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Aus Tradition treffsicher

Der Kegelsport ist fest in der Luxemburger Kultur verankert. Auch deswegen ist das Großherzogtum kommendes Jahr Gastgeber der Kegelweltmeisterschaft. Diese Bühne will man nutzen.

Konzentration. Präzision. Kondition. Der Kegelsport ist mehr als das gemütliche, gesellige, oft alkoholisch begleitete Zusammenkommen seines Halbbruders, des Freizeitkegelns. Geht es in internationalen Turnieren ums Ganze, weiß der Kegler mehrere Hundert Augenpaare in seinem Rücken. Auch der immer schwerer werdende Arm verkompliziert den Job. Über 100 Würfe in schneller Folge zu spielen, ist sowohl physisch als auch mental ermüdend. Die Kunst des Sportkegelns liegt darin, in diesen Momenten der größten Erschöpfung seine Bestleistung abrufen zu können.

Diesen kompetitiven Charakter hatte das Kegeln schon immer. Und „immer“ ist ein gutes Stichwort. Den Kegelsport gibt es nämlich schon seit Ewigkeiten. Ein Blick in die Geschichte des Kegelns offenbart sein frühes Geburtsdatum. So fanden Archäologen im antiken Ägypten ein Kinderkegelspiel, dessen Alter auf rund 3.500 Jahre vor den Beginn unserer Zeitrechnung geschätzt wurde. Als Vorfahre des Kegelns gilt ein Wurfspiel aus germanischen Stämmen in Mitteleuropa, bei dem versucht wurde Knochen mit Steinen abzuwerfen.

_TGB2181-KopieRein geografisch gesehen ist Mitteleuropa auch heute noch das Epizentrum der Kegel-Gemeinschaft. Neben Deutschland und Luxemburg als Hochburgen zählen auch Frankreich, Belgien und die Niederlande zu den Haupt-Kegelnationen. Brasilien verleiht der Kegelfamilie etwas Exotik. „Die Brasilianer sind regelrecht kegelverrückt. Immer wenn Teams aus Brasilien auf Turnieren hier in Mitteleuropa sind, bringen sie viele Unterstützer mit“, erklärt Sacha Andre, Präsident der Luxemburger Sportkegler. Das Main-Event im Kegeluniversum ist und bleibt allerdings die Rivalität zwischen Luxemburg und Deutschland: „Deutschland ist die Nummer eins. Aber sie wissen ganz genau, dass wir Luxemburger mit ihnen mithalten können. Das ist etwas, worauf wir sehr stolz sind.“

Beim Darts wurde gezeigt, dass der Sport schnell und einfach sein muss, um dem Zuschauer zu gefallen. In diese Richtung soll sich also auch das Sportkegeln entwickeln. Sacha Andre

Zwei Gesichter der traditions- und erfolgreichen Luxemburger Kegelszene sind Mandy Parracho und Luca Wolter. Die 35-jährige Parracho wurde 2017 Weltmeisterin im Tandem Mixed und feierte 2019 den gleichen Titel im Mannschaft Mixed. Wolter ist mit seinen erst 20 Jahren das Aushängeschild einer neuen Kegelgeneration. Seit 2019 spielt er in der zweiten deutschen Bundesliga beim SKV Trier: „Ich will in meiner Karriere unbedingt einmal in der ersten Bundesliga spielen. Aber auch Weltmeister will ich einmal werden. Das wird aber richtig schwierig.“ Auch Parracho visiert weiterhin die Podiumsplätze der großen internationalen Turniere an.

Die nächste Möglichkeit so richtig anzugreifen, bietet sich der Luxemburger Delegation im kommenden Jahr. Dann findet die nächste Weltmeisterschaft statt und zwar in Luxemburg, genauer in Petingen. „Ich weiß ja noch gar nicht, ob ich nominiert werde“, verrät Wolter unsicher. „Wenn ich dabei bin, werde ich so gut es geht versuchen, Erfahrung zu sammeln und als Spieler besser zu werden.“ Etwas ambitionierter gibt sich Parracho: „Der Einzug in das Finale ist natürlich immer das Ziel. Dort hat man dann auch nichts mehr zu verlieren.“ Aber Parracho glaubt, dass die kommende WM für die eine oder andere Überraschung sorgen könnte und allgemein nur schwer vorauszusagen ist.

