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Das Alter lebensecht simulieren

Wie fühlt sich alt sein an? Wenn die einfachen Gesten des Alltags zur Herausforderung werden. Ein Alterssimulationsanzug ermöglicht es, sich in die körperliche Lage eines Senioren zu versetzen. revue hat das gerontologische Gewand getestet.

Alt wollen wir alle werden, das ist ja klar. Nur wollen wir uns nicht alt fühlen. Das ist der Unterschied. Denn es ist ja eigentlich nicht das Alter, das vielen von uns Angst macht, sondern die körperlichen Herausforderungen, die sich uns im Laufe der Jahre, wie nur schwer überschreitbare Hürden, in den Weg stellen. Wie fühlt es sich an, wenn die bis dahin eher banalen Gesten des Alltags zu einer echten Herausforderung werden? Das können auch Jüngere herausfinden. Nicht nur durch theoretische Kenntnisse, sondern auch in der Praxis.

„Dieser Anzug ist nur eine Simulation, doch er ist eine Annäherung an die Wirklichkeit“, möchte Jörg Bidinger, Verantwortlicher der Abteilung GEROPRO des GERO-Kompetenzzentrums für das Alter, von vornherein klarstellen. „Seine Anwendung ermöglicht es zum Beispiel, Mitarbeitern aus dem Pflegebereich, die körperliche Mobilität und die Wahrnehmung älterer Menschen besser zu verstehen. Sie sollen hellhöriger werden und ihr Verständnis für die Alltagsprobleme unserer Senioren erhöhen.“

 Eine Person, die den Alterssimulationsanzug trägt, fühlt sich mit großer Wahrscheinlichkeit wie ein Achtzigjähriger. 
Jörg Bidinger, Verantwortlicher der Abteilung GEROPRO des GERO-Kompetenzzentrums für das Alter

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Während Alain Brever, der Direktor vom GERO-Kompetenzzentrum für das Alter, die beiden großen Koffer öffnet, die diverse Teile des beeindruckenden Testanzugs enthalten, gibt er mir zu verstehen, dass nicht nur die Beweglichkeit, durch diverse Elemente, eingeschränkt wird, sondern auch die Wahrnehmung. „Einerseits wird die Mobilität, unter anderem durch Gewichte, beeinträchtigt. Anderseits die Sinne. Hören, Sehen und Fühlen werden mit Hilfe von Handschuhen, die das Greifvermögen einschränken, Brillen und Helmen, die diverse Sehschwächen simulieren, und Kopfhörern, die das Gehör dämpfen, beeinträchtigt.“

Während ich die ersten Gewichte an den Fuß- und Handgelenken befestigt bekomme, fällt mir dieses Sprichwort ein: „Man ist so alt, wie man sich fühlt.“ Wie alt werde ich mich denn dementsprechend jetzt fühlen? Ist das überhaupt definierbar oder nachvollziehbar? Das kommt mir alles sehr abstrakt vor. Die 10-Kilo-Weste drückt mir auf jeden Fall kräftig auf die Schultern und die Halskrause beeinträchtig meine Kopfbewegungen. Sehr angenehm fühlt sich das nicht an.

„Ein Mensch kann sich mit 60, 70 oder 80 Jahren alt fühlen“, weiß Jörg Bidinger. „Das ist schon sehr abstrakt. Wir können aber behaupten, dass eine Person, die den Alterssimulationsanzug trägt, sich mit großer Wahrscheinlichkeit wie ein Achtzigjähriger fühlt.“ „Wer rastet, der rostet“, fügt Direktor Brever hinzu. „Ein aktiver Lifestyle ist mit Sicherheit eine Bedingung für ein gutes Altern. Es ist wichtig, die Mobilität im Alter zu erhalten.“

Die Bandagen an den Ellenbogen und den Knien sitzen mittlerweile auch fest. Es fehlen nur noch die Kopfhörer und dieser beeindruckende Helm, der meine Sicht einschränkt. Jetzt bin ich startbereit.

