Home » Wissen » Familie » Babys können schlafen

Babys können schlafen

Wenn Eltern und Kinder keinen Schlaf finden, leidet die ganze Familie darunter. Die „Initiativ Liewensufank“ bietet Eltern Unterstützung und Hilfe an, ganz ohne allgemeingültige Ratschläge.

Als die kleine Ella acht Wochen alt war, hatte sie offensichtlich keine Lust mehr, auf Mamas Arm einzuschlafen. Bis dahin war sie jeden Abend kurz vor der Tagesschau, genüsslich die letzte Mahlzeit süffelnd, in tiefen Schlaf gefallen und auch nicht mehr aufgewacht, wenn sie kurz darauf ins Bettchen gelegt wurde. Sie schlief einfach ihre sechs bis acht Stunden durch.

Doch plötzlich schien sie auf dem Sofa vor dem Fernseher keine Ruhe mehr zu finden. Sie nuckelte mehr als sie trank, sie döste ein, um gleich wieder aufzuschrecken, am Ende brauchte sie eine knappe Stunde, um fest einzuschlafen. Also beschlossen ihre Eltern, sie fortan wach ins Bett zu legen, gleich nach dem Trinken, mit offenen Augen und einer aufgezogenen Spieluhr. Kaum lag sie im Bett, grinste sie, als wollte sie sagen: „Na, endlich!“ Keine fünf Minuten später war sie ohne Meckern, Weinen oder Rufen eingeschlafen. Einfach so. Und dabei blieb es.

Schlaf ist ein wichtiges Thema in jungen Familien. Meist geht es um zu wenig Schlaf für die Eltern, um unruhigen Schlaf bei den Kindern oder um Babys und Kleinkinder, die nachts alle zwei Stunden schreien. Denn die wenigsten Babys zeigen ein derart unproblematisches Schlafverhalten wie die kleine Ella. „Dass Babys mit drei Monaten schon sieben oder zehn Stunden am Stück durchschlafen, ist die Ausnahme“, sagt Anouk Wagner. „Die meisten Kinder können das erst im Alter von zwei bis drei Jahren.“

Anouk Wagner ist Mitarbeiterin der Initiativ Liewensufank, einem Verein, der es sich seit 1986 zur Aufgabe gemacht hat, junge Eltern durch Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre der Kinder beratend zu begleiten. Die Schlafberatung ist eins ihrer Arbeitsfelder. Oft findet diese telefonisch statt, hin und wieder besucht sie aber auch die Familien zu Hause. Pauschale Ratschläge kann Anouk Wagner nur bedingt liefern. Einer davon ist, Babys nach dem Einschlafen auf dem Arm seitlich ins Bett zu rollen, dabei würden sie nämlich merken, dass sie abgelegt werden. So bekommen sie beim Aufwachen keinen Schreck, wenn sie sich plötzlich nicht mehr auf dem Arm der Eltern, sondern allein im Bett befinden.

„Die erste Schlafphase ist für Kinder besonders wichtig“, erklärt Anouk Wagner. „Im Gegensatz zu uns Erwachsenen haben Babys gleich zu Beginn ihres Schlafs eine Traumphase. Diese Phase ist sogar wichtiger als die körperliche Erholung, weil sie zu einem elementaren Prozess der Erlebnisverarbeitung gehört und für das Wachstum des Gehirns unverzichtbar ist.“ Um welche Tageszeit Kinder ins Bett gehören, darauf möchte sie sich allerdings nicht festlegen. „Das ist von Familie zu Familie verschieden, jede Familie hat andere Bedürfnisse. Wir haben oft im Kopf, dass Babys abends um 19 Uhr im Bett sein müssen, aber das passt manchmal einfach nicht. Manche Familien gehen später zu Bett, andere früher. Versucht man seinen eigenen Rhythmus zu ändern, erzeugt das nur Stress. Und Stress ist genau das, was niemand braucht, wenn er schlafen möchte.“

Das wichtigste ist, dass Eltern zugeben, wenn die Situation sie überfordert. Anouk Wagner, Initiativ Liewensufank

