Zeit ist bekanntlich ein seltenes Gut. Zumindest war das so. Vor Corona. Doch jetzt ist ja alles ein bisschen anders. Warum also nicht ein PC-Spiel starten, für das Zeit benötigt wird. Viel Zeit.
Genre: Adventure // Studio: Studio Seufz // Publisher: Application Systems Heidelberg // Termin: erhältlich // Plattform: bei Steam für PC, Mac und Linux // Preis: 14,99 €
Mit „The Longing“, das seit Anfang März erhältlich ist, können Gamer sich in Geduld üben. Die Spielzeit läuft nämlich in Echtzeit. Mogeln, etwa den Ablauf beschleunigen, ist also nicht. Das Spielprinzip ist einfach: Tief unter der Erde lebt ein kleines schwarzes Männlein namens Schatten. Es ist, als letzter Diener des Königs, dazu verdonnert, 400 Tage lang über seinen Herrn zu wachen – in einem unterirdischen Höhlensystem. Ablenkung gibt es nur in Form von Malen, Lesen oder aber in den Höhlengängen umherlaufen und Ressourcen wie Kohle, Moos, Bücher, Kreide, Papier oder Einrichtungsgegenstände zu sammeln. Das Zimmer von Schatten kann so, nach und nach, zu einem gemütlichen Rückzugsort eingerichtet werden.
Immer gut sichtbar auf dem Bildschirm: eine Uhr. Und die macht es dem Männlein und auch dem Spieler manchmal schwer. Etwa dann, wenn der kleine Protagonist Stunden benötigt, um eine Halle zu durchqueren, oder aber Wochen darauf warten muss, dass sich kleine Gruben mit Wasser füllen, damit es diese überqueren kann. In Echtzeit, wohlgemerkt.
Nach 400 Tagen ist Game Over. Für alle.
Die musikalische Untermalung wirkt jedoch bedrückend und dass es sogar zu den gesammelten Kohlebrocken spricht, zeigt, wie einsam das Männlein ist. Das „Seufz“ am Ende so manch einer seiner Monologe, ist übrigens nicht nur ein Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, es ist auch ein Hinweis auf das Entwicklerstudio des Spiels, welches den Namen „Seufz“ trägt. Dieses wurde 2017 von Stefan Michel, Benedikt Hummel und Anselm Pyta gegründet, sie sind allesamt Absolventen der Filmakademie Baden-Württemberg. Ihr Ziel: einzigartige, emotionale Animationen und Games zu kreieren.
Mit „The Longing“ haben sie das wohl erreicht. Hektische Entscheidungen und stressige Abläufe gibt es in dem Spiel nicht. Der Grund: „Das Spiel behandelt im Kern die Gefühle der Einsamkeit und der titelgebenden Sehnsucht, die besonders in ihrer Verknüpfung mit der langen Dauer ihre emotionale Wirksamkeit entfalten“, wie die Entwickler erklären. Und so ist die Funktion, das Spiel in kleiner Auflösung laufen zu lassen, ziemlich praktisch. So können nebenher noch andere Aufgaben am PC bewältigt werden – und sorgt, das muss man dem Vorgesetzten ja nicht sagen – auch bei Home Office-Tätigkeiten für eine willkommene Abwechslung.

Was? Das ist alles? Wem nun diese Gedanken kommen: Ja, das ist alles. Fast. Denn eigentlich geht es um mehr. Beim Spielen wird einem bewusst, dass auch Langsamkeit ihren Reiz und Entschleunigung ihre Berechtigung hat. Der Anblick der schwarzen Figur mit den großen gelben Augen und der zotteligen Frisur, wie sie gemächlich umherläuft und Prunksäle, Höhlen und Labyrinthe erkundet – und immer wieder zum Ausdruck bringt, wie sehr es sich nach Gesellschaft sehnt – das hat auch irgendwie etwas Beruhigendes. Für Gamer, die normalerweise Ego-Shooter spielen, kann es ja vielleicht sogar etwas von Meditation haben. In Zeiten wie diesen, in denen Isolation und „Social Distancing“ quasi Alltag geworden sind, können wir das ja eigentlich alle gebrauchen. Und in 400 Tagen, wenn der König erwacht, kann es ja eigentlich nur besser sein.


