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„Das größte lösbare Problem“

Das Ziel einer Welt ohne Hunger ist durch die Corona-Krise weiter
in die Ferne gerückt. Der Friedensnobelpreis für das Welternährungs-programm stellt zumindest einen Hoffnungsschimmer dar.
Der Argentinier Martín Caparrós hat sich in seinem großartigen
Buch „Hunger“ mit dem Thema auseinandergesetzt.

„Drei Frauen waren um das Krankenlager versammelt: Großmutter, Mutter, Tante. Ich hatte eine Weile zugesehen, wie Mutter und Tante langsam die beiden Plastikteller, die drei Löffel, den rußigen Topf, den grünen Eimer zusammenpackten und alles der Großmutter übergaben. Die beiden nahmen die Decke, legten zwei, drei Hemdchen, ihre übrigen Habseligkeiten hinein und schnürten ein Bündel, das die Tante sich auf den Kopf setzte. Doch als die Tante sich über das Lager beugte, den Kleinen hochhob, ihn befremdet, ungläubig ansah und ihn der Mutter auf den Rücken legte, so wie Kinder in Afrika gewöhnlich auf den Rücken ihrer Mütter gelegt werden – die Beine und Arme gespreizt, die Brust gegen den Rücken gepresst, das Gesicht zur Seite gedreht –, und ihn mit einem Tuch festband, brach es mir das Herz. Der Kleine war an seinem angestammten Platz, bereit für den Heimweg, tot.“

Mit der Beschreibung dieser Begebenheit beginnt Martín Caparrós sein Buch „Hunger“: in einem Dorf irgendwo in Niger. Der Journalist und Schriftsteller bereiste dafür fünf Jahre lang mehrere Länder der Welt. Er ist dem Phänomen des Hungers, dem „größten lösbaren Problem der Welt“, auf den Grund gegangen, in Westafrika und Asien genauso wie in Nord- und Südamerika. „Ich war in all meiner Naivität zum ersten Mal mit dem Hunger in seiner extremsten Form konfrontiert“, schreibt er über seine Erlebnisse in Westafrika. Für seine Recherchen war er auch in Indien, der größten Demokratie der Welt, wo mehr Menschen hungern als in jedem anderen Land, aber auch in den USA, wo jeder dritte Einwohner unter Fettleibigkeit leidet, aber andererseits jeder sechste Probleme hat, sich ausreichend zu ernähren, wo beispielsweise an der Börse von Chicago mit Nahrungsmitteln spekuliert wird und auf der Straße die Menschenschlangen vor den Essensausgaben immer länger werden – und in seiner argentinischen Heimat, wo Nahrungsmittel für 300 Millionen Menschen produziert werden, aber sich zugleich viele Menschen kein Fleisch mehr leisten können.

Der 1957 in Buenos Aires geborene Caparrós ist ein beeindruckender Journalist. Als in Argentinien 1976 die Militärs putschten und eine der grausamsten Diktaturen Lateinamerikas errichteten, ging er nach Paris und studierte dort Geschichte. Unterdessen schrieb er für spanische und französische Zeitungen. Nach dem Ende des Militärregimes 1983 kehrte er nach Argentinien zurück und war unter anderem an der Gründung der legendären Tageszeitung „Página12“ beteiligt. Er verfasste Sachbücher ebenso wie Romane und wurde dafür mehrfach ausgezeichnet. Heute schreibt er regelmäßig für „El País“, für die „New York Times“ und für andere internationale Zeitungen. Als er mit den Recherchen für „El Hambre“ (Der Hunger) begann, wollte er die Mechanismen und Strukturen, die Ursachen und Folgen des Hungers verstehen und offenlegen. Daraus ist schließlich ein einzigartiges Buch geworden.

