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Das große Schniefen

40 Prozent der erwachsenen Luxemburger haben Allergien, Tendenz steigend. Viel unternehmen kann man dagegen zurzeit nicht, auch weil das Problem kaum ernst genommen wird. Über Nasenjucken, mangelndes Interesse und Küchentischweisheiten.

Den Ersten wird es schon in der Nase kitzeln, nein, es ist keine Einbildung, die Pollensaison ist in den Start- bzw. Nasenlöchern. Obwohl gerade noch Schnee lag, pusten Erlen ihre Sporen durch die Luft. Ja, es wird immer früher. Heuschnupfengeplagte können sich dank des Klimawandels auf längere Phasen der juckenden Augen sowie täglichen Allergietabletten und Nasensprays einstellen – und auch dank des europäischen Gesundheitssystems, doch dazu später.

PR2_4525-KopieZunächst einmal zum Küchentischtratsch. Spreche ich mit älteren Menschen über Allergien, heißt es meist, sowas hat es früher nicht gegeben. Zweiflerin von Berufs wegen, denke ich mir dann: Ich denke doch.

Markus Ollert muss es wissen. Er ist Professor für Immunologie und Allergologie am Luxembourg Institute of Health (LIH) – und Recht hat meine Oma. „40 Prozent der Erwachsenen bis 65 Jahre in Luxemburg sind von Allergien betroffen, so die European Health Survey von 2015.“ Man geht davon aus, dass 2025 über die Hälfte der EU-Bürger betroffen sein wird. Vor 30 Jahren waren es gerade mal 20 Prozent.

Woran liegt das? Die Weisheit der Omas offenbart: Die Kinder heutzutage spielen nicht genug im Dreck. Wie so oft hat sie Recht. Zwar haben einige Menschen eine genetische Veranlagung zu Allergien, Neurodermitis und Asthma, die Mehrheit jedoch nicht. „Vom ersten bis zum dritten Lebensjahr ist das Immunsystem modellierbar“, erklärt Markus Ollert. Wird es immer wieder herausgefordert, indem Kinder sich Reizen aus der Umwelt wie Schmutz und Bakterien aussetzen, lernt es, damit umzugehen. Auch Glück und gute Ernährung spielen eine Rolle. „Sind die Reize seltener, wird das System nicht ausreichend trainiert und es wird anfälliger.“

Um den Anstieg der Allergien zu stoppen, müsste man die Lebensweise massiv ändern.

Auch im Erwachsenenalter sorgen wir jedoch täglich dafür, unsere Allergien herauszukitzeln und zu verstärken. „Der Körper hat Barrieren: Haut, Lunge, Darm“, sagt Ollert. Werden diese Barrieren durchbrochen, gelangen Pollen hinein. „Wir zerstören die Barrieren durch unsere tägliche Praxis. Wir waschen uns zu viel, essen von Geschirr, an denen Reste von Spülmaschinentabs haften.“ Dringen die Pollen in die Haut ein, bilden sie dort Antikörper. „Wenn es schlecht läuft, bleiben diese Antikörper ein Leben lang und rufen immer wieder Immunreaktionen hervor. Auch wenn es sich nur um harmlose Birkenpartikel handelt, wehrt das Immunsystem die vermeintliche Gefahr ab.“ Zusätzlich zu den nervigen Augenrötungen erschöpft diese Anstrengung. Gleiches passiert in der Lunge, dort zerstören eingeatmete Autoabgase und Reifenabrieb, denen wir in der Stadt ausgesetzt sind, die Barrieren in der Lunge, sodass die Pollen hindurch kommen. Faserarme Ernährung – viel Protein und wenig komplexe Kohlenhydrate aus Nüssen oder Körnern – macht den Magen-Darm-Trakt auf die gleiche Weise angreifbar.

