry_Schmit_0006-(1)-KopieVor dem Tor dreht sich in Strassen alles um einen Mann: Nicolas Perez. Der Franzose, der seit 2017 in Luxemburg spielt, fand in Strassen wieder zur alten Stärke und erzielte in der Hinrunde beeindruckende 13 Tore und damit fast die Hälfte aller Strassener Treffer (28). „Nico ist ein unglaublich guter Stürmer“, so sein Trainer. „Menschlich liegt ihm sehr viel an einem familiären Umfeld. Deswegen war es für ihn auch die vergangenen beiden Jahre in Hesper etwas schwieriger. Dort herrscht nun wirklich kein familiäres Umfeld. Jetzt fühlt er sich wieder wohler und zahlt das mit Toren zurück.“
Wie wichtig dieser Wohlfühlaspekt ist, betont Lutz wiederholend. Er selbst versucht mit seinen Spielern auf Wellenlänge zu arbeiten, sie zu verstehen und seine Entscheidungen transparent zu kommunizieren. „Das erlaubt uns allen, effektiver miteinander zu arbeiten. Wenn jemand schlecht gespielt hat, kann ich ihm das genauso sagen, ohne dass der Spieler sich dadurch persönlich angegriffen fühlt.“

PR2_2640-KopieEingesetzt hat Lutz in der Hinrunde bereits 23 unterschiedliche Spieler. Jeden dieser ambitionierten Fußballer bei Laune zu halten, ist schwer: „Ich versuche ihnen klarzumachen, dass es in einer Mannschaft jeden braucht. Auch die Spieler, die an den Wochenenden nicht im Kader stehen.“ Dass diese Message nicht immer ankommt, kann der ehemalige Fußballer nachvollziehen: „Wenn mein Trainer mir sowas früher gesagt hat, dachte ich auch: Was will der denn jetzt von mir? Aber es ist nun mal tatsächlich so, dass eine Mannschaft jeden seiner Spieler braucht. Allein, wenn man bedenkt, wie schnell sich jemand verletzt oder eben aktuell wie schnell jemand krank wird.“

Diesen Kulturwechsel erkennen auch die Zuschauer rundum den Verein an. Kürzlich beim 6:2-Testspielerfolg gegen Canach meinte einer der Zuschauer lautstark: „Es hat sich viel getan in den letzten Jahren. Gerade in dieser Saison haben die Jungs einen großen Sprung nach vorne gemacht.“ Auch die Jugendspieler, die zu Spielbeginn noch auf dem Zweitplatz trainiert hatten, sammelten sich nach ihrem Training um das Spielfeld und beobachteten ihre A-Mannschaft beeindruckt. Auch an diese Leute, die bei den Spielen für Atmosphäre sorgen, denkt Lutz: „Wir wollen ein Produkt auf den Platz bringen, das die Leute begeistert, und der Zuschauer soll erkennen, dass hinter jedem Pass und jeder Aktion eine Idee steckt.“

PR2_2768-KopieAngesprochen auf die Zielsetzung für die Rückrunde, lächelt Lutz kurz: „Es wäre ja komplett schwachsinnig, wenn ich jetzt hier sitzen und behaupten würde, dass wir am Ende der Saison mit dem achten Platz zufrieden wären. Wir haben alle in der Hinrunde Blut geleckt und wollen jetzt dranbleiben.“ Das Programm zum Rückrundenstart kommt Strassen entgegen. Während die direkte Konkurrenz gegeneinander antreten muss (Beispiel Düdelingen gegen Niederkorn), wird UNA in den ersten vier Partien auf drei Abstiegskandidaten treffen (Mondorf, Ettelbrück und Rosport). „Trotzdem dürfen wir nicht vergessen, dass die Hinrunde mittlerweile der Vergangenheit angehört und wir uns von den guten Leistungen nichts mehr kaufen können. Es liegt jetzt an uns, diese Leistungen zu bestätigen und die Topplatzierung, die wir aktuell ja haben, weiter
zu verdienen.“

Entgegen der Floskel, dass sich der Fußball von Spiel zu Spiel bewegt, gibt Lutz zu, dass man sich in Strassen auch jetzt schon mit der Entwicklung über das Saisonende hinaus beschäftigt. „Ich bin als Trainer hergekommen, um das Maximale herauszuholen. Wir wollen Strassen langfristig in den Top vier Luxemburgs etablieren. Der Klub geht diesen Weg mit und muss dementsprechend künftig natürlich auch die finanziellen Mittel stellen.“ Sowohl sportlich als auch finanziell wäre
die Qualifikation für das europäische Geschäft in diesem Jahr ein guter erster Schritt. Landet UNA nach 30 Spieltagen auf Platz vier, würde der Verein zum ersten Mal in seiner Geschichte europäisches Parkett betreten und den Grundstein für eine neue Ära – außerhalb des Schattens der Luxemburger Großmächte – legen.

Text: Daniel Baltes // Fotos: Philippe Reuter, Gerry Schmit (Editpress)

Author: Philippe Reuter

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