„Hunger ist ein erbärmliches Wort. Viertklassige Dichter, politische Hinterbänkler und alle möglichen leichtfertigen Schreiberlinge haben das Wort so inflationär verwendet, dass es verboten gehört. Doch stattdessen hat man es neutralisiert“, so Caparrós. Er nennt die unterschiedlichen Bedeutungen, die man dem Wort beimisst: „Lust und Notwendigkeit zu essen; Mangel an Grundnahrungsmitteln, der flächendeckend Entbehrung und Elend zur Folge hat; Appetit oder heißes Verlangen nach etwas.“ Der Autor weiß aber auch, dass es „sehr viel mehr bedeutet als das“ und dass „überkorrekte Fachleute und Bürokraten“ es gerne vermeiden. Sie sprechen von Unterernährung, Unterversorgung, Nahrungsunsicherheit. Die meisten Menschen, die aufgrund von Unterernährung sterben, kommen nicht bei Hungersnöten ums Leben, sondern durch den Hunger, den wir nicht sehen, weiß Caparrós. Vielen Menschen, von denen er erzählt, ist nicht einmal klar, dass sie Hunger leiden. Die gängige Vorstellung ist die von Kindern mit dünnen Ärmchen und einem aufgeblähten Bauch. Doch unterernährt zu sein, bedeutet in den meisten Fällen, nicht genügend Kalorien zu sich zu nehmen, was bedeutet, dass der Körper sich nicht mehr gegen selbst gewöhnliche Krankheiten wehren kann.

Erst kürzlich hat die Welthungerhilfe (WHH) wieder Alarm geschlagen. Und sie warnte vor der drastischen Zunahme von Armut und Hunger als Folge der Corona-Pandemie. Das Ziel der Vereinten Nationen jedenfalls, ein Planet ohne Hunger im Jahr 2030, rückt demnach in weite Ferne. Corona wirke wie „ein Brandbeschleuniger“, sagte die Präsidentin der Hilfsorganisation, Marlehn Thieme, am Montag letzter Woche bei der Vorstellung des Welthunger-Index 2020. „Armut und Hunger nehmen nach allen Prognosen stark zu“, so Thieme, „der Klimawandel verschlimmert die schwierige Lage der Menschen zusätzlich.“ Ende 2019 litten 690 Millionen Menschen in mehr als 50 Ländern unter chronischem Hunger, 135 Millionen standen angesichts der Pandemie vor einer akuten Ernährungskrise. Die Fortschritte im Kampf gegen den Hunger seien in Folge von Ungleichheit, bewaffneten Konflikten, Vertreibung und Klimawandel viel zu gering. Vor allem der „extrem unnachhaltige“ Anbau von Soja als Futtermittel schädige die Umwelt und das Klima. Im globalen Durchschnitt sei die Hungersituation zwar nur „mäßig“, urteilt WHH-Generalsekretär Mathias Mogge. Doch die Verknüpfung zwischen Hunger und Kriegen ist ein ständiger Teufelskreis.

Die Vergabe des Friedensnobelpreises an das UN-Welternährungsprogramm gibt zumindest Hoffnung. Es sei eine „Anerkennung des Kampfes gegen den Hunger als globale Herausforderung“, sagte Thieme. In Regionen wie in Afrika südlich der Sahara und in Südasien sei die Situation schon vor der Corona-Krise alarmierend gewesen. Dort sei jeder fünfte Mensch unterernährt und die Kindersterblichkeit außergewöhnlich hoch. Die Länder leiden zudem an Dürren, Überschwemmungen und Heuschreckenplagen. Insgesamt weisen 14 Länder höhere Hungerwerte auf als noch 2012. Dazu gehören Kenia, Mosambik, Jemen und Syrien, aber auch Venezuela. Besonders betroffen sind Frauen und Kinder, die Menschen auf dem Land mehr als die in den Städten. Immerhin gab es Fortschritte in Ländern wie Sierra Leone und Äthiopien.

Auch Martín Caparrós ist den Ursachen auf den Grund gegangen. In seinem Buch spricht er die gigantische Ungleichheit auf der Welt an, die ungleiche Verteilung der Nahrung zwischen der ersten Welt, wo 30 bis 50 Prozent der Lebensmittel weggeworfen werden und wo mit Nahrungsmitteln spekuliert wird wie mit Aktien, was wiederum die Preise in die Höhe getrieben hat. Und er fragt schließlich: „Wie zum Teufel können wir weiterleben, obwohl wir wissen, dass diese Dinge geschehen?“

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold

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