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Bloß nichts vorkauen

Ob Eltern ihren Kindern bei den Hausaufgaben helfen sollen oder sie dabei sogar beaufsichtigen, ist ein kniffliges Thema. Doch ein Grundsatz gilt: Interesse ist gut, Kontrolle nicht immer.

Klassenarbeiten, Wochenplan, Hausaufgaben. Schulkinder sind ständig gefordert. Sie müssen verstehen, lernen, anwenden, üben. Jeden Tag, die ganze Schulzeit lang. Da erscheint es naheliegend, dass Eltern ihren Sprösslingen helfen wollen, so gut es geht. Sie lernen mit ihnen für die Arbeiten und Test und unterstützen sie bei den Hausaufgaben. Denn den wenigsten Eltern sind die schulischen Leistungen ihrer Kinder egal. Eltern freuen sich, wenn ihre Kinder gute Noten und wenige Probleme mit nach Hause bringen.

Doch wie viel Unterstützung brauchen Kinder bei den Hausaufgaben? Sollten Eltern sich dazusetzen und die ganze Prozedur überwachen? Sollten sie gar eingreifen und ihren Kindern bei der Lösung der Aufgaben helfen? Oder sollten sie am besten gar nichts tun und die Kinder machen lassen, damit diese lernen, völlig selbstständig zu arbeiten? Weder noch, sagt Valérie Kemp. Die studierte Grundschullehrerin promoviert an der Uni Luxemburg im Fach Erziehungswissenschaften. Zudem hat sie langjährige Erfahrung als Nachhilfelehrerin.

„Prinzipiell ist es sehr positiv, wenn Eltern Interesse zeigen“, sagt sie. Besonders für kleine Kinder, die erst noch lernen müssen, eigenständig zu arbeiten. „Es vermittelt den Kindern, dass Hausaufgaben wertvoll sind und es wichtig ist, sich in der Schule anzustrengen und Leistung zu zeigen. Aber es hängt von der Art der Hilfe ab, die gegeben wird. Der Sinn der Hausaufgaben ist ja, dass Kinder Selbstständigkeit lernen und aufgezeigt wird, in welchem Bereich noch Schwierigkeiten bestehen. Das ist einerseits für die Lehrperson wichtig, aber auch für die Eltern.“

Sich daneben zu setzen und die Aufgaben für das Kind zu lösen, bezeichnet Valérie Kemp jedoch als kontraproduktiv, weil das Kind auf diesem Weg nicht eigenständig arbeitet und weder die Lehrer noch die Eltern feststellen können, ob das Kind die Anforderungen erfüllt oder noch Defizite aufweist. Zudem sei es für Eltern oft gar nicht so einfach, zu helfen, selbst wenn sie es wollten. „Manche Eltern haben noch ganz andere Lösungswege im Kopf als die, die in der Schule ihres Kindes angewendet werden. Zum Beispiel in Mathematik, das haben viele Eltern noch anders gelernt. In der Tafelrechnung der Multiplikation etwa, da gibt es so viele richtige Wege, sie durchzuführen. Wenn die Kinder einen anderen Weg lernen als den, den die Eltern kennen, kann das zu Unruhe führen.“

 Bei den Hausaufgaben ist die Kreativität der Lehrerinnen und Lehrer gefragt.
Valérie Kemp, Grundschullehrerin

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Solche Probleme löse man am besten mit Kommunikation, sagt die Wissenschaftlerin. Eltern sollten ihren Kindern zuhören und sich erklären lassen, was sie in der Schule gelernt haben. Damit gehen sie nicht nur Missverständnissen aus dem Weg, sondern zeigen echtes Interesse an dem Alltag und den Aufgaben ihrer Kinder, ohne ihnen alles vorzukauen. Aber auch die Kommunikation zwischen Eltern und Lehrern sei wichtig, betont Valérie Kemp. „Wenn die gut läuft, kann das dazu beitragen, dass die Kinder bessere Leistungen erzielen. Das belegen Studien.“ Hausaufgabenbüchlein, Elternabende, schriftliche Nachrichten, persönliche Treffen beim Bringen oder Abholen – es gibt verschiedene Wege, sich mit den Lehrern auszutauschen, es muss nicht immer gleich die private Handynummer sein.

