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Der Kampf geht weiter

Mit beeindruckender Beständigkeit zeigt die Künstlerin und Frauenrechtlerin Berthe Lutgen ihre Werke, zurzeit in der Ausstellung „L’Emprise du Réel“ in der Abtei Neumünster. Selbst in einem idyllischen Stillleben steckt eine politische Aussagekraft.

Ein Blumenstrauß, Äpfel auf einem Teller, dazu eine Zitrone, Topfpflanzen und noch einmal Blumen – das Ganze vor einem Fenster, das einen Rahmen darstellt für die grünen Blätter eines Baumes oder eines Strauches und der den Blick eingrenzt, heraus aus der Intimität der eigenen vier Wände. Das ist der „Lockdown“, so der Titel des Bildes, wie ihn Berthe Lutgen im Mai und April 2021 gesehen hat, als sie es malte. Auf diese Art und Weise hat die luxemburgische Künstlerin das Thema Pandemie und das Eingeschlossen-Sein konzeptuell verarbeitet in einem Stillleben.
Vier Jahre zuvor war an gleicher Stelle die Ausstellung „La marche des femmes“ zu sehen, darunter markante Werke wie „The Deciders“ oder „Femme battue“: Letzteres zeigt ein in Ölfarben gemaltes Gesicht, ein Auge dunkel umrandet, das Gesicht leicht verzogen, an den Lippen ist ein Bluterguss angedeutet. „Ni méi“, „Plus jamais“ und „Nevermore“ steht auf dem Gemälde, beigefügt sind Post-its mit Informationen aus der Tageszeitung Libération wie: „Chaque année en France, plus d’une centaine de femmes sont abattues par leur conjoint ou leur ex, sans que cela n’émeuve grand monde.“
Von ihren Anfängen in den 60er Jahren bis in die pandemische Zeit, so könnte man das Spektrum der Kunst beschreiben, das Berthe Lutgen beschreitet, angesichts der einen, im Mai zu Ende gegangenen Ausstellung – „Summer of 69“ in der Villa Vauban – zur nächsten, die kürzlich in der Abtei Neumünster eröffnet wurde. Die Jahre der Rebellion hat die Kunst der 1935 in Esch geborenen Künstlerin geprägt.

Ihre Kunst sei immer engagiert, immer rebellisch gewesen, sagt Lutgen. Umso enttäuschter muss sie gewesen sein, dass ihre Happenings und ähnliche Kunstaktionen von der luxemburgischen Öffentlichkeit damals noch weitgehend ignoriert wurden. Auch ei-nes ihrer wohl prägnantesten Werke, das in einer Ausstellung der Initiative 69 gezeigt wurde: „Beine statisch, Beine in Bewegung, Beine live“, das sich über fünf Bildtafeln erstreckt. Jede Tafel zeigt einen weiblichen Unterleib in Unterwäsche, inmitten einer Anordnung von roten Resopalplatten. Zu dem Kunstwerk gehörte noch eine Performance von Frauen, die mit verschränkten Armen zwischen den Tafeln standen sowie eine Filmprojektion. In dem Ausstellungskatalog der Villa Vauban wird die „Beinserie“ als „erstes und damit wichtiges Zeugnis der feministischen Kunst in Luxemburg“ bezeichnet.

Ihre Kunst ist immer engagiert, immer rebellisch gewesen.

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Ihr Schaffen werde durch zwei Aspekte bestimmt, so Berthe Lutgen: Es sei realistisch, insofern es sich auf die Darstellung der Frau bezieht, der Frau in der Gesellschaft und der Frau in der Kunst. Was ihren künstlerischen Stil betreffe, so erlaube sie sich jegliche Freiheit. Nach dem Studium an der École Nationale Supérieure des Beaux-Arts in Paris und an der Akademie der Bildenden Künste in München und an der Kunstakademie in Düsseldorf war sie hierzulande Mitbegründerin der „Arbeitsgruppe Kunst“ (1968-70) und der „Groupe de Recherche d’Art Politique“. Sie erkannte früh, dass mit ihrer Kunst weniger zu bewirken war als mit politischer Aktion. So gründete sie 1971 den Mouvement de la libération de la femme (MLF) mit. Später setzte sie ihre Studien an der Düsseldorfer Kunstakademie und an der Uni Bonn fort. Von 1979 bis 1996 war sie als Kunsterzieherin am hauptstädtischen Athénée tätig.

Die aktuelle Ausstellung in der Abtei Neumünster orientiere sich an den ältesten Disziplinen der bildenden Kunst, sagt sie. „Femmes au travail“ zeige in einem ikonografischen Kontext Kopien von Holzschnitten, Lithografien und Gemälden vom Mittelalter bis zu Picassos „La Repasseuse“ aus dem Jahr 1904. „Ich habe die meisten Zeichnungen nach Fotos von Frauen an ihrem Arbeitsplatz gemacht. Sie sollen geehrt und auf ein Podest gestellt werden. So zum Beispiel in Form eines Triptychons.“

Ihren Zeichnungen im DIN-A-4-Format vor violettem Hintergrund liegen größtenteils von ihr gemachte Fotos von Frauen am Arbeitsplatz zugrunde. Die Frauen sollen als tätige Mitglieder der Gesellschaft gewürdigt werden, wenngleich ihre Arbeit schlecht bezahlt wird, dies seit der Antike. Auf den Zeichnungen der 70er Jahre bis heute zeigt Berthe Lutgen Frauen in eingeengten Verhältnissen lebend und Kinder als Opfer von Krieg und Hungersnot.

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Auf die Frage, ob sich seit dem Beginn ihres Engagements für Gerechtigkeit und die Gleichstellung der Frau viel verändert habe, sagt Berthe Lutgen: „Die Frau galt damals als minderwertig. Sie durfte nicht arbeiten und kein Konto eröffnen ohne Einwilligung des Ehemannes. Schon in den 60er Jahren habe ich gesagt, dass die Frau den größten Raum in meinem Werk einnehmen und hauptsächlich Thema meiner Kunst sein sollte.“ Es war aber auch die Zeit, als sie als realistische Malerin und auch als Frau benachteiligt war. „Es war damals schwierig, als Frau auszustellen“, erinnert sie sich. Und doch ergaben sich immer wieder Gelegenheiten: „Ich fand immer eine Ausstellungsmöglichkeit. Fast jedes Jahr. Auf die „Bein-Serie“ von 1969, die ich zusammen mit einer Gruppe von jungen Künstlerkollegen ausstellte, gab es überhaupt kein Echo. Das war für mich der Anlass, den Mouvement de Libéralisation des femmes (MLF) zu gründen (1971). Ich dachte, wenn man mit Bildern nichts erreichen kann, dann musste man politisch aktiv werden.“

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Der Kampf gehe weiter, sagt sie, auch heute angesichts von Krieg und Flüchtlingsleid, Hungersnot und der nach wie vor bestehenden Benachteiligung von Frauen. Immerhin gebe es zunehmend mehr Männer, die dem Feminismus positiv gegenüberstehen, fügt sie hinzu. Der jüngste Gerichtsentscheid in den USA gegen das Recht auf Abtreibung hat Berthe Lutgen erzürnt, und sie hat gleich auf Facebook ein Bild geposted und dazu aufgerufen: „Que les luttes continuent, pour l’avortement et contre le port d’armes.“

Fotos: Alain Rischard (Editpress), privat

* Die Ausstellung „L‘emprise du Réel“ in der Abtei Neumünster ist bis zum 28. August zu sehen.

Stefan Kunzmann

Chefredakteur

Ressorts: Politik & Wirtschaft

Author: Dario Herold