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Can’t go back

Das Malen hat einstweilen Pause. Im Mittelpunkt von Steve Reiffers Leben als Künstler steht erneut die Musik. Und diesmal wandert er auf Solopfaden.

Ein Tag hat genau 1.440 Minuten. Und in jeder Minute verarbeitet das menschliche Gehirn eine Unmenge an Sinnesinformationen. Wir unterhalten uns mit dem Briefträger, unseren Kindern oder Freunden. Wir sammeln immerzu neue Erfahrungen und erinnern uns an Vergangenes. Sogar im Schlaf kommt unser Kopf nicht zur Ruhe. Weshalb wir dankbar für diese Prozesse sein sollten, merken wir meist erst, wenn uns unser Gedächtnis im Stich lässt oder wenn wir mental überfordert sind. Was in dieser etwas eigenartigen Zeit (leider) der Fall ist.

Wenn wir in zehn oder 20 Jahren an die Covid-19-Pandemie zurückdenken, werden wir uns wahrscheinlich vor allem daran erinnern, uns ständig die Hände gewaschen oder mit Desinfektionsmittel eingeschmiert zu haben. Dass Begegnungen nur auf Distanz stattfinden durften – wenn überhaupt. Und dass viele – im Namen einer gewissen Korrektheit – ihren Humor verloren haben. Ich hingegen möchte mich an Menschen erinnern, die mir die neue Normalität mit viel Kreativität versüßt haben. Anne Faber, zum Beispiel. Ihr habe ich während des Lockdown meine (bis dahin nie vorhandene) Lust am Kochen zu verdanken. Oder Steve Reiffers. Er findet in der Bleift doheem-Phase zu seiner ersten großen Liebe zurück: die Musik. Und entpuppt sich dabei als ein schlauer Stadtfuchs. Soll heißen, dass er sich den neuen Umständen nicht nur anpasst, sondern davon profitiert. Das ehemalige Mitglied der Band Crodiies tut, was zu tun ist, wenn Konzerte nicht möglich sind: Er arbeitet zu Hause. Nach seiner ersten Single „Next to you“ mit Sängerin Audrey Callahan aus San Diego wird er Mitte Januar seine zweite Single als Solokünstler veröffentlichen.

Steve Reiffers vergleicht das Musikkomponieren gern mit einem Puzzlespiel.
Jedes einzelne Element muss perfekt passen.

„I Can’t go back, no there’s no going back, to how I was before, how I was before“, heißt es in „Can’t go back“. Der Text stammt von Ben Botfield. „Ech sinn op Youtube op hien opmierksam ginn. Hien ass e professionellen Museker. Ech hunn him meng Kompositioun an d’Gesangsmelodie gescheckt, an hien huet dunn a Wieder genee dat op de Punkt bruecht, wat mir wichteg ass.“ Und das wäre? Man soll nicht ständig seine Gedanken in der Vergangenheit schweifen lassen, sondern nach vorne schauen. Die Zukunft kann man anders gestalten, die Vergangenheit jedoch nicht. Klingt leicht hobbyphilosophisch, aber in unsicheren Zeiten sind Geschichten, wie sie der Alltag gerade nicht schreibt, durchaus willkommen. Müsste Steve Reiffers ein Haus bauen, würde er bewusst keine krummen Mauern ziehen, um seine Kreativität auf die Probe zu stellen. Vielmehr würde er das Projekt von Anfang an so in Angriff nehmen, dass am Ende ein harmonisches Ganzes entsteht.

Ein guter Song ist für ihn nämlich nur dann wirklich gut, wenn er auch ohne Bandarrangement und selbst mit einer verstimmten Gitarrenbegleitung perfekt klingt. Und so drängt sich ein weiterer Vergleich auf. Wie ein Gastwirt, der Wert darauf legt, dass sich seine Kunden wie Könige fühlen und das Essen ihnen schmeckt, möchte Steve Reiffers, dass sich der Hörer in seiner Musik wohl und willkommen fühlt. Man muss nicht das Gleiche erlebt haben wie er, um zu wissen und zu verstehen, was er zum Ausdruck bringen will. Und um das Feuer knistern zu hören, das einem am Ende das Gefühl gibt, es gehe ausschließlich um einen selbst.

Foto: Steve Reiffers

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Erhältlich auf den üblichen Online-Portalen.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Dario Herold

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