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Books to read

web_41gkF3OTzdL-KopieDebüt

Was für ein Erstlingswerk! Wie ein Befreiungsschlag! „Je m’appelle Fatima“, wie die Tochter des Propheten Mohammed, heißt es in „La Petite Dernière“ immer wieder. Fatima ist eine in Frankreich geborene Muslimin, und sie liebt Frauen. Sie kommt als Nachzüglerin und einzige Tochter zur Welt und wächst in der Pariser Banlieue Clichy auf. Liebe und Sexualität sind in ihrer Familie ein Tabu, in der Schule ist Fatima vorlaut. Sie fühlt sich nicht wohl in ihrer Haut, hängt lieber mit den Jungs herum. Dann trifft sie Nina. Eine Frau zu lieben bringt sie in Konflikt mit ihrer Familie und Religion. Und mit sich selbst. Fatima Daas ist das Pseudonym der 1995 geborenen Autorin, die sich in dem Debütroman, der im Mai beim Ullstein Verlag unter dem Titel „Die jüngste Tochter“ auch auf Deutsch erscheint, mit ihrer algerischen Herkunft, ihrem Glauben und ihrer Homosexualität auseinandersetzt. Sprachgewaltig bringt sie diese Zerrissenheit zum Ausdruck. Das Buch wurde vergangenes Jahr in Frankreich begeistert aufgenommen.
Bei Noir Blanc, 16 Euro.

web_Identitti-KopieIronie

Wieder ein Debüt! Und wieder eine Identitätssuche, dieses Mal aber besonders knallig und komisch. Dabei geht es um die gefeierte antirassistische Starprofessorin Saraswati, Talkshowgast und die ihre Herkunft unterschlagen hat. Das führt zu einem Skandal. Für die Studentin Nivedita, wie die Autorin Mithu Sanyal in Düsseldorf Oberblik geboren, mit indischem Vater und einem Faible für Identitätspolitik, bricht eine Welt zusammen, als herauskommt, dass Saraswati, die für sie eine Art Ersatzmutter ist, aus einer ziemlich weißen Karlsruher Zahnarztfamilie stammt, sich einem chirurgischen Eingriff und einer Hormonbehandlung unterzogen hat, um eine dunklere Haut zu bekommen. Die 1971 geborene Sanyal war bisher als Autorin von Beiträgen in der taz oder The Guardian sowie von Sachbüchern bekannt. Nun ist ihr mit „Identitti“ ein erster belletristischer Paukenschlag gelungen.
Bei Hanser, 22 Euro.

web_Ministerium-der-Traume-KopieProvokation

Aller guten Debütromane sind drei. Hengameh Yaghoobifarah ist eine Provokation. Es heißt, sie disse die Mehrheitsgesellschaft. Diese kriegt in ihrer taz-Kolumne regelmäßig einen vor den Latz geknallt. Letztes Jahr hat Yaghoobifarah, nicht binär und Kind iranischer Einwanderer, sich wegen ihrer Polemik gegen die Polizei – im Zuge der weltweiten „Black Lives Matter“-Proteste – fast eine Anzeige der deutschen Polizeigewerkschaft und von Innenminister Horst Seehofer eingehandelt. In dem Buch „Ministerium der Träume“ begibt sich die queere Berliner Türsteherin Nasrin auf Deutschlandreise. Aus der Ich-Perspektive erzählt sie von den Auseinandersetzungen mit der übergriffigen Mutter und von ihrer Kindheit in Teheran. Rückblenden und Erinnerungsfetzen unterbrechen die Handlung, die mit der Nachricht vom tödlichen Autounfall von Nasrins jüngerer Schwester einsetzt. Es beginnt eine Abenteuergeschichte, verpackt in einem Entwicklungsroman, teils comicartig verzerrt und überdreht, manchmal zu schrill und effekthascherisch, aber unglaublich temporeich und packend.
Beim Aufbau Verlag, 22 Euro.

web_Marzahn-KopieTaschenbuch

„Die mittleren Jahre, in denen du weder jung noch alt bist, sind verschwommene Jahre“, schreibt Katja Oskamp. Über diese Lebensphase hat die mittlerweile Fünfzigjährige, geboren in Leipzig, aufgewachsen in Berlin, einen Roman geschrieben. Nach Kurzgeschichten wie „Rolf und Mucki und so weiter“, der Erzählungssammlung „Halbschwimmer“ über eine DDR-Jugend sowie dem bissigen Eheroman „Die Staubfängerin“ stagnierte die literarische Entwicklung der Autorin etwas. Sie verlor an Biss, ihr Schaffen hatte Staub gefangen. Also wurde sie Fußpflegerin in Marzahn, der einst größten Plattenbausiedlung des Berliner Ostens. Sie begegnet dabei unzähligen Leuten und schreibt über die Begegnungen mit ihnen. Herausgekommen sind kleine Porträts, teils ungeheuer humorvoll und manchmal tieftraurig. Sie fügen sich in dem 143 Seiten langen Roman „Marzahn, mon amour“, der nun als Taschenbuch herausgekommen ist, zu einem Gesellschaftsporträt zusammen.
Bei Suhrkamp, 10,50 Euro.

