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Buenos Aires – Eine Liebeserklärung

Eine Stadt, die niemals schläft. Buenos Aires ist für sein Nachtleben berühmt (wie hier im schicken, aber auch teuren Puerto Madero, im Hintergrund der Puente de la Mujer, die Frauenbrücke, von Santiago Calatrava). Dazu gehören: essen gehen um 22 Uhr oder später sowie Konzerte und Nightclubbing weit nach Mitternacht.

Eine Stadt, die niemals schläft. Buenos Aires ist für sein Nachtleben berühmt (wie hier im schicken, aber auch teuren Puerto Madero, im Hintergrund der Puente de la Mujer, die Frauenbrücke, von Santiago Calatrava). Dazu gehören: essen gehen um 22 Uhr oder später sowie Konzerte und Nightclubbing weit nach Mitternacht.

Die Stadt am Río de la Plata ist voller Mythen und Geschichten, ein Ort der Sehnsucht und der Träume, aber auch der enttäuschten Hoffnungen und der traurigen Vergangenheit und Wirklichkeit. Ein Rundgang durch die argentinische Metropole.

Ich kann mich noch ganz genau an meine ersten Stunden in Buenos Aires erinnern. Es war ein Tag im Oktober vor 28 Jahren. Aus dem europäischen Herbst kommend, war ich im südamerikanischen Frühling gelandet, in einer auf den ersten Blick europäischen Stadt, aber doch irgendwie anders – eben im Süden. In der Calle Lavalle im Zentrum, direkt in der Fußgängerzone, hatte ich eine Absteige gefunden, über eine steile Treppe erreichbar und mit einer schlecht beleuchteten Rezeption, an der ein mürrischer alter Mann mit Halbglatze saß. Mein Zimmer bestand aus einem großen Bett, einem Nachttisch und einem Stuhl sowie vier blau gestrichenen Wänden ohne Fenster. Mein Plan war, mich so selten wie möglich in diesem Raum aufzuhalten, an dessen Decke sich ein Ventilator drehte.

Teatro Colón

Teatro Colón

Nachdem ich die Fußgängerzone betreten hatte, ließ ich mich von der Menschenmenge treiben, vorbei an Straßenhändlern, die mit gellender Stimme ihre Ware anpriesen, und Losverkäufern, die um die Wette schrien. Meine erste Mahlzeit war ein Choripán mit einer fettspritzenden Wurst in einem Brötchen. Nur ein paar Minuten vergingen im Strom der Menschenmasse und ich stand vor dem Obelisken, jenem 1936 von dem deutschstämmigen Architekten und späteren Bürgermeister Alberto Prebisch errichteten Wahrzeichen, das übrigens begehbar ist, auf der Avenida 9 de Julio, der wichtigsten Verkehrsader, die durch die Metropole führt und die oftmals als die breiteste Straße der Welt bezeichnet wird.

Die Madres de Plaza de Mayo erinnern an die Schrecken der Diktatur.

Die Madres de Plaza de Mayo erinnern an die Schrecken der Diktatur.

Ich folgte weiter dem Hauptstrom, spürte den pulsierenden Rhythmus, der mich vorwärts trieb in die Avenida Corrientes, den Broadway von Buenos Aires mit seinen großen Theatern und Showbühnen. Das Gran Rex, ebenso von Prebisch entworfen, in den 1930er Jahren zuerst als Kino eröffnet und dann zu einer der größten Konzerthallen der Stadt umfunktioniert, für Künstler wie Charles Aznavour, Bob Dylan und Bands wie Jethro Tull. Im 150 Jahre alten Teatro Ópera trat einst Edith Piaf auf. Ganz zu schweigen vom Centro Cultural General San Martín mit mehreren großen und kleinen Bühnen und Ausstellungsräumen.

_Z725516Gegenüber war die Bar Astral mein erstes jener unzähligen Cafés an dem Boulevard, wie die Cafetería Giralda aus dem Jahr 1930, wo es die beste heiße Schokolade und die besten Churros der Stadt geben soll, oder das Café La Paz, 1944 eröffnet und Treffpunkt von Intellektuellen wie Rodolfo Walsh, des von den Schergen der Militärdiktatur (1976-1983) ermordeten Schriftstellers. Altmodisch und schmucklos im Stil, aber ein zeitlos scheinender Überlebender der schrecklichsten Jahre, die das Land je erlebt hat, hat es zuletzt die Corona-Pandemie nicht überlebt und ist seit einigen Monaten geschlossen. Immerhin hat das Giralda seit August wieder geöffnet.

