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Der Gefühlsmensch

Gilles Braas hat in seiner Karriere schon viel erlebt. Mit uns spricht der Kapitän der Volleyballnationalmannschaft über seine Auslandsstationen, die familiäre Titeldiskussion und die Wichtigkeit des richtigen Umfelds.

Es spielt keine Rolle, wie dominant seine Mannschaft aufspielt. Gilles Braas reißt nach jedem Punktgewinn die Hände in die Höhe, gibt einen lautstarken Freudenschrei von sich und klatscht seine Mitspieler ab. Und mit Punktgewinnen kennen sie sich in Strassen aus. In dieser Saison hat der amtierende Meister erst einen Satz an die Konkurrenz abgegeben. Auch vor zwei Wochen, gegen Mitfavorit Lorentzweiler, hielten Braas und Co. den Gegner in Schach. In einem engen ersten Satz, beim Stand von 32:32, legte Braas zuerst zum Schmetterschlag für den Mitspieler auf. Wenige Sekunden später führte sein Aufschlag zum satzgewinnenden Block für Strassen.

„Du versuchst dich nicht mit dem Gegner zu messen, sondern mit den eigenen Fähigkeiten, der eigenen Leistung“, erwidert Braas die leicht provokante Frage, ob ein so einseitiger Meisterschaftsverlauf nicht langweilig sei. „Ich muss aber auch gestehen, dass ich in Luxemburg noch nie in einer besseren Mannschaft gespielt habe als hier in Strassen.“ Alles andere als das Double aus Meisterschaft und Pokal und die damit zusammenhängende Qualifikation für den Europacoup wäre eine Enttäuschung. Selbstverständlich ist das Gewinnen von Titeln für Braas – zumindest für Gilles – allerdings nicht. Anders als seine Schwester Nathalie (zehnfache Meisterin mit Walfer), wurde Gilles erst einmal Meister, und das war vergangene Saison. „Natürlich bedeutet mir der erste Titel sehr viel. Bei Familientreffen habe ich der Titelsammlung meiner Schwester jetzt immerhin etwas entgegenzusetzen“, erklärt er schmunzelnd. Doch selbst ganz ohne Titel wäre er mit seiner Karriere zufrieden.

20210530_Volley-Ball-Silver-League---Luxembourg-Autriche_39-KopieDas hat vor allem mit seiner Auslandserfahrung zu tun. Braas spielte in seiner Karriere zweimal im Ausland. 2012 beim deutschen Zweitligisten Coburg und 2017 beim Bundesligisten in Düren. Beide Male blieb es jedoch beim einjährigen Erlebnis – eine Tatsache, die auf den ersten Blick überrascht. „Bei Coburg war klar, dass ich nach einer Saison zurückkomme. Ich habe damals mein Erasmus-Semester gemacht und wusste, dass ich im nächsten Jahr wieder in Luxemburg studieren und auch dort spielen würde.“ Bei Düren wäre das Ganze etwas komplizierter gewesen. Eigentlich wollte der Verein den Luxemburger binden. Doch Braas hatte sich gerade eine Wohnung in Luxemburg gekauft und war finanziell an sein Einkommen als Lehrer gebunden. Die Finanzfrage in Kombination mit der Gewissheit, dass der Profi-Lebensstil ihn auf Dauer nicht glücklich gemacht hätte, brachten Braas 2018 zurück nach Luxemburg. „Wenn du Vollprofi bist, hast du nichts anderes mehr, an das du denkst. Hier in Luxemburg lenkt mich die Arbeit vom Volleyball ab und umgekehrt. Immer nur Volleyball stelle ich mir auf Dauer mental zermürbend vor.“

Zermürbend sollte allerdings auch die Zeit vor und während seiner Rückkehr werden. Auf der Suche nach einem passenden Verein für das Comeback in Luxemburg, hoffte Vater Mexx Braas eigentlich, dass sein Sohnemann zurück nach Walfer kommt, wo Vater Braas seit Jahren als Sekretär und in etlichen Trainerfunktionen fungiert. „Walfer war damals nicht titelfähig, und ich kam als Profi zurück nach Luxemburg. Ich wollte in eine Mannschaft, in der ich sofort um den Titel mitspielen konnte.“

Die ausbleibende Rückkehr zum Jugendklub und der Wechsel nach Bartringen trübten die häusliche Stimmung zeitweise etwas. „Er war trotzdem bei fast jedem meiner Spiele, um mich zu unterstützen. Er hätte mich halt nur lieber wieder in Walfer gesehen.“ Ähnlich wie seine Auslandsaufenthalte, sollte auch das Kapitel Bartringen allerdings nur ein Jahr andauern. Nach einem enttäuschenden Saisonendspurt mit Niederlagen im Halbfinale des Pokals und im Finale der Meisterschaft stand der VC Bartringen vor einer ungewissen Zukunft – für Braas kam dann der Wechsel nach Strassen.