Der Grund dafür liegt im Spielsystem. Das Sportkegeln befindet sich aktuell in einer Transitphase zwischen der altbewährten, traditionellen ruhigen Kugel und einer schnelleren, moderneren Spielweise. Auf internationalem Parkett soll künftig nicht mehr auf acht Bahnen und mit 120 Würfen gespielt werden. Vier Bahnen und 80 Würfe sollen den Modus vereinfachen und zuschauerfreundlicher gestalten. „Eine Benchmark ist in diesem Bereich das Darts. Dort wurde gezeigt, dass der Sport schnell und einfach sein muss, um dem Zuschauer zu gefallen. In diese Richtung soll sich also auch das Sportkegeln entwickeln“, erklärt Sacha Andre die Idee hinter dem Systemwechsel, der 2022 in Petingen erstmals auf Weltmeisterschaftsebene getestet wird.

Die Weltmeisterschaft sollte eigentlich bereits 2021 gespielt werden und war im Rahmen des 50. Jubiläums der FLQ (Fédération Luxembourgeoise des Quilleurs) an Luxemburg vergeben worden. Aufgrund der Covid-Pandemie wurde die Veranstaltung auf 2022 verschoben. Die Corona-Krise hatte aber nicht nur Einfluss auf die großen Turniere, auch die Essenz des Kegelns wackelte während und wegen der Pandemie. „Wir hängen direkt mit dem Gastronomiesektor zusammen. Ein Großteil der Kegelbahnen befindet sich in Restaurants oder Cafés. Deren Schließung während Corona war natürlich auch der temporäre Schlussstrich für uns“, beschreibt Andre die vergangenen Jahre.

_TGB1994-KopieAuch die eigentlich neu priorisierte Jugendarbeit wurde hierdurch zurückgeworfen. „Jeden Samstag hatten wir ein Jugendtraining. Das war offen für alle Kinder und Jugendlichen und wurde von unseren Trainern geleitet“, so Andre zur Strategie, die junge Generation vom Kegelsport zu überzeugen. Begleitet wird dieser sportliche Aspekt der Strategie durch eine Marketing-Offensive. Allen voran in den sozialen Medien will der Kegelverband künftig ein neues Gesicht zeigen und sich im Rekrutierungsprozess besser aufstellen. Bis dato liegt dem Beginn einer Kegellaufbahn fast ausschließlich die familiäre Tradition zugrunde. So bestätigen auch Parracho und Wolter, dass das Spielen ihrer Eltern sie zum Kegeln gebracht habe. Die Hoffnung des Verbandes ist, in Zukunft auch Jugendliche ohne direkten Kontakt zum Sport für sich zu gewinnen.

Eine besondere Rolle in diesem Rekrutierungsprozess nimmt das Bowling ein. Das Bowling folgt zwar oberflächlich dem gleichen Spielprinzip wie das Kegeln. Ist aber sowohl in seinem technischen Umfeld – der Bahn und der Kugel – als auch in seinem Spielsystem anders. „Es ist schwer zu sagen, ob das Bowling eine Konkurrenz ist. Es ist eine andere Sportart, deswegen versuchen wir es nicht als Konkurrenz zu betrachten. Es gibt aber mit Sicherheit auch Menschen, die ohne Bowling mehr Kegeln würden“, so Andre. Auf der anderen Seite müsse man sich auch darüber im Klaren sein, dass das Bowling als Freizeitaktivität noch verbreiteter sei. Es ist ein erster Kontakt mit einer Wurfsportart und könnte auch den Weg zum Kegelsport ebnen.

Die Heim-WM im kommenden Jahr sieht Andre als Möglichkeit, den Luxemburgern diesen Sport – der ihnen traditionell so naheliegt – neu vorzustellen. Vielleicht entdeckt der eine oder andere ja dann seine Treffsicherheit.

Text: Daniel Baltes // Fotos: Julien Garroy

Author: Philippe Reuter

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