Die Stadt erstrahlt im Frühling im lilafarbenen Meer der Jacaranda-Blüten.

Drehen wir die Uhr auf dem Torre Monumental um mehr als zwei Jahrzehnte vor, der einstige Torre de los Ingleses war ein Geschenk der englischstämmigen Argentinier: Der Turm wurde 1982 umbenannt, nachdem Argentinien gegen die Briten den Falklandkrieg verloren hatten. Ich hätte gedacht, der Zahn der Zeit und die unzähligen Wirtschaftskrisen, die das Land in Richtung Staatspleite getrieben haben, hätten an der Stadt genagt. Doch sie erscheint mir noch schöner, und die herrlichen Jacaranda-Bäume blühen noch wundervoller im Oktober, wenn die Metropole in einem lila Farbenmeer erstrahlt.

Man kann die Corrientes eine gefühlte Ewigkeit weitergehen – dabei hat man mir einmal gesagt, die nicht weit entfernte Calle Rivadavia sei die längste Straße der Stadt, über 35 Kilometer weit führt sie raus in den Vorort Merlo. Überhaupt enden die langen Verkehrswege der Stadt irgendwo draußen in der Pampa. Provinz und Metropole, das sind in Argentinien zwei Gegensätze, die sich anziehen, die sich hassen und lieben. Der große Dichter Jorge Luis Borges hat darüber geschrieben, über die Messerstechereien der Vorstädte und die intellektuellen Wortgefechte der Poeten und Romanciers, der Philosophen und Künstler, ganz im Kontext der zwei sich bekriegenden Schriftstellerschulen, benannt nach der Flaniermeile Florida und dem alten Arbeiter- und späteren Bohème-Viertel Boedo.*

(* Die Literatur und Buenos Aires haben sich gegenseitig geprägt, noch immer gibt es zahlreiche Buchhandlungen wie das Ateneo Grand Splendid im Stadtviertel Recoleta. Dem Autor dieser Zeilen sind hingegen das Libros del Pasaje und das Eterna Cadencia im Viertel Palermo lieber.)

Café- und Kneipenkultur: El Hipopotamo in San Telmo.

Café- und Kneipenkultur: El Hipopotamo in San Telmo.

Oder man geht die Querstraße Avenida Callao in Richtung Kongresspalast. An der gegenüberliegenden Ecke befand sich früher die Confitería del Molino, in einem noch heute zu bewundernden Gebäude mit einem Eckturm, der mit Buntglasfenstern und Windmühlenflügeln versehen war. Die Konditorei ist leider schon lange geschlossen. Von dem Kongresspalast führt die prächtige baumbestandene Allee Avenida de Mayo bis zur Casa Rosada, dem rosafarbenen Präsidentenpalast, von dem einst Präsident Juan Domingo Perón und seine kultisch verehrte Frau Evita Perón zu den Massen sprachen. Ihre Anhänger waren die armen Descamisados, die Hemdlosen. Die peronistische Bewegung und ihre sogenannte Gerechtigkeitspartei gibt es noch heute. An ihrem Populismus scheiden sich die Geister. Heute sind sie wieder an der Macht, mit Präsident Alberto Fernández und der mächtigen Vize- und Ex-Präsidentin Cristina Kirchner. Sie war die Ehefrau ihres Vorgängers als Staatschef Néstor Kirchner, wegen seiner patagonischen Heimat „Pinguin“ genannt.