Ob Hausaufgaben prinzipiell sinnvoll sind oder eigentlich abgeschafft gehörten, wird immer wieder diskutiert. Gerade erst lief eine Petition, die forderte, Hausaufgaben in der Grundschule abzuschaffen. Von den erforderlichen 4.500 erhielt der Aufruf lediglich 130 Unterschriften. Die Forderung wird also von der breiten Masse nicht unterstützt. Valérie Kemp findet es richtig, dass Hausaufgaben verteilt werden. Sie sieht es als Teil des Bildungsauftrags, Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen. Mit den Hausaufgaben erhielten Kinder die Chance, sich in Ruhe und im eigenen Rhythmus mit einem Thema auseinanderzusetzen.
Außerdem böten Hausaufgaben Möglichkeiten, die in der Schule nicht vorhanden sind. „Da ist aber die Kreativität der Lehrer und Lehrerinnen gefragt. Eine Hausarbeit muss ja nicht notwendigerweise ein Arbeitsblatt sein, sondern kann eine Aufgabe sein, die man nur zu Hause erledigen kann. Zum Beispiel: ‚Guck mal, wo du zu Hause etwas Geschriebenes findest und mach davon Fotos.‘ Oder für Mathe: ‚Bring unterschiedliche Kugeln von zu Hause mit.‘ Oder ähnliches. Hausaufgaben sind meist negativ konnotiert, aber sie können auch spannend sein und Spaß machen. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.“

Selbst unterschiedliche Hausaufgaben für verschiedene Kinder sind für Valérie Kemp vorstellbar. Je nachdem, was Kinder leisten können oder wie viel Zeit sie haben. Darauf können Lehrer reagieren, sie kennen ihre Schülerinnen und Schüler. Diese Idee der Differenzierung, nicht nur bei den Hausaufgaben, sondern generell im Unterricht, ist nicht neu. Ob sie häufig umgesetzt wird, ist eine andere Frage. Wer heutzutage ein Lehramt studiert, kommt da allerdings nicht drum herum. Differenzierung gehört zur Basis der Unterrichtsplanung.

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Manche Lehrer geben als Hausaufgabe auf, alles, was in der Schule nicht erledigt wurde, zu Hause zu machen. Für Valérie Kemp eine sinnlose Aufgabe. „Das kommt einer Bestrafung gleich, es bringt den Kindern nichts Zusätzliches. Die bestehenden Unterschiede werden verstärkt, die schnellen und guten Schüler werden belohnt und haben Zeit für andere Dinge oder noch mehr Lernen, und die anderen sind die ganze Zeit dabei, aufzuarbeiten.“
Tipps für Kinder, die sehr viel Zeit brauchen oder keine Lust haben, hat die Doktorandin auch: „Hausaufgaben sind Übungssache, durch Übung wird man schneller. Wichtig ist, zwischendurch auch mal eine Pause und etwas ganz anderes zu machen. Und zur Motivation kann helfen, mit den Kindern darüber zu reden, warum die Hausaufgaben so wichtig sind. Wenn Eltern allerdings zu viel insistieren, kann das zu Konflikten führen. Für solche Kinder kann Nachhilfe eine gute Möglichkeit sein mit einer neutralen Person, vielleicht auch an einem anderen ruhigen Ort ohne Ablenkung.“

Haben Kinder allerdings große Schwierigkeiten mit dem Erledigen der Hausaufgaben, weil sie die Aufgaben nicht verstehen oder nicht wissen, welche Lösungswege sie gehen sollen, sollte das dem Lehrpersonal mitgeteilt werden. Denn eigentlich sollten alle Hausaufgaben so gestellt werden, dass sie mach- und lösbar sind. Ohne Hilfe von Eltern oder Nachhilfelehrern. Denn nicht alle Kinder haben Eltern, die mit ihnen lernen oder Nachhilfe bezahlen können. Gute Hausaufgaben sollten so sein, dass die Kinder sie allein machen können.

Fotos: Uni Luxemburg, Pixabay

Heike Bucher

Journalistin

Ressort: Wissen

Author: Dario Herold

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