web_Kreuzberg-KopieKrimi

Wolfgang Schorlaus „Kreuzberg Blues“ ist der zehnte Fall des Stuttgarter Privatdetektivs Georg Dengler, eines früheren Ermittlers des deutschen Bundeskriminalamtes. Von seiner Partnerin Olga lässt er sich dazu überreden, in Berlin den Machenschaften des Immobilienhais Sebastian Krögers auf die Spur zu gehen, der seine Mieter mit kriminellen Methoden rausekelt. Im Kreuzberger Häuserkampf geht es wie üblich um brisante politische Fragen. Sogar die Pandemie und die Querdenkerproteste hat Schorlau noch mit reingearbeitet. Selbst wenn es manchmal ein wenig zu klischeehaft nach Kiez aussieht, bewegt sich der vor 70 Jahren in Idar-Oberstein geborene Krimiautor, von dem mehrere Romane verfilmt wurden, mit seinem jüngsten Buch einmal mehr auf dem bewährten Niveau seiner politischen und gesellschaftskritischen Romane, mit viel Spannung und einer Prise Humor.
Bei Kiepenheuer, 22 Euro.

web_Les-crimes-KopieSachbuch

„Ceci n’est pas une pipe“, zitiert Jean Bour den belgischen Maler René Magritte. Genauso wenig ist Bours Buch „Les crimes devant les magistrats luxembourgeois“ ein Handbuch des Strafrechts, selbst wenn es darin einige Erklärungen gebe, wie der Staatsanwalt im Ruhestand erklärt. Auch sei es keine Autobiographie, selbst wenn es zahlreiche Bezüge zu realen Fällen aus dem reichen Erfahrungsschatz des Autors gibt. Auf 468 Seiten gibt Bour Einblick in die Geschichte und in die Arbeit der Kriminalkammer und erzählt aus seiner langen Berufserfahrung heraus. Er geht dabei auch der Frage nach der Faszination der Menschen für Kriminalfälle nach, beschäftigt sich mit der Rechtsmedizin ebenso wie mit dem Verschwinden von Menschen, mit dem Thema der häuslichen Gewalt und konkreten aufsehenerregenden Fällen wie der Affäre „Nancy Wolff“ und dem „Haller Mord“. Bours Buch ist aufschlussreich und spannend für Juristen ebenso wie für interessierte Nicht-Juristen und kann auch jeweils nach einzelnen Kapiteln gelesen werden. Und schließlich gibt es doch einiges Erhellendes über die dunkle Seite des Menschen: das Verbrechen.
Bei Editions Paul Bauler, 48 Euro.

web_Eurotrash-KopieAutofiktion

Sein Roman „Faserland“ war richtungsweisend. Christian Kracht beschäftigte sich in seinem Debütroman von 1995 mit dem Niedergang der bürgerlichen Gesellschaft der Nachkriegszeit und Identitätskrisen. „Eurotrash“ ist eine Fortsetzung und spielt wieder in der Schweiz. Der frühere Journalist, der für die „F.A.Z.“, „Tempo“ sowie als Indien-Korrespondent für den „Spiegel“ schrieb und als Schriftsteller viel reiste, um darüber zu schreiben, ist zu seinem Ursprung zurückgekehrt, nach Zürich. Der Ich-Erzähler, Kracht selbst, setzt sich mit der eigenen Familiengeschichte auseinander, mit der alkoholkranken Mutter und deren „Reaktorunglück ihres Lebens“, den Nazispuren in der Vergangenheit der Familie, dem Missbrauch, dem die Mutter, aber auch er selbst zum Opfer fielen. Die autofiktionale Selbstbespiegelung ist brillant geschrieben, faszinierend dekonstruiert. Sie ist ein Erinnerungskampf und eine Inszenierung der eigenen Autorenschaft zugleich. Alles in allem ein starkes Stück Literatur, weit gediehen, wenn auch nicht Krachts bester Wurf.
Bei Kiepenheuet & Wietsch, für 22 Euro.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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