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Mitten in der Hauptstadt wird mir plötzlich bewusst, wie sich alltägliche Situationen schlagartig ändern. Die Renovierungsarbeiten des „Knuedler“ machen es mir nicht leicht. Ständig blicke ich auf meine Schuhe, aus Angst zu stolpern. Es fällt mir schwer zu erkennen, wo sich Löcher im Pflaster befinden. Es ist alles wie verschwommen. Ich erschrecke, als plötzlich ein Arbeiter vor mir auftaucht. Ich hatte ihn weder kommen sehen noch gehört. Ich muss mich sehr konzentrieren, um ihn zu verstehen. „RoboCop“, meint er amüsiert. Mir ist nicht zum Lachen zumute. Meine Schultern schmerzen unter der Gewichtsbelastung und die wenigen Treppen, die ich beim Rathaus hochsteige, kosten mich jede Menge Energie. Die Gewichte an den Gelenken und an den Füßen fordern für jeden Schritt, jede Stufe eine körperliche Anstrengung. Ich komme mir so steif vor. Es fehlt mir auch an Stabilität. Dementsprechend muss ich mich am Handlauf festhalten. Die Gefahr, aus dem Gleichgewicht zu geraten, ist zu groß. Je näher wir uns der Tramhaltestelle am „Royal Hamilius“ im Schneckentempo nähern, steigt bei mir der Adrenalinspiegel. Zu viele Menschen, die ich nicht richtig erkennen kann. Immer diese Angst zu stolpern. Und zusätzlich kommen mir die vielen Geräusche, provoziert von zahlreichen Gesprächen und dem Straßenverkehr, dumpf vor. Wäre ich ganz auf mich allein gestellt, wäre ich jetzt mit Sicherheit überfordert. An der Haltestelle möchte ich den Fahrplan lesen, doch das ist unmöglich. Er ist in zu kleiner Schrift gedruckt. Es ist alles unscharf. Ich bräuchte eigentlich eine Lupe. Jetzt fällt mir plötzlich ein, dass ich meine Atemschutzmaske noch anziehen muss. Ich wühle lange Sekunden in meiner Tasche, bis ich sie endlich gefunden habe. Meine Hände fühlen sich so steif an und es fällt mir nicht leicht nach etwas zu greifen, aber erstaunlicherweise bekomme ich die Ohrgummis sofort beim ersten Versuch befestigt. Uff! Als endlich die Straßenbahn ankommt, beeile ich mich, so sehr es nur geht. Die Zeit läuft. Ich quäle mich durch die Leute, denn ich habe Angst, ich könne den Signalton, der das automatische Schließen der Türen ankündigt, zu überhören. Während der Fahrt ist es mir unmöglich die Ansagen zur nächsten Haltstelle zu verstehen. Lesen kann ich auch nichts. Würde ich mich hier nicht auskennen, wäre ich komplett verloren. Das ist schon erschreckend. Ich fühle mich wie abgeschottet von der Außenwelt. Das ist fast unheimlich. Ich habe das Gefühl, dass unsere Gesellschaft leider noch in vielen Bereichen nicht altersgerecht gestaltet ist. Auf jeden Fall ist noch reichlich Luft nach oben.

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„Genau aus diesem Grund ist uns diese Sensibilisierungsarbeit mit dem Alterssimulationsanzug sehr wichtig“, erklärt Alain Brever. „Es gibt zurzeit 120.000 Senioren hierzulande. Tendenz steigend. Dieser demokratische Wandel ist der Beweis, dass das Alter ein fester Bestandteil der Diversität unserer Gesellschaft ist. Daher ist es wichtig, auf dieser Ebene ein Verständnis zwischen jungen Leuten und Senioren zu schaffen. Unser Ziel ist es, mit dem Alterssimulationsanzug neue Zielgruppen zu erreichen. Nicht nur im Pflegebereich, sondern in allen Berufsgruppen, die in Kontakt mit älteren Menschen sind. Kassierer, Gemeindeangestellte, Flugbegleiter,… Uns ist wichtig, dass unsere Gesellschaft verständnisvoller wird, was das Alter angeht.“

 Uns ist wichtig, dass unsere Gesellschaft verständnisvoller wird, was das Alter angeht. 
Alain Brever, Direktor vom GERO-Kompetenzzentrum für das Alter (links)

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Nach einer Stunde bin ich körperlich am Ende. Verzweifelt suche ich in meiner Manteltasche nach meiner Geldbörse. Ich möchte mit meiner Kreditkarte Geld am Automaten abheben. Doch auch das wird mir nicht gelingen. Ich kann den Code auf der Tastatur nicht eingeben, denn es ist mir unmöglich zu entziffern, was auf den Tasten steht. Mit eingeschränkter Sicht ist auch das Lesen und das Verschicken von Kurznachrichten mit dem Handy unmöglich. Es erschreckt mich, dass ich das Telefon, das ich doch sonst mehrmals am Tag benutze, nicht mehr bedienen kann. Die einfachsten Dinge sind zu einer Herausforderung geworden. Fühlt das Alter sich tatsächlich so gewaltig anstrengend an oder war dieses Experiment vielleicht doch ein bisschen zu rasant?

„Mit dem Alter verhält man sich den verschiedenen Alltagssituationen gemäß und nimmt sich automatisch dementsprechend mehr Zeit“, beruhigt mich Alain Brever. „Man hält zum Beispiel die Lesebrille bereit, informiert sich im Voraus über den Fahrplan der Straßenbahn… Es ist eine Vorbereitung, die man mit dem Alter lernt, um sich der Lage besser anzupassen. Das ist normal. Wir altern ja nicht, wie beim Simulationsanzug, in nur wenigen Minuten. Das ist ein langsamer Prozess. Es gibt also keinen Grund, Angst vor dem Alter zu haben.“

Weitere Informationen:
GERO-Kompetenzzentrum für das Alter: www.gero.lu

Fotos: Philippe Reuter

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Dario Herold