2013 waren die Spiele der kleinen Staaten hierzulande. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Gilles Braas

Hier fühlt sich der 29-Jährige mittlerweile pudelwohl. „Strassen ist im Männervolleyball sowohl in puncto Infrastruktur als auch in puncto Mannschaft das Beste, was wir in Luxemburg haben“, schwärmt Braas. Der Meistertitel in der letzten und die Dominanz in dieser Saison unterstreichen seine Aussage. Aber nicht nur auf Vereinsebene will Braas weiter überzeugen. Auch in internationalen Gewässern – mit der Nationalmannschaft – hat der Kapitän noch einiges vor. „Aktuell stehe ich auf Rang vier der Spieler mit den meisten Spielen für Luxemburg. Zum Rekord (161 Spiele) von Massimo Tarantini, meinem Trainer, sind es noch ungefähr 30 Spiele. Das ist definitiv ein Ziel, das ich gerne erreichen würde.“ Und auch auf die Spiele der kleinen Staaten von Europa 2029 in Luxemburg hat Braas ein Auge geworfen. „2013 waren die Spiele in Luxemburg. Die Atmosphäre war unglaublich. Ich kriege jetzt noch Gänsehaut, wenn ich daran denke. Wenn möglich, will ich 2029 noch einmal dabei sein.“ Im Jahr 2029 wird Braas 37 Jahre alt. Ein fortgeschrittenes Alter für einen Sportler. Undenkbar ist seine Teilnahme allerdings nicht.

Spätestens danach wird allerdings auch Braas irgendwann einen sportlichen Schlussstrich ziehen. Womit er sich dann die Zeit vertreibt, weiß er noch nicht. Seit kurzem versucht er sich das Gitarrespielen beizubringen. Vielleicht die neue Leidenschaft? „Ich mochte Musik schon immer, war aber auch schon immer ziemlich talentfrei“, lacht Braas über sich selbst. Auch das Kochen hat Braas für sich entdeckt. „Ich koche eigentlich sehr gerne. Ich weiß jetzt nicht, ob ich es außergewöhnlich gut kann, aber es macht mir einfach Spaß.“

Natürlich bedeutet mir der erste Titel sehr viel. Bei Familientreffen habe ich der Titelsammlung meiner Schwester jetzt immerhin etwas entgegenzusetzen. Gilles Braas

Eine, die das besonders freuen dürfte, ist Lindsay Dowd. Die Freundin von Gilles Braas ist US-Amerikanerin und spielt seit mehreren Jahren professionell Volleyball in Europa. „Momentan spielt sie in Aachen. Wenn ich dann einmal spielfrei habe, besuche ich sie.“ Die Beziehung der beiden wurde aufgrund der Pandemie völlig unerwartet auf ein neues Niveau gehoben. „Es gab irgendwann keine Garantie mehr, dass sie nach Luxemburg kommen kann. Also haben wir entschieden, uns zu pacsen, weil sie dadurch eine dauerhafte Einreisegenehmigung bekam.“

Eine tiefere Bedeutung als den Pragmatismus, die Freundin auch weiterhin sehen zu können, rechnet Braas diesem Bund allerdings nicht zu: „Das war nichts Romantisches. Ich bin da eher ein Verfechter der traditionellen Hochzeit, die man mit Familie, Freunden und der Geliebten richtig genießen kann.“ Insgeheim ist Braas ein Gefühlsmensch, der sowohl im Sport als auch im Privaten viel Wert auf sein Wohlbefinden und das richtige Umfeld legt. „Irgendwann will ich eine Familie gründen und selbst Kinder haben.“ Ob es jemals zurück zu seiner alten sportlichen Familie nach Walfer geht? Auch darüber denkt Braas leise nach. „Geplant ist es noch nicht. Ob und wann es zustande kommt, hängt von vielen Faktoren ab.“ 

Text: Daniel Baltes // Fotos: Philippe Reuter (2), Luis Mangorrinha (Editpress)

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Author: Philippe Reuter

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