Schlafen ist die Abgabe von Kontrolle. Wer schläft, lässt los. Das gilt sowohl für Babys als auch für Erwachsene. Doch das Loslassen funktioniert nur dann, wenn man weiß, dass alles okay ist, dass man sicher und aufgehoben ist. „Das kennen wir doch alle“, sagt die Schlafberaterin. „Die erste Nacht im Urlaub ist meist eine, in der man wenig schläft. Oder versuchen Sie mal, im Wald zu schlafen. Da können Sie auch erst loslassen, wenn sie sich sicher fühlen und sich an die Umgebung und die Geräusche gewöhnt haben.“

baby-19295-KopieAuch für Babys sei es wichtig, sich aufgehoben zu fühlen. Unruhe, Stress und Anspannung übertrage sich aufs Kind, sagt Wagner. In solchen Situationen einen entspannten Schlaf zu finden, sei geradezu unmöglich. Wenn sich Eltern hilfesuchend an sie wenden, versucht sie erst einmal herauszufinden, wo und unter welchen Bedingungen das Kind normalerweise schläft. Ob es allein im Zimmer schläft oder noch bei den Eltern. Ob es abends Rituale gibt, die dem Kind vermitteln, dass es bald ins Bett gehen soll, usw.

„Das wichtigste ist, dass Eltern zugeben, wenn die Situation sie überfordert. Ändern kann man wahrscheinlich immer etwas.“ Zum Beispiel das Schlafen im elterlichen Schlafzimmer. Es gibt Mütter oder Väter, die nicht zur Ruhe kommen, wenn das Baby direkt neben ihnen liegt, die bei jedem kleinen Seufzer und jeder Bewegung des Kindes aufspringen, weil sie eh nur halb schlafen. Oder auch Babys, die wach werden, weil ihre Eltern sich umdrehen, schnarchen oder andere Geräusche machen. Andere Eltern wiederum schlafen beruhigter, wenn ihr Nachwuchs bei ihnen ist. Genauso wie manche Babys, die die Nähe zu den Eltern brauchen, um sich zu entspannen.

„Es gibt da keine Empfehlungen, die für jeden zutreffen“, sagt Wagner. „Welche Schlafarrangements getroffen werden, hängt von den Familien und den einzelnen Bedürfnissen ab.“ Dennoch gäbe es ein paar allgemeingültige Tipps für alle. Vor allem Rituale, also einen jeden Abend wiederkehrender Ablauf von Dingen, die dem Kind helfen, zur Ruhe zu kommen und es darauf vorbereiten, dass bald Schlafenszeit ist.

Der Beginn könnte das gemeinsame Abendbrot sein. Allerdings, so Anouk Wagner, sollte es sich dabei um ein Abendbrot ohne aufkochende Emotionen handeln, ohne laute Musik und Streitereien. So könne man Ruhe in den ausklingenden Tag bringen und ein entspanntes Zubettgehen einläuten. Anschließend Zähne putzen, Bücher lesen, Geschichten erzählen oder Lieder singen, je nachdem, welche Vorlieben Eltern und Kinder haben. Das wichtigste sei, sagt die Schlafberaterin, dass mit den Ritualen früh genug begonnen werde. Früh im doppelten Wortsinne: früh im Leben des Kindes, damit es sich an den regelmäßigen Ablauf gewöhnt. Und so früh am Abend, dass das Kind noch nicht zu müde ist, um überhaupt Spaß daran zu haben.

8056-Kopie

In der Beratung hört Anouk Wagner immer wieder, dass es ein großes Problem sei, wenn Kinder auf dem Weg von der Crèche nach Hause im Auto einschlafen, weil sie dann zur gewohnten Schlafenszeit nicht mehr müde oder sogar völlig überdreht seien. „Wenn das problematisch sein sollte, kann man auch hier mit einfachen Mitteln etwas ändern: das Kind etwas früher oder mit dem Bus abholen oder gleich ganz zu Fuß gehen. Dabei schläft das Kind sicherlich nicht ein.“
Prinzipiell empfiehlt Wagner, dass alles, was den Eltern guttue, auch den Kindern guttut.

„Schlafen ist etwas Natürliches, etwas Schönes. Wenn Kinder das lernen, schlafen sie auch gut.“ Nur eins dürften Eltern auf gar keinen Fall tun: ihren Kindern beim Einschlafen in die Augen schauen. Dann würden sich diese beobachtet fühlen und merken, dass Mama oder Papa selbst noch wach ist. Sie könnte so auch nicht einschlafen, sagt sie. „Da würde ich immer wieder die Augen aufmachen.“

Fotos: Pixabay (2), Freepik

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Philippe Reuter

Login