Die Peronisten haben die Geschichte Argentiniens seit den 1940er Jahren geprägt. Der Mussolini-Bewunderer Perón hatte eine der wichtigsten populistischen Bewegungen Lateinamerikas, wenn nicht sogar der Welt ins Leben gerufen. Die heutigen Linksperonisten um Cristina Kirchner berufen sich auf den Kampf der Menschenrechtsbewegungen gegen die Diktatur, während der nach Schätzungen etwa 30.000 Menschen verschleppt und ermordet wurden. Die „Madres de Plaza de Mayo“, die Mütter und Großmütter des Maiplatzes, treffen sich noch heute an jedem Donnerstag auf dem Platz vor dem Präsidentenpalast, um ihrer „verschwundenen“ Kinder zu gedenken. Ihr Symbol ist das weiße Kopftuch. Einer der Foltergeneräle hatte einmal gesagt: „Erst werden wir alle Subversiven töten, dann ihre Kollaborateure, danach ihre Sympathisanten, dann die Unentschlossenen und schließlich die Zaghaften.“ An die Schrecken des Regimes erinnert heute ein Museum im ehemaligen Folterzentrum „Escuela de Mecánica de la Armada“ in der Avenida del Libertador.

Die Buchhandlung Ateneo Grand Splendid.

Die Buchhandlung Ateneo Grand Splendid.

Folgt man der Avenida de Mayo, landet man unzählige Cuadras (Häuserblöcke) weiter irgendwann mal in Boedo. Der Straßenecke San Juan und Boedo ist der berühmte Tango „Sur“ von Anibal Troilo und Homero Manzi gewidmet. Heute ist dort ein Café nach Manzi benannt, ebenso gibt es dort ein Kulturzentrum mit Theater. Überhaupt atmet die Stadt an vielen Orten noch den Tango, auch wenn er musikalisch überholt wurde vom Rock der 70er und 80er und danach von der Cumbia der kolumbianischen Einwanderer, touristisch ausgeschlachtet wie die Rinder in den Schlachthöfen von Mataderos, einem Vorort im Ballungsraum Gran Buenos Aires, der sich um die Capital Federal, die Bundeshauptstadt, und zur Pampa sowie der „Provincia de Buenos Aires“ hin ausdehnt.

Die Provinz und die Stadt, das war auch schon mal ein Zwist, der im blutigen Konflikt zwischen seinen Föderalisten und den Unitariern mündete. Den Provinzlern ist der Porteño, der „Hafenbewohner“, wie die Einwohner der Hauptstadt genannt werden, ein aufgeblasener, eingebildeter Gockel, und im Gegenzug sind die Provinzler für die Porteños einfach Bauern und Gauchos – und ihr Umland höchstens einen Erholungsurlaub in den Ferien wert, eine Autofahrt an die Küste, eine Wallfahrt in den Pilgerort Luján oder einen Strandaufenthalt in Mar del Plata oder Villa Gesell. Für Porteños ist ihre Stadt der Nabel der Welt. Deren Besuchern empfiehlt es sich, einen Bus zu nehmen oder die Subte, wie die Metro genannt wird, oder eines der etwa 40.000 schwarz-gelben Taxis. Oder einfach möglichst viele Kilometer zu Fuß zurückzulegen, so wie ich es vor allem während meines ersten Aufenthalts tat, um die einzelnen Stadtviertel zu entdecken.

Plaza San Martín

Plaza San Martín

Ein touristisch geprägtes Stadtviertel ist San Telmo südlich des Zentrums mit seinen alten Häusern aus dem 19. Jahrhundert, rund um die Plaza Dorrego, wo sonntags ein großer Antiquitätenmarkt stattfindet und abends zahlreiche Tangolokale geöffnet sind. Aber auch dort gibt es eine ruhige Oase wie den Parque Lezama. An dieser Stelle soll 1536 der spanische Konquistador Pedro de Mendoza an Land gegangen sein und die Siedlung Santa Maria de Buen Ayre gegründet haben. Er wurde von indigenen Stämmen wieder verjagt. Ein Pavillon, zahlreiche Skulpturen, die von hier aus sichtbare russisch-orthodoxe Kirche und vor allem die schon genannten Jacaranda-Bäume, die unter anderem auch im Zentrum an der Plaza San Martín am Ende der Shoppingmeile Calle Florida mit anderen riesigen und teils bizarren Baumsorten zu bestaunen sind.

Die Boca ist nicht nur ein Touristenmagnet, sondern auch Heimat eines der berühmtesten Fußballclubs.