Um den Anstieg der Allergien zu stoppen, müsste man also die Lebensweise massiv ändern. “Das halte ich für unrealistisch“, sagt Ollert. „Daher muss man das therapeutisch angehen, vielleicht gegen Allergien impfen. Daran wird viel geforscht, unter anderem bei uns im LIH.” Bisher sind die Behandlungsmöglichkeiten begrenzt. Zwar gibt es Immunisierungstherapien. Dabei werden dem Patienten über Jahre hinweg steigende Konzentrationen des Allergens verabreicht, bis er eine Toleranz aufbaut. Doch die Wirksamkeit ist bei vielen Allergien sehr begrenzt und das Verfahren sehr aufwändig. „Wirklich geheilt wird bei den Pollen so nur ein kleiner Prozentsatz.”
Lediglich bei Allergien auf Insektenstiche können so etwa 90 Prozent der Patienten eine Toleranz aufbauen. Bis eine wirksame Therapie oder Impfung entwickelt sein wird, vergehen noch zehn bis 15 Jahre, schätzt Markus Ollert. Denn das Interesse von Politik und Investoren ist gering.

40 Prozent der Erwachsenen bis 65 Jahre in Luxemburg haben Allergien. Markus Ollert

François Hentges empfiehlt seinen Patienten mit Heuschnupfen also, „in den Wochen oder Monaten des Pollenfluges möglichst im Haus zu bleiben, nicht unbedingt mit dem Fahrrad übers Land zu fahren. Leichte Symptome kriegt man mit Medikamenten gut in den Griff.” Allergietabletten, Nasenspray, Augentropfen, Taschentücher und viel Frustrationstoleranz – das Survivalkit für Birkenallergiker im Mai.

François Hentges ist dienstältester Immunologe und Allergologe am CHL. Kommen Patienten mit Beschwerden zu ihm, muss er zunächst herausfinden, auf was genau sie allergisch reagieren. Wichtiges Indiz ist der Zeitpunkt. Seit 30 Jahren beobachtet der Arzt den Pollenflug in Luxemburg, die Ergebnisse der Messstationen werden auf der Webseite pollen.lu hochgeladen. Allergiker sehen, wann welche Pollen kommen, und können Medikamente vorbeugend einnehmen. Außerdem kann Hentges die infrage kommenden Allergene so eingrenzen. Fliegt gerade Erle, Birke oder Eiche? Doch Gräser? Auf Verdacht prüft er per Hauttest eine Reihe Allergene, die zeitlich in Frage kommen, und zusätzlich gleich andere Allergene mit, aus Früchten, Nüssen, Staubmilben. Denn wer eine Allergie hat, hat meist auch andere. In einem Bluttest geht es etwas genauer. So stellt er fest, ob gegen bestimmte Allergene Antikörper vorhanden sind.

PR1_8289-KopieMarkus Ollert hat in seinem Labor einen Kasten, der Hentges und seinen Patienten das Leben erleichtern könnte. In das Gerät schiebt er 300 Allergene auf einem Chip, mit einem Tropfen Blut, testet alle auf einen Schlag. „Hat man die Reaktion festgestellt, müsste der Patient auch bestimmte Symptome haben. So kann ein Arzt ganz spezifisch nach Symptomen fragen und sehr viel präziser vorgehen.“ Doch bisher kommt der Apparat in Westeuropa nur in Forschungseinrichtungen zum Gebrauch. Denn die Krankenkassen würden die Kosten nicht übernehmen. Allergien sind keine Priorität, weder in Diagnose noch Therapie. „Dabei wäre es langfristig sinnvoll“, meint Ollert. „Wenn Eltern nicht arbeiten gehen können, weil das Kind einen Asthmaanfall hat, kostet das die Volkswirtschaft Geld. Allergien betreffen vor allem Kinder und junge Menschen, die Zukunft und die arbeitende Bevölkerung. Wir möchten erreichen, dass die Politik und das Gesundheitsministerium unsere Ansätze unterstützen.“ Um den Ernst der Lage zu verdeutlichen, führen sie zurzeit eine erneute Studie in Luxemburg durch.

dreamstime_m_49546063-KopieDen machen auch Hentges Daten der letzten 30 Jahre deutlich. Sie zeigen einen klaren Aufwärts-Trend für Baumpollen. Die Frühblüher im Wald – Erlen, Hasel, Eschen, auch die verflixten Birken erwachen immer früher aus dem Winterschlaf, sodass Allergiker teilweise schon Ende Dezember Beschwerden haben. Die sind noch dazu stärker, weil auch die Anzahl ihrer Pollen größer ist. Auch die Gräser nutzen inzwischen den ganzen Sommer, von Mai bis Ende August. Mehr, stärker, länger. 

Text: Franziska Peschel // Fotos: Philippe Reuter, Pixabay, Alexander Raths (Dreamstime)

Author: Philippe Reuter

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