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Das Herz der EU

Wo Europa heute zu Hause ist, wurden in den 1960er Jahren noch Kartoffeln geerntet. Wie rasant sich das Luxemburger Stadtviertel Kirchberg entwickelt hat, zeigt die Sommerausstellung der Photothèque im Cercle Cité.

Fotos: Pierre Bertogne, Batty Fischer, Tony Trier, Théo Mey, Roger Obry, Marcel Schroeder, Marc Wilwert/alle Photothèque VdL

De Kierchbierg huet sech verännert, an en ass amgaang, sech ze veränneren, an e wäert sech an d’Zukunft weider veränneren.“ Wo Nachhaltigkeits- und Infrastrukturminister François Bausch Recht hat, hat er Recht. Als der weitgehend unabhängige „Fonds d‘urbanisation et d’aménagement du plateau de Kirchberg“ 1961 gegründet und mit der Planung des rund 360 Hektar großen Gebiets beauftragt wird, pflegen Gärtner auf Kirchberg noch ihre Gemüsebeete, grasen Kühe auf grünen Wiesen, ahnt niemand, dass auf dem stadtnahen Acker- und Weideland bald das Herz Europas schlagen wird.

1928 gründet Henri Nickels eine Sauerkrautfabrik auf Kirchberg, die bis zu 60 Tonnen Sauerkraut pro Jahr produziert.

1962 wird mit dem Bau der Autobahn begonnen. Vier Jahre später fahren die ersten Autos über den Pont Grande-Duchesse Charlotte, auch „Rout Bréck“ genannt. Gleichzeitig entsteht der erste Wolkenkratzer des Großherzogtums: das 22 Stockwerke hohe „Héichhaus“. Bis 2001 beherbergt das Bâtiment Alcide De Gasperi das Sekretariat des Europäischen Parlaments, seit April 2011 werden die unteren Stockwerke vom EU-Rat benutzt, während in den oberen Etagen rund 200 Mitarbeiter des Nachhaltigkeitsministeriums untergebracht sind.

Anfangs geht die Urbanisierung des Europa-Viertels recht zögerlich voran. Obwohl 1976 mit dem „Domaine du Kiem“ das erste Wohnviertel auf dem Plateau errichtet wird, gilt der Kirchberg bis in die 1980er Jahre als eine Verwaltungsenklave. Das wahre Leben spielt sich anderswo ab. Und so wird das bisherige Entwicklungskonzept radikal in Frage gestellt.

Neue Projekte orientieren sich am Vorbild der klassischen europäischen Stadt mit „durchmischten“ Vierteln, in denen man wohnen, arbeiten, einkaufen und ausgehen kann. Das anonyme Sammelsurium aus Beton, Glas und Stahl soll sich in einen lebendigen Stadtteil verwandeln. Erste Initiativen werden in den 1990er Jahren verwirklicht. Aus der Autobahntraße wird ein Boulevard. Grünzonen und Spazierwege werden angelegt. Die Kunst zieht auf Kirchberg ein. Nach und nach entsteht tatsächlich ein urbanes Viertel, in dem nach Feierabend nicht alle Lichter ausgehen.

Als der „Fonds Kirchberg“ 1961 gegründet wird, pflegen Gärtner auf Kirchberg noch ihre Gemüsebeete, grasen Kühe auf grünen Wiesen.

Mit der Ausstellung „Luxembourg – une histoire européenne, Kirchberg, porte de l’Europe“ zeichnet die Fotothek der Stadt Luxemburg die rasante Entwicklung des Kirchbergs anhand einer Auswahl von Bildern nach, die zwischen den 1930er Jahren und 2015 entstanden sind. Wer das Viertel, in dem zukünftig 15.000 Leute leben und 60.000 arbeiten werden, als grüne Wiese nicht gekannt hat, wird verblüfft sein über die historischen Aufnahmen von intakten Landschaften, dem gut besuchten „Café du Kirchberg“ und dem Porträt von Henri Nickels, der 1928 eine Sauerkrautfabrik auf Kirchberg gründet. Dennoch stimmt die Ausstellung keineswegs nostalgisch. Würden heute noch Kartoffeln und Weißkohl links und rechts vom Boulevard John F. Kennedy angebaut werden, gäbe es kein Mudam, keine Philharmonie, kein Utopolis, keine Coque, kein Messezentrum, keine Fachausstellungen, kein Europa-Herz…, kurzum: keine Zukunft.

Für Minister François Bausch war bei der Vorstellung der Bilanz 2014 des „Fonds Kirchberg“ vor allem wichtig, dass mit dem Baubeginn des CFL-Bahnhofs Pfaffenthal-Kirchberg und den Vorbereitungen für den Bau der Tramstrecke die Erschließung des Kirchbergs für den öffentlichen Personennahverkehr in großen Schritten voranschreitet. Bereits in zehn Jahren wird das Bild des Stadtviertels ein anderes sein. Hoch lebe demnach Premierminister Joseph Bech (1887-1975), der auf der CECA-Konferenz am 23. Juli 1952 in Paris, nach stundenlangen Gesprächen, meinte: „Ich schlage vor, dass wir sofort mit der Arbeit in Luxemburg beginnen, so dass uns ausreichend Zeit bleibt, über das nachzudenken, was folgen wird.“ Er wäre mit Sicherheit stolz auf das, was in 60 Jahren aus dem Kirchberg geworden ist.

Bis zum 13. September im hauptstädtischen Cercle Cité, täglich geöffnet von 10-19 Uhr, Eintritt frei.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Martine Decker

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