La Boca

La Boca

Es gibt noch andere schöne Parks in Buenos Aires, vorneweg der Parque Centenario, 1910 zur Hundertjahrfeier der Mai-Revolution kreisförmig angelegt, aber auch der Parque Tres de Febrero, der Jardín Botánico oder der Jardín Japonés, die zusammen die Wälder von Palermo, des gleichnamigen Stadtviertels, genannt werden. Am besten gefällt mir persönlich der Parque Lezama. Von dort ist es nicht weit zur Boca, dem berühmten Hafenviertel mit seinen bunt bemalten, teils aus dem Blech abgewrackter Schiffe gebauten Häusern, Heimstätte des Fußballclubs Boca Juniors und seines berühmten Stadions Bombonera, der Pralinenschachtel. Der Stadtteil war im 19. Jahrhundert einst von italienischen Einwanderern gegründet wurden, vornehmlich aus Genua, weshalb die Boca-Fans sich heute noch „Xeneizes“ nennen, die Genuesen. Während die Boca Juniors als der Verein der Arbeiter gilt, wird der große Rivale River Plate im bürgerlichen Norden als „Millonarios“ verschrien. Norden und Süden der Hauptstadt, wieder fundamentale Gegensätze, die Buenos Aires prägen. Der Dichter Borges war im Stadtteil Palermo zu Hause, hier wohnte auch zumindest eine Zeit lang Che Guevara. Typisch sind die aus dem 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stammenden ein- und zweistöckigen Häuser, die unzähligen Café, Restaurants und Boutiquen. Palermo ist sowohl schick als auch alternativ, bürgerlich und künstlerisch, eben Palermo Viejo und Alto Palermo, das aufgrund seiner hohen Dichte an Psychiatern, Psychologen und Psychotherapeuten „Villa Freud“ genannt wird – und Palermo Hollywood, der Name sagt alles. Angrenzend befindet sich Recoleta, ein wohlhabendes Wohn- und Geschäftsviertel mit der Nationalbibliothek, deren Direktor Borges lange Zeit war, und dem Museo de las Bellas Artes sowie dem berühmten Friedhof, auf dem neben anderen großen Persönlichkeiten Evita Perón ihre Grabstätte hat. Nicht zu vergessen das Cafe La Biela, das vor allem wegen seiner Juan-Manuel-Fangio-Devotionalien bekannt ist, aber auch Treffpunkt von Borges mit seinem Literatenfreund Adolfo Bioy Casares war.

Markthalle in San Telmo

Markthalle in San Telmo

Parque Lezama

Parque Lezama

„Die Straßen von Buenos Aires sind längst mein Innerstes“, schrieb Borges einmal. Das könnte auch ich behaupten. Der Wohlklang der Straßennamen ruft schöne Erinnerungen hervor: Maipú, Suipacha, Talcahuano, Chacabuco,… Aus der Absteige in der Calle Lavalle mit dem Zimmer ohne Fenster war ich bald ausgezogen. Achtmal war ich in Buenos Aires, zweimal habe ich dort längere Zeit bei Freunden verbracht, habe in dem jüdisch geprägten Stadtteil Villa Crespo sowie in Palermo gewohnt, immer wieder viele verschiedene Menschen kennengelernt, die mir in Erinnerung bleiben, einen Schach spielenden Taxifahrer, der in seinem Kofferraum die Bücher von Dostojewskij hatte, eine Kunsthandwerkerin, die ihr Jura-Studium aufgebeben hatte, einen unbekannten Poeten, der als „Cartonero“ angefangen hatte, als Kartonsammler, einen Kioskverkäufer mit Opernsängerausbildung, der immer davon träumte, einmal im berühmten Teatro Colón aufzutreten. So flanierte ich durch die Stadt und habe sie auf meinen Streifzügen immer neu entdeckt – und habe sie nie wirklich verlassen.

Text: Stefan Kunzmann // Fotos: Georges Noesen

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Im Jahr 2020 lebten 42 Prozent der Argentinier in Armut, mehr als zehn Prozent sind von extremer Armut betroffen. (Quelle: nat. Statistikinstitut Indec). Die Corona-Krise und ein monatelanger, strenger Lockdown haben die soziale Krise verschärft.

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Demonstrationen gehören zum Alltag in der argentinischen Hauptstadt.

Author: Philippe Reuter

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