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Der Flippermechaniker

In seiner Werkstatt repariert und restauriert Stefan Fettes alte Flipper. Er bringt die Oldtimer-Automaten wieder zum Laufen, zur Freude von Sammlern und Nostalgikern. Der klassische Flipperautomat steht nämlich mehr denn je zuvor wieder im Rampenlicht.

Es blinkt und flackert in allen Ecken, begleitet von einem unbeschreiblichen Mix an Klingeln, Sirenen und anderen Soundeffekten, die an die unnachahmliche Atmosphäre einer Spielhalle der achtziger Jahre erinnern. Als habe man die Zeit zurückgedreht. Damals, als die Silberkugel der Flipperautomaten noch wie wild in den Kneipen rollte. Mit Sicherheit hat damals kein Automat mehr Stimmung in die Bude gebracht, als das farbenfrohe, flackernde Geschicklichkeitsspiel. Die Finger an den Knöpfen der Flipperhebel geklebt, war die Spannung auf dem Höhepunkt, wenn die alles entscheidende Metallkugel auf die Spielfläche katapultiert wurde. Es bimmelt, es klingelt, die Kugel wird von einem „Bumper“ zu den nächsten „Slingshots“ geschleudert. Auf dem Display steigt der Highscore in die Höhe. Der Adrenalinspiegel hat seinen Höhepunkt bereits erreicht, stimuliert von den akustischen und visuellen Effekten der Maschine. Bloß jetzt die Nerven nicht verlieren, sonst gibt es keinen „Extraball“, wenn die Kugel zwischen den Flipperhebeln ins Aus rast. Nein! Game Over!

„Meine Liebe und meine Leidenschaft für Flipper haben bereits vor 30 Jahren begonnen“, erinnert sich der heute 39-Jährige Stefan Fettes. „In unserem Keller befanden sich ein paar alte Flipperautomaten, die mein Vater mit viel Fingerspitzengefühl wieder zum Laufen gebracht hat.“ Er war von der ersten Sekunde an von diesen „Këschten“, wie er sie nennt, begeistert. Auch später im Gymnasium versucht der junge Schüler die Spielkugel zu bändigen, während seine Kameraden sich bereits für modernere Arcade-Automaten begeistern. Flippern sei eine Kunst, behaupten eingefleischte Fans. Es reicht nicht, nur mit den Fingern hastig auf den Knöpfen rumzuhauen.

Fingerspitzengefühl und Taktik sind angebracht. „Die Spielkugel lässt sich gezielt steuern, stoppen, passen, schießen. Das lernt man mit der Zeit“, meint Stefan mit ernstem Ton. Spieler und Maschine verschmelzen regelrecht ineinander.

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Der Flipperautomat, so wie wir ihn heute kennen, verdanken wir einem US-Amerikaner. Harry Mabs erfand kurz nach dem zweiten Weltkrieg die „Flipperfinger“, die es ermöglichen die Flipperhebel zu betätigen. Vor ihm hatte ein anderer Amerikaner, der Spieldesigner Montague Redgrave, sich 1871 am französischen „Jeu de Bagatelle“ inspiriert und den ersten Flipper entworfen. Es hatte nicht lange gedauert und das beliebte Geschicklichkeitsspiel mit der kleinen Metallkugel, eroberte auch Europa. Bis Ende der 90er Jahre erfreut sich der Flipper großer Beliebtheit, bis er plötzlich aus Kneipen und Bars spurlos verschwindet.

„Es gab keine Nachfrage mehr“, weiß der Flippermechaniker. „Die Leute haben sich nicht mehr dafür interessiert. Digitale Spielwelten waren anziehender und moderner. Dementsprechend gab es auf finanzieller Ebene keinen Grund mehr, für den Inhaber eines Lokals, eine derartige Maschine zu behalten.“

In seinem „Flipperkeller“ in Bissen stehen zwischen einigen Arcade-Automaten, Kickern und Münzschiebern ungefähr ein Dutzend Flipper, darunter auch einige Kultmodelle aus den Neunzigern. Indiana Jones, Terminator, Hulk Hogan, der bekannteste Wrestler der 1990er Jahre und natürlich das kultige Spielgerät inspiriert an der Addams Family. Für das letztere Modell gibt es eine große Nachfrage, verrät mir Stefan. „Mit mehr als 20.000 verkauften Automaten handelt es sich um das meist produzierte Modell weltweit. Dementsprechend ist auch die Nachfrage sehr groß. Sein Wert wird heute auf mehr als 8.000 Euro geschätzt.“

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Die Nostalgie und die starke Nachfrage haben in den letzten fünf Jahren die Preise steigen lassen. Der Flipper-Boom ist auf seinem Höhepunkt. Ein echter Jackpot. Zwischen tausend und 35.000 Euro müssen Sammler zahlen, um an die heißbegehrten Flipperautomaten zu kommen. So schnell hat sich das Rad in nur kurzer Zeit gedreht. Wenn das keine schöne Revanche ist.

„In den letzten fünf Jahren sind die Preise drastisch gestiegen“, betont der Flipperfan. „Ein weiterer Preissprung gab es während der Corona-Pandemie. Während des Lockdown haben die Leute nach neuen Freizeitbeschäftigungen Ausschau gehalten, in die sie ihr Geld investiert haben.“

 In den letzten fünf Jahren sind die Preise drastisch gestiegen. 
Stefan Fettes – Flipperkeller

Seit ungefähr fünf Jahren verbringt Stefan Fettes mehr Zeit in seinem Atelier, die Flipper-Oldtimer seiner Kunden auf Vordermann zu bringen, als die Kugel rollen zu lassen. Das ist aber für ihn kein Problem. Er habe sowieso mehr Spaß am Werkeln, meint er. Auf den ehemaligen Briefträger warten in einer Ecke der Werkstatt noch ein Dutzend Automaten auf eine sorgfältige Inspektion, beziehungsweise eine Reparatur. Eine solche Dienstleistung kann bis zu 1.200 Euro kosten. „Ich kann bis zu 30 Stunden an einem Flipper arbeiten. Das ist schon Präzisionsarbeit.“ Eine Lehre zum Flipperbauer habe er nicht gemacht. Er muss schmunzeln. „Es war ‚learning by doing‘.“ Aus dem Hobby wurde nach etlichen Jahren schlussendlich ein Traumjob. Das Geschäft läuft, denn zusätzlich verkauft Stefan Fettes die fast antiken Modelle, die er selbst im In- und Ausland erworben hat und anschließend restauriert hat. Eine hohe Nachfrage gab es besonders letztes Jahr, während des zweiten Lockdown. Im Dezember 2020 hat er bis zu 30 dieser Spielgeräte an den Mann gebracht. Unglaublich. „Sie kommen und sie gehen“, meint Stefan gelassen, wenn er über seine Ausstellungsmodelle berichtet. Als Sammler bezeichne er sich nicht. Nostalgisch sei er auch nicht. Den Flipperautomaten, aus einer vergangenen Epoche, ein zweites Leben schenken, das sei es, was ihm Freude bereitet, behauptet er ganz stolz.

Fotos: Philippe Reuter

Jérôme Beck

Journalist

Ressorts: Wissen, Lifestyle

Author: Dario Herold

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