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Der Glückspilz

Eine Klettertour in den Bergen, eine Fahrt über die legendäre Route 66, ein geselliger Abend mit Freunden, etwas Außergewöhnliches erleben, in Arizona einen „Cowboy“-Schlumpf finden, ein ausgiebiger Spaziergang mit seinem Hund – für Georges Haas hat das Glück viele Gesichter. Fotos: Philippe Reuter

Warum gibt es so viele unglückliche Menschen? Und was machen sie falsch? Für Georges Haas gibt es eigentlich nur eine passende Antwort: „Well se net genuch aus hirem Liewe maachen.“ Weil sie verlernt haben, sich über „kleine“ Dinge zu freuen, nichts wagen, kein Vertrauen in sich selbst haben. Er ist und denkt anders und würde sich wünschen, dass mehr Leute seinem Beispiel folgen. Optimistisch sein, Humor haben, sich selbst nicht allzu ernst nehmen. In seinem Buch „Der verrückte Mister Glück“ schildert der mehrfache Luxemburger Landesmeister im Schach die Entwicklung eines kleinen Lausbuben zu einem zufriedenen Erwachsenen, der aufgrund einer gewissen „positiven Verrücktheit“ ein erfülltes Leben lebt.

„Ech denke ganz gäer u meng Jugendzäit zreck“, so Georges Haas schmunzelnd. Allerdings habe sich nicht alles so zugetragen, wie es sein junger Held Friedhelm in den 27 Episoden des Buches erlebt. „Ech hunn vill derbäierfonnt.“ Aber in Sachen Lebenseinstellung sind er und Friedhelm eins. Beide hören in erster Linie auf ihr Herz, sind unkompliziert und kümmern sich nicht darum, was andere Leute von ihnen und dem, was sie tun, halten. „Jidderee soll säi Liewe liewen.“ Zu diesem Leben gehören selbstverständlich auch unangenehme Erfahrungen, Fehlentscheidungen und Niederlagen. Monotonie und Langeweile sind indes tabu.

„Ech hunn awer net ëmmer nëmme Gléck. Mä ech gi mir Méi.“ Georges Haas, Autor

PHR_3892Dabei hat Georges Haas viele Jahre als Kreditfachmann bei einer Luxemburger Bank gearbeitet, nahm an mehreren Schach-Olympiaden teil, errang 1988 als FIDE-Meister – eine Weltrangliste des internationalen Schachverbands – den ersten internationalen Schachtitel für Luxemburg und trainierte jahrelang den Bonneweger „Cercle d’échecs Gambit“ – klingt nach einem ziemlich „geregelten“ und nicht gerade stressfreien Alltag, oder? „Et muss ee sech Fräiräim schafen.“ Dennoch gibt Georges Haas zu, dass beispielsweise die Zweikämpfe um die Luxemburger Landesmeisterschaft und die zahlreichen internationalen Turniere ihm viel Kraft abverlangt haben und dass er sich ungern an die stundenlangen Ablenkungsmanöver eines unfairen Gegners während der Schacholympiade in Manila erinnert. Aber – zum Glück – überwiegen die freudigen Events: der Sieg in London über Großmeister Stuart Conquest oder der gelungene Überraschungsangriff in Prag gegen den tschechischen Großmeister Miroslav Filip, um nur einige zu nennen. Heute kämpft Georges Haas um keinen König mehr. Stattdessen sammelt er Schlümpfe.

Auf 8.000 Figuren ist seine Sammlung mittlerweile angewachsen. Dass er in Zermatt einen Bergsteiger-Schlumpf, in Italien einen Pizza-Schlumpf, auf Puerto Rico einen Piraten-Schlumpf und in Wien einen Geigenspieler-Schlumpf gefunden hat, ist eigentlich „normal“. Weitaus verwunderlicher ist indes die Tatsache, dass er in der Woche, in welcher das Buch gedruckt wird, den sehr seltenen Schlumpf mit einem vierblättrigen Kleeblatt auf einem Flohmarkt entdeckt. Ein weiterer dieser überaus einzigartigen Zufälle, die Georges Haas im Leben begleiten.

Und richtig Glück hatte Georges Haas an dem Tag als er seine Frau kennenlernt. Die beiden heiraten in Las Vegas. Eine Familie gründen sie nicht. In diesem Punkt sind sie mit Friedhelm einer Meinung. Romy teilt Georges´ Hobbys, erlernt sogar das Schachspielen. Als Georges die Idee hat, ein Buch zu schreiben, steht Romy ihm mit Rat und Tat zur Seite. Die beiden lieben es, gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen. Noch mehr lieben sie ihren Bearded-Collie Athos vom Zauberwind.

„Ech hunn awer net ëmmer nëmme Gléck“, beteuert der Autor. „Mä ech gi mir Méi.“ Was heißen soll, dass er das Leben in vollen Zügen genießt, viel reist, sich nicht leicht aus der Ruhe bringen lässt, seine Projekte verwirklicht statt nur davon zu träumen.

Wir sind ausschließlich selbst für unser Glück verantwortlich. Wir müssen im Augenblick leben und die Gunst der Stunde nutzen. Die Leichtigkeit des Seins ist äußerst wichtig. Nur nicht fremdgesteuert leben und keinen anderen nachahmen. Ein aktives Leben bringt Anerkennung, Freude über das Erreichte und kreative Leistung. Nichts macht unglücklicher als Passivität und Mangel an Lebensenergie.

So wie Friedhelm, der genau weiß, dass man kein zweites Leben hat, will auch Georges Haas sein einmaliges, unersetzliches und unwiederholbares Leben auf keinen Fall verpassen. Eine sehr nachahmenswerte Einstellung.

Cover-Der-verrückte-Mister-GlückIm Fachhandel erhältlich, 288 Seiten, 21,80 Euro.

Gabrielle Seil

Journalistin

Ressort: Kultur

Author: